Der Nitribitt-Knick

Der Nitribitt-Knick

Manchmal haben die Besitzer von Fahrzeugen einen beträchtlichen Einfluß auf dessen Außenwirkung in der Öffentlichkeit. Der Mercedes 190 SL wäre durch eine seiner Halterinnen fast aus dem Straßenbild verschwunden.  

Rosemarie Nitribitt  1933-1957


Im November 1957 stürzten sich die Zeitungen, Illustrierten und Klatschblätter des spießig-braven Wirtschaftwunder-Deutschlands begeistert auf einen Mord der sich schnell zum Skandal ausweitete. Ganz Deutschland watete genüsslich im Sumpf immer neuer Enthüllungen um Leben und Tod der Kurtisane Rosemarie Nitribitt. In einschlägigen Kreisen war sie auch als „Becky“, „Rebecca“ oder „Gräfin Maritza“ bekannt. Sie war am 1. November 1957 brutal ermordet in Ihrer Frankfurter Luxus-Wohnung aufgefunden worden. Nun war ein Mord selbst 1957 noch keine Garantie für eine große Auflage. Aber hier war es das Umfeld, das die Nation aufhorchen ließ. Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen wurde ein repräsentativer Querschnitt des nachkriegsdeutschen Geldadels zum Verhör komplimentiert: Harald von Bohlen und Halbach, der Bruder des Chefs der Krupp-Dynastie, Gunter Sachs, Harald Quandt, Bill Ramsey, etliche Generaldirektoren und Wirtschaftskapitäne. Sie alle gaben sich mit hochgeschlagenem Mantelkragen die Klinke des Hintereingangs zum Frankfurter Polizeipräsidium in die Hand. Die Polizei war solch hochkarätige Kundschaft nicht gewohnt und scheute sich, die einflussreichen Herren in die Zange zu nehmen. Gunter Sachs erinnerte sich später, dass man sich mehr für die Bosch-Einspritzung seines 300 SL Flügeltürers interessiert habe als für sein Alibi. 

Dass die falsche Gräfin ausgerechnet in einem schwarzen Mercedes 190 SL mit roten Ledersitzen vor dem Nobel-Hotel Frankfurter Hof auf Kundenfang ging,  geriet für Mercedes zum PR-Desaster. Im Volksmund erhielt der Mercedes 190 SL auf Jahre die neue Modellbezeichnung „Nitribitt-Mercedes“. Spötter wandelten die Motorleistung in 105 Männerstärken um, eine Anspielung auf die Anzahl an Freiern, die den schicken Roadster bezahlt haben dürften. Nitribitt-Witze kursierten: „Zur Frankfurter Allgemeinen wollen Sie? Die ist grade ermordet worden.“ Die gerade mal Vierundzwanzigjährige hatte mit ihrer Unzucht 1956 stolze DM 80.000,-- verdient und damit ein höheres Jahreseinkommen als etliche Ihrer Kunden. „Die Nitribitt“ wie sie in der Klatschpresse und den deutschen Treppenhäusern genannt wurde war zum Thema Nr. 1 avanciert. Hausfrauen tauschten am Gartenzaun die neuesten Details aus: Ein Tankwart hatte ausgesagt, dass sie die Tankrechnung immer von Männern  bezahlen liess,  und zwar jedes Mal von einem Anderen. Vor dem 190 SL fuhr sie einen Opel Kapitän, den ihr ein Verehrer geschenkt hatte, usw. usw. Welch eine Abwechslung in Deutschland, das mit der ARD damals nur ein einziges Fernsehprogramm hatte.  

