Der Schnellste! – Audi 200

Der Schnellste! – Audi 200


Marktbeobachtung

Da sitzt Du an einem Sommertag des Jahres 1984 auf dem heißen Kantstein deiner heimischen Kleinstadt, rechts ein Himmy-Jimmy in der Hand, während die andere die „auto, motor & sport“ durchblättert. Clauspeter Becker, es sind seine besten Zeiten, schreibt etwas über den Rolls Royce Camargue, irgend ein Übervorsichtiger malt ein Unheilsszenario à la „Katalysator bald Pflicht!“ in den noch CO2-freien Himmel, und du hast nur Augen für ein ganz bestimmtes Auto.

Es kam aus dem Weltraum, zumindest ähnlich unwirtlich wie im Windkanal der Audi NSU Auto Union AG muss es auch dort zugehen, hatte einen intergalaktischen Fünfzylinder-Turbo-Antrieb und mehr Platz als ein interstellarer Star Wars-Raumkreuzer. Dabei war das Ding äußerlich in ein Holo-Blechkleid Marke Sternenbuchhalter gekleidet, hatte aber einen Anzug wie Luke S. im kleinen Kampfjet. Schon bleiben die ams-Seiten an deinen Fingerkuppen kleben, der Geruch verwischender Druckerschwärze mischt sich mit dem des E 231, das dein Kunsteis so fantastisch schmecken lässt. Rote Zuckerkleckse patschen auf die Aufmacherseite des ersten ausführlichen Fahrberichts des Audi 200 Turbo und du wünscht, du wärst Buchhalter. Dann könntest du auch einen haben.

Es ist die Zeit, in der Mercedes und BMW immer unangenehmer dämmert, dass sie bald nicht mehr die einzigen Luxuswagenbauer aus deutschen Landen sein werden. Zwanzig Jahre, bevor man den VW Phaeton belächelt, lacht man über den Audi 200. Ein aufgeplüschter Audi 100 mit etwas Bums unter der Haube, alles etwas ordinär ... Wenn da nur nicht seit vier Jahren ein Antrieb namens quattro über die Rennpisten waberte, in Verbindung mit einer immer aggressiveren Modellpolitik, technischen Innovationen wie weltbestem CW-Wert, verzinkter Karosserie und unaufhaltsam steigender Materialqualität – der Weinbrand in den Chefetagen von Stuttgart und München schmeckt zunehmend schal, das Zigarrenaroma wirkt abgestanden. Man würde gern, doch man kann es nicht mehr ausblenden: Audi holt auf.

Der Typ 44 von Audi machte sprachlos. Nicht so, wie kurz zuvor der Ford Sierra. Beim Audi passten auch die inneren Werte zum äußeren Erscheinungsbild. Er soll zwar tatsächlich von einigen als 75-PS-Basisversion bestellt worden sein, doch endgültig Furore machte der Zwokommazwo Liter Fünfzylinder-Einspritzer in dieser Baureihe.

Im Audi 200 waren diese 136 PS Standard. Noch eins drauf bekam der Motor dank Turboaufladung, die in 165 PS resultierte. Und genau das ließ uns unser schmelzendes klebriges Eis vergessen, stand da doch in ams, der 200er „Tubbo“ renne 230 km/h. 230! Boah. Alter, ey!

Und wie er sie rannte. Knurrend, bellend, gellend fraßen sich die fünf Zylinder durch den vor ihnen liegenden Luftraum, innen sorgten kurze Schaltwege per Lederschaltknauf für adrenalinfördernde Beschleunigungswahrnehmung, dass man gleichzeitig recht kommod auf beigem Velours saß und relativ gedämmt dazu, irritierte seltsamerweise nicht. Damals zumindest nicht. Während man also so vor sich hinstürmte, pustete die Klimaanlage (!) eisgekühlte Luft in den aufgeheizten Innenraum (jaja, das war eine schlimme, neue Sache damals) und das Bose Soundsystem Billy Idol in die Ohren der Mitfahrer (noch so eine schlimme Sache – Billy Idol). Immer wieder strichen unsere Finger über die versenkten Kippschalter der elektrischen Fensterheber, sahen die nüchternen weißen Zeiger von Tacho und Tourenzähler ruckartig nach oben schnellen, begleitet vom sonoren Zupacken des Fünfenders und von „Don’t need a Gun“. Das beste war jedoch, dass sich sogar feiner Lederduft im Innenraum verbreitete, von eben solchen Lederpolstern, die nach fünf Jahren bereits abgeschabt sein würden, doch das wussten wir damals gottseidank noch nicht. Es schien uns völlig unmöglich, dass solch ein Auto einen Nachfolger haben könnte. Einen womöglich noch besseren Nachfahren. Dass so etwas absurd sei, dachten nicht nur wir. BMW und Mercedes wünschten es sich sogar ganz fest. Pustekuchen dank Turbolader. Die Ingolstädter hielt nunmehr nichts mehr auf.

Spontan juckt es in den Fingern, einen 200 Turbo zu ergattern. Sind ja nichts mehr wert! Schon wieder Pustekuchen. Die Zeit der abgerockten Grotten neigt sich ihrem Ende zu. Zwar werden Audi 200 nie wirklich nennenswerte Beträge erzielen, doch ein frühes Exemplar (zumal mit originalen Alufelgen) zu erhaschen, ist schwer geworden. Und sagen Sie jetzt bitte nicht, solche Autos interessierten Sie nicht. Sie hören doch nebenbei längst heimlich Billy Idol.

Autor: Knut Simon