Deutschunterricht – Chevrolet Corvair Convertible

Deutschunterricht – Chevrolet Corvair Convertible


Marktbeobachtung

Mal angenommen, sie sind ein texanischer Farmer, im 27. Jahr verheiratet, die Ernten waren immer recht gut bisher, nicht berauschend, aber auch nicht mies, die Kinder sind aus dem Haus, die Möbel sind abbezahlt und abends sitzen Sie auf der mürben Holzveranda in der Hollywoodschaukel und schlürfen selbstgemachte, miserabel süße Limonade. Sie brauchen dringend Veränderung. Sie brauchen ein neues Auto. Ein aufregendes Auto! –  das Ihr bisher so einschläferndes Leben in Sekundenschnelle zur Hölle werden lässt.

Chevrolet Corvair. Das Auto mit einem der größten Vorteile, die ein unausgereifter Heckmotor-Ami haben kann: Er wird nicht mehr gebaut. Grauenhaft schnörkellos war dieser Wagen, der sich anbiederte, ein Kompaktwagen zu sein – und es damit den seinerzeit wie schlechte Großserienautos aus den US-amerikanischen Fabriken schießenden schlechten Großserienautos gleichtat: Er war im Prinzip zum Davonlaufen.

Aber das wollte schon damals niemand: laufen. Lieber schlecht gefahren, als gut gegangen, dachten sich die Amis, als sie wie verrückt begannen, "vernünftige" Kleinwagen wie den VW Käfer zu kaufen. Und von dem hatte sich der von GM-Chefstylist Ned Nickles maßgeblich inspirierte Corvair eine Menge abgeguckt: Schlechtes Fahrwerk, mäßige Bremsen, heimtückisches Fahrverhalten. Wer Glück hatte, wurde bei einem Unfall mit dem crashmäßig völlig unzureichenden Corvair gekillt, bevor er an den ins Lüftungssystem eindringenden Öldünsten über die Jahre unbemerkt dahinschied.

Der Wagen ahmte einerseits den erfolgreichen Europäer namens Käfer nach, wenn auch auf anderem Niveau, und wurde selbst zur formalen Inspiration vieler Anderer: NSU brachte den "Prinz" mit Corvair-Linie,  BMW den "02", Panhard seine 24-Serie, Simca seinen 1.000,  Renault den R 8 und sogar VW ließ anhand des "großen Karmann" die klassische Corvair-Kante anklingen. All diese Wagen zitierten den Corvair, ohne jedoch im verheerenden Buch des Gesellschaftskritikers Ralph Nader ("Unsafe at any Speed") dessen zweifelhafte Lorbeeren zu sammeln.

Am Seltsamsten jedoch ist, dass der amerikanische Wagen so wenig Kriegsbemalung trug: Keine Ornamente, kein Chromschmuck prangten auf seinem Blechkleid. Am besten war man wohl im Cabriolet aufgehoben, da machten die zusätzlichen Liter verbrannten Motoröls, die ins Lüftungssystem des Chevy gerieten ... oh, hatte ich das bereits erwähnt?

Nach Nader's Buch spürten noch weniger Leute als erwartet den Drang, einen derartigen "Über-Käfer" zu erwerben. Der Corvair blieb ein Außenseiter, einer mit dem Herz am rechten Heck – wie unglaublich europäisch die Amerikaner doch plötzlich bauen konnten! Dennoch kaufte man in den USA bald wieder entweder Käfer oder Kreuzer – wozu in der Ferne das Markenfähnchen schwingen, wenn man doch viel leichter an das (zudem so klassenlose) Original aus Wolfsburg heran kam?

Eine gute Frage.