Der Plüschinator – Honda Accord I

Der Plüschinator – Honda Accord I


Marktbeobachtung

Helmut Schmidt war Bundeskanzler, mühsam unternahm VW seine ersten Gehversuche auf kultivierten automobilen Pfaden und die Bundesrepublikaner akzeptierten die DDR, so lange sie deren Autos und vollsynthetische Oberhemden nicht kaufen musste. Das war 1976. Oh, und Honda präsentierte seine Wunderwaffe Accord.

Präpariert hatte Japan sein interkontinentales Mittelklassegeschoss mit sparsamen und kultivierten Motoren, einer butterweichen Fünfgang-Schaltung, einem Kubikmeter Plüsch sowie einer Digitaluhr. Das war mehr, als man 1976 erwartete. Und ziemlich genau so viel, wie ein dreimal so teurer Mercedes W 116 in Buchhalter-Ausstattung laut Preisliste einforderte. Allerdings war dieser auch nicht der Konkurrent des Accord, den es anfangs nur als Hatchback, sprich als Fließheck, gab. Honda wollte vor allem seinem etablierten, aber kleinen Civic Schützenhilfe geben, die in die nächst höhere Klasse zielte.

„Goldene Mitte“ war bei dieser Generation des Accord wörtlich zu nehmen: Türverkleidungen, Sitze, Teppich, Armlehnen und sogar Türöffner schwelgten in artifizieller Wohlstandscouleur – Schloss Linderhof war nicht weniger plüschig ausgestattet. Dafür war der Accord ein wahrer Wagen des komfortbedachten Volkes. Sein Preis ließ aufmerken, seine Ausstattung staunen, Motor und Getriebe begeisterten. Ab 1979 gab es die „Hondamatic“ sogar mit drei statt zwei (!) Fahrstufen, zum Hatchback mit serienmäßig heizbarer Heckscheibe und Innenentriegelung der Heckklappe gesellte sich eine viertürige Limousine, die 22 Zentimeter länger war als das Fließheck. Jetzt gab es für die Deutschen kein Halten mehr: Warum Jetta, Kadett oder Escort kaufen, wenn man für weniger Geld eine japanische, etwas barocke Wundertüte bekam?

Leider sind die ersten Accord so gut wie ausgestorben. Zumal die skurrilen Hatchbacks  findet man nur noch per Zufall. So begegnete ich neulich einem Erstbesitzer, der seinen Hatchback 1978 erwarb und seitdem 330.000 zufriedene Kilometer zurücklegte. So lange er Ersatzteile für den Wagen bekäme, sähe er keinen Grund, sich von seinem Honda der ersten Stunde zu trennen.

Japan ist ein Land der extremen Gegensätze. Sorgsam bewahrten und zelebrierten Traditionen steht ein schon beinahe unerschütterlicher Fortschrittsglaube gegenüber. Vor diesem Hintergrund ist es eher verständlich, dass sich die japanischen Autohersteller erst seit relativ kurzer Zeit ihrer historischen Wurzeln besinnen und diese entsprechend würdigen. Gute Nachrichten also für alle Fans der japanischen Blüten des Automobilbaus.