Der Mann, der Porsche machte: Huschke von Hanstein

Der Mann, der Porsche machte: Huschke von Hanstein


Porträt

Er machte einen obskuren Sportwagen aus einem Stuttgarter Vorort zum PORSCHE. Er war ein begnadeter PR-Mann, ein brillanter Chef und einer der besten Rennfahrer seiner Generation. Ohne ihn hätte Porsche nicht das Image, von dem die Marke bis heute lebt.

Wer kannte anno 1950 schon den Namen Porsche? Ein paar Führungskräfte der Automobil- und Rüstungsindustrie, in Wolfsburg erinnerten sich vielleicht eine Handvoll alte Facharbeiter an den kleinen Mann mit Hut neben dem Führer. Ansonsten: Porsche? Nie gehört …

Dann kam Huschke von Hanstein, von Beruf Verkäufer für Saatgut, 39 Jahre alt, mit Speed im Blut und preußischer Disziplin im aufrechten Haupt. Die Sache mit dem Saatgut war nur eine Übergangslösung und hatte sich schnell erledigt – denn als Hanstein bei Porsche landete, hatte er seine wahre Berufung gefunden.

Er war nicht mehr der jüngste, andere Männer in dem Alter müssen sich anhören, dass sie bald in ihre besten Jahre kommen, sprich auf dem absteigenden Ast sind. Für Huschke von Hanstein aber waren es wirklich die besten Jahre. Sein Speed, seine Disziplin, gepaart mit unerschöpflicher Energie, daraus wuchs das Markenzeichen Porsche.

Speed schon als Kind

Fritz Sittig Enno Werner Freiherr von Hanstein, geboren 3. Januar 1911 in Halle an der Saale, saß ziemlich früh im Sattel von Motorrädern. Den unbezwingbaren Speed ihres Sohnes Fritz spürten schon seine Eltern, weshalb sie ihn bald Huschke riefen. Der Name passte so gut, dass er ihn 1956 offiziell eintragen ließ.

Der schnelle Huschke fiel 1933 der Hanomag-Rennabteilung auf, man heuerte ihn als Werksfahrer an, was ihm offenbar noch besser lag als mit dem Motorrad zu rasen. Unter anderem fuhr er die 2000 km von Deutschland – anno 1934 ein echtes Rennen – und die Fernfahrt Lüttich-Rom-Lüttich. Sowas konnte kein Weichei überstehen, Hanstein zeigte damals das Holz, aus dem er geschnitzt war. 1937 wechselte er ins Rennteam von Adler und fuhr in Le Mans das wunderschöne Stromlinien-Coupé – leider nicht ins Ziel.

Damals war das große Duell Auto Union gegen Mercedes-Benz im Gange; Auto Union-Rennleiter Karl Feuereissen bot Hanstein einen Vertrag als Nachwuchsfahrer an. Eine große Ehre! Damit gehörte Hanstein zu dem Rennteam, das Ausnahmefahrer wie Bernd Rosemeyer oder Tazio Nuvolari beschäftigte. Allerdings sollte es ein bisschen dauern bis zum ersten Einsatz, weshalb Huschke von Hanstein sich die Zeit mit einem BMW 328 vertrieb – dem Übersportwagen, der ab 1938 europäische Sportwagenrennen dominierte.

Schwarze Flecke auf der weißen Weste

Und mit dem eigenen Auto zeigte Huschke von Hanstein, dass er eben nicht der aufrechte Ritter in strahlender Rüstung war, als den manche Biographen ihn gern zeichnen. Hanstein war SS-Mitglied, und die Kriegsbemalung seines 328 ließ darüber keine Zweifel: Das Kennzeichen lautete "SS-333", und auf den Flanken prangten ebenfalls die Runen der schwarzen Truppe.

Was soll man davon halten? War er ein Opportunist, der mitmarschierte? Er selbst äußerte sich nach 1945 nicht dazu – aber eins ist gewiss: SS-Mitglied wurde man nicht von selbst, das musste man man gezielt anstreben. Es passte wahrscheinlich gut ins Programm der Nazi- Propaganda, dass ein SS-Mann die Mille Miglia 1940 gewann. Ob dieses Rennen wirklich seinen Namen als internationale Veranstaltung verdient hat, sei dahingestellt, denn außer BMW nahmen nur italienische Hersteller teil (unter anderem Enzo Ferrari zum ersten Mal mit einer Eigenkonstruktion).

Hanstein jedenfalls kam ans erster ans Ziel in einem 328 Coupé mit Superleggera- Karosserie. Zeugnisse seiner Aktivitäten während der folgenden vier Jahre sind dürftig; nach dem missglückten Attentat auf Hitler im Juni 1944 jedenfalls fiel der deutsche Adel in Ungnade und Hanstein wurde an die Ostfront versetzt. Die Nachkriegszeit überlebte er, indem er den Saatguthandel seiner Eltern mit aufbaute; und ziemlich bald fuhr er wieder Rennen – auf Vespa-Rollern.