Rosemarie Nitribitt mit Pudel Joey und ihrem 190 SL

Für Mercedes-Verkäufer brachen harte Zeiten an: Entrüstete Fabrikanten-gattinnen stornierten zu Hauf ihre Neuwagen-Bestellung. Entnervte 190 SL Fahrerinnen drückten den armen Verkäufern Ihre kaum eingefahrenen Luxus-Roadster aufs Auge. Sie waren es leid, sich an Ampeln und Tankstellen dümmlich angrienen und zublinzeln zu lassen. Das „Hurentaxi“ 190 SL wurde von seinen ehemals stolzen Besitzerinnen verstoßen wie einst Aschenputtel. Kaum eine Frau wollte noch so motorisiert sein wie Deutschlands bekannteste Prostituierte und auch die Männer fühlten sich in Ihren SL´s nicht mehr so recht wohl. Die Verkaufszahlen und damit die Produktion des 190 SL knickten dramatisch ein: 

Produktionszahlen des Mercedes 190 SL:

Nitribitt-Skandal

Jahr: 1956 1957 1958 1959 1960

Stückzahl: 4032 3332 2722 3949 3977

Zeitweise halbierte sich die Tagesproduktion des 190 SL und wurde fast nur noch vom Export getragen. Schließlich sah sich Daimler-Benz erstmals in seiner Geschichte genötigt, seinen Verkäufern eine Sonderprämie auf jeden verkauften 190 SL zu zahlen. Diese Umstände machen es irgendwie verständlich, dass im großen Daimler-Archiv kein Bild der prominentesten 190 SL Kundin zu finden ist.

Der im November 1957 losgetretene Skandal wurde 1958 weiter aufgekocht. Denn Luggi Waldleitners Roxy-Film produzierte schon wenige Monate nach der Tat den Film „Das Mädchen Rosemarie“. Der teilweise als böse Satire auf die deutsche Wirtschaft angelegte Film war hochkarätig besetzt: Die hübsche und populäre Schauspielerin Nadja Tiller spielte die weibliche Hauptrolle. Ihre Filmpartner waren Stars wie Gert Fröbe (Goldfinger), Mario Adorf, Peter van Eyck u.a. Die automobile Hauptrolle übernahm natürlich auch hier ein 190 SL, allerdings in rot, denn Mercedes hatte entrüstet jede Bitte um Unterstützung zurückgewiesen. So musste Regisseur Rolf Thiele die Außenaufnahmen vor der Frankfurter Mercedes-Niederlassung heimlich drehen und den Schauraum selbst im Studio nachbauen lassen. Hier wurde die Szene nachgestellt, in der die schöne Kundin, die als Berufsbezeichnung Mannequin angab, ihren Mercedes übernahm. Den Kaufpreis blätterte sie cash aus der teuren Bally-Handtasche auf den Tisch des Hauses. Das Publikum ergötzte sich wohlig an dem üppigen Lohn der Sünde, den honorige Wirtschaftsführer bereitwillig bezahlt hatten. Nur am Rande sei erwähnt, dass der Film den goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig, einen Golden Globe und den Preis der deutschen Filmkritik erhielt. Auch die Kritiker hatten ihre helle Freude daran, wie die unnahbaren Wirtschaftspromis und Industrie-Bonzen bloß gestellt wurden. 

Quelle: Roxy Film 

Filmplakat von 1958: Man beachte den wegretuschierten Mercedes-Stern in der Radkappe. 

Ein Kopfgeld von DM 50.000,-- das die Illustrierte „Quick“ ausgesetzt hatte wurde nie eingefordert, der Mörder nie gefasst. Ein spektakulärer Prozeß endete mangels Beweisen mit Freispruch. Nicht einmal das Motiv wurde geklärt: Industriespionage, Erpressung oder Leidenschaft werden noch heute als  mögliche Hintergründe gehandelt. Was blieb war einer der spektakulärsten Mordfälle der deutschen Kriminalgeschichte.

Und was wurde aus dem Mercedes 190 SL von Rosemarie Nitribitt? Der im Mai 1956 mit dem Kennzeichen H70-6425 zugelassene Roadster wechselte  mehrmals und zu täglich steigenden Preisen den Besitzer. Gelegentlich tauchte er als Schaustück  auf Messen und in Autosalons auf. Nach einem Unfall wurde der Wagen in weiß oder grau umlackiert. Danach verliert sich bis seine Spur. Gut möglich, dass heute irgend jemand den berühmtesten aller 190 SL in der Garage hat- ohne es zu wissen.

Der Autor dankt Herrn Hartmut Preßler vom Polizeipräsidium Frankfurt und dem Kriminalmuseum Frankfurt. 


Autor: Alexander Köhnlechner