Der Mann, der Porsche machte

Er wohnte nicht weit von Braunschweig, in der Nähe lag das Volkswagenwerk und begann seinen langsamen Aufstieg. Karl Feuereissen, der ehemalige Auto Union-Rennleiter, fing dort als Verkaufsleiter an und holte Huschke von Hanstein als PR-Assistenten. Zuvor aber möge Hanstein doch bitte beim Professor Porsche vorsprechen, der in Zuffenhausen bei Stuttgart einen Sportwagen auf Volkswagen-Basis in Produktion nehmen wollte – das sei der richtige Ort, um sich in einem Praktikum auf die Arbeit für Volkswagen vozubereiten, fand Feuereissen.

Huschke von Hanstein jedenfalls sah er nie wieder, metaphorisch gesprochen. Hanstein traf in Stuttgart ein, fuhr einen Porsche 1100 Probe, kaufte ihn auf der Stelle und wollte nicht mehr fort.

Er habe Public Relations in Deutschland eingeführt, sagte eine enge Mitarbeiterin später. Das stimmt natürlich nicht, wenngleich der Wirbelwind an Pressearbeit, Werbung, öffentlichen Auftritten, VIP-Betreuung und vielen anderen Dingen, den Huschke von Hanstein bald entfesselte, seinesgleichen in Deutschland kaum hatte. Hanstein war ein Genie der Öffentlichkeit, völlig beseelt vom Porsche-Sportwagen, gesegnet mit aristokratischer Eleganz, großem Esprit und unendlich vielen Kontakten.

David gegen die Goliaths

Ein Budget hatte er nicht, Porsche war ein Nischenhersteller, und trotzdem nahm Hanstein den Kampf gegen die Giganten der Industrie auf, egal ob Ford, General Motors oder Daimler-Benz. Das allein gab ein prima Motiv: der agile, sportliche David gegen die fetten Goliaths. Als Gegenentwurf zum Normalautofahrer formte Huschke von Hanstein das bis heute gültige Image des Porschefahrers: schnell, engergiegeladen, weltläufig, betucht. Natürlich modellierte er dieses Image nach sich selbst, denn nur wenige verstanden es, einen Porsche zu bewegen wie Huschke von Hanstein.

Zugleich war er Rennleiter, was ein interessantes Licht wirft auf die Anfänge des Motorsportengagements bei Porsche: eine PR-Maßnahme. Er engagierte seine Leute mit Handschlag, und so hatte er Hans Herrmann im Team, Dan Gurney und andere Größen, nicht zuletzt den Grafen Berghe von Trips, den er förderte und aufbaute. Der Tod des begnadeten Grafen im September 1961 warf Hanstein völlig aus der Bahn – hier wartete der andere dunkle Bereich seines Lebens: Es war absolut tabu, in Hansteins Abteilung von den Gefahren des Rennsports zu sprechen. Er kannte diese Gefahren sehr genau, aber wusste keine Antwort darauf. So schwieg er darüber.

Ansonsten gab es nur wenig, was seine Laune trüben konnte. Er verfiel auf die erstaunlichsten Tricks, um dem Namen Porsche Öffentlichkeit zu verleihen – so ließ er sich gern auf Flughäfen ausrufen: "Herr von Hanstein, Porsche-Rennleiter, bitte zur Information." Gegen die PR-Maschinen der Konkurrenz setzte er unvergessliche Erlebnisse: Bei einer Automesse in Finnland lud er zu einer Pressekonferenz in die Sauna ein, mit anschließendem Herumrollen im Schnee …

Speed bis zum Schluss

Er konnte sehr schnell fahren, und tat es mit Leidenschaft, so oft es ging und mit viel Erfolg. So belegte er 1954 mit seinem eigenen Porsche 550 Spyder auf dem Sachsenring den ersten Platz, fuhr 1962 in Sebring in der Zweiliter-GT-Klasse zum Sieg – Pokale und Siegerkränze füllten sein Haus. Auch sonst fuhr er, dass seinen Mitfahrern Hören und Sehen verging. Selbst gestandene Rennfahrer flehten um Gnade, wenn Huschke von Hanstein im Schnellfahrmodus war. Nicht dass es ihn erweicht hätte. Noch 1965 brach er im neuen Porsche 911 am Hockenheimring zwei Langstreckenrekorde.

Zu der Zeit lief aber seine Uhr schon ab. Eine neue Generation drängte bei Porsche an die Spitze, darunter der Großneffe des Gründers, Ferdinand Piech. Der hatte ein klares, fast monomanisches Ziel: die Markenweltmeisterschaft für Porsche zu gewinnen. Mitte der Sechziger herrschte darum ein enormer Druck im kleinen Haus Porsche – dessen Ergebnis der phänomenale 917 sein würde. Für Hansteins aristokratische Art, seinen instinktgesteuerten Führungsstil war immer weniger Platz. 1965 übernahm Piech die Rennleitung bei Porsche. Huschke von Hanstein hatte die zweifelhafte Ehre, der erste Manager zu sein, der für Ferdinand Piech abtreten musste.

Hanstein übernahm 1969 die PR-Abteilung der neuen Volkswagen- Porsche- Vertriebs- gesellschaft, kein sehr nobler Job, den er ein Jahr darauf quittierte. 1970 wurde er Sportpräsident des AvD; dieses Amt bekleidete er bis 1987. Er verstarb am 5. Januar 1996; seine unbändige Energie verließ ihn nicht bis kurz vor seinem Tod.

Autor: Till Schauen