Der Mann, der härter war als ein Ponton

Der Mann, der härter war als ein Ponton


Porträt

Mit einem Ponton-Mercedes durch Amerika – klingt romantisch, nicht? Es kommt drauf an. Wenn man in einer Zeit aufbricht, die kein Mobiltelefon kennt, und mit "Amerika" nicht nur die USA meint, sondern GANZ Amerika, dann bleibt die Romantik schnell auf der Strecke. Dann wird die Tour ein Höllenritt, eine Expedition für Menschen von härtestem Schrot und Korn.

Mit Freude, schrieb Ernst Wiese, denke er an jene Monate zwischen Alaska und Feuerland zurück. Der Mann hatte ein erstaunliches Gemüt. "Unerschütterlich" ist wahrscheinlich der Begriff, der ihn am besten charakterisiert: unerschütterlich der Wirklichkeit trotzend, unerschütterlich in seiner Zuversicht, fest entschlossen, dem selbst verursachten Irrsinn auch im Nachhinein noch schöne Seiten abzugewinnen.

Ernst Wiese, Jahrgang 1904, war aus einem Holz geschnitzt, das man heute nur noch selten findet. Als Jüngling träumte er von Abenteuern in fremden Ländern, aber damals träumte jeder Jüngling solche Sachen - damals, als die Welt noch groß und weit und unbezwungen schien.

Im Unterschied zu den meisten Träumern zog Wiese wirklich in die Welt und verdiente sich als Reporter mit Reiseberichten ein Auskommen. Er war unterwegs im Nahen Osten, den USA und Zentralamerika zu einer Zeit, als man in seiner Heimat Österreich noch von zwei Wochen Zelten am Wolfgangssee träumte. Wiese war dabei durchaus kein Hans-guck-in-die-Luft, sondern hatte ein Maschinenbau-Diplom in der Tasche. Genau dieses Diplom macht seine Panamericana-Expedition so bizarr - denn eigentlich hätte er wissen müssen, auf was er sich einließ.

Von der Traumstraße gepackt

Möglicherweise gehört es zum Wesen des echten Abenteurers, die schnöde Wirklichkeit zwar zur Kenntnis zu nehmen, sein Handeln davon aber nicht beeinträchtigen zu lassen. Heute würde man eher von halsbrecherischer Naivität sprechen, wo Ernst Wiese nur Fernweh verspürte. Vor 1955 attackierte er die Panamericana zweimal, ein erstes Mal in den Dreißigern, mit Motorrad und einer amerikanischen Journalistin im Beiwagen; ein zweites Mal mitten im Weltkrieg - da fiel als Angehöriger der Achsenmächte prompt in die Hände der US-Spionageabwehr und durfte erst nach monatelanger Haft zurück in die Heimat.

Die Traumstraße ließ ihn nicht los. In der Hinsicht war er nicht der einzige, das Projekt einer Autostraße, die beide amerikanische Teilkontinente in von Süden nach Norden durchzieht, ist fast so alt wie das Auto selbst. Die Idee wurde 1923 zum ersten Mal ernsthaft diskutiert, 1936 hatte man sich auf den Streckenverlauf geeinigt. Die Straße ist bis heute nicht vollendet – noch immer klafft eine Lücke zwischen Panama und Kolumbien – wenngleich deutlich besser ausgebaut als vor 50 Jahren. Anfang der Fünfziger wurde die Straße in Europa bekannt durch die Carrera Panamericana, ein Straßenrennen, das dem mexikanischen Streckenabschnitt folgte. 1958 kam der Dokumentarfilm "Traumstraße der Welt" in die westdeutschen Kinos und löste ein wahres Panamericana-Fieber aus.

Erstaunliche Reisevorbereitungen

Vier Jahre zuvor war Ernst Wiese nicht mehr der Jüngste, er wollte es aber einfach nochmal wissen. Sein dritter Versuch sollte klappen und ihn unter die erlesenen Ränge der Gusseisernen befördern, die tatsächlich die Piste in ihrer ganzen Länge befahren.

Das es ihm gelang, verdankte er seiner eigenen Unerschütterlichkeit und der seines Autos. Daimler-Benz hatte jüngst den neuen Mercedes Typ 180 herausgebracht, den wir heute als Ponton kennen. Dieses Auto versprach extreme Solidität, wie man es von einem Mercedes-Benz erwartete; außerdem war er seit 1954 als Diesel erhältlich, somit auch noch extrem wirtschaftlich. Erich Wiese sprach in Untertürkheim vor, erläuterte sein Vorhaben - und erhielt tatsächlich einen fabrikneuen Mercedes 180D, als Leihgabe zum Zwecke einer Expedition über geschätzte 50.000 unwegsame Kilometer.

Allein das ist erstaunlich. Noch befremdlicher allerdings, wie Wiese das Auto für die lange Strecke vorbereitete: so gut wie nicht. Der schwierigste Part der Reisevorbereitung (neben der Visabeschaffung) war die Gepäckaufteilung. Er hatte nämlich eine junge blonde Fotografin kennengelernt, die die Fotos zu seiner Reportage beitragen wollte. Die junge Dame packte ein mobiles Fotolabor ein und natürlich Winter-, Sommer- und Abendgarderobe. Wiese selbst legte neben seiner Schreibmaschine ein Tonbandgerät bereit, das sich mit einem massiven Vorschaltgerät an die Bordelektrik anschließen ließ, sowie ein Paar Riffelbleche aus Alu, falls sich der Mercedes im Sand festführe.

Klare Prioriäten

Das ergab einen Gepäckhaufen, der ungefähr so schwer war wie das Auto selbst. Eindeutig zuviel. Die Fotografin bestand auf Labor und Abendkleid, Wiese auf Tonband und Riffelblech - einzig die dicken Wintersachen schienen verzichtbar, da man laut Reiseplan kaltes Wetter vermeiden würde. Und Ersatzteile für das Auto ließ man auch daheim – der Wagen war ja schließlich brandneu.

Natürlich erwiesen sich Fotolabor und Tonband als toter Ballast: Das Labor blieb unbenutzbar, da sich kaum ein Hotelzimmer ausreichend abdunkeln ließ, das Tonband saugte die Autobatterie leer bevor man zwei Worte aufsprechen konnte. Dafür gerieten die zwei tapferen Weltenbummler in einen Wintereinbruch, kaum dass sie die Grenze nach Kanada überschritten hatten ...

Schon zuvor, beim Ausschiffen in New York Ende September 1955 bemerkten sie einen weiteren schweren logistischen Fehler: den Dieselmotor. Diesel war in New York kaum zu haben - und nicht nur dort. Auch später in Zentralamerika oder den Anden hätten sie wohl problemlos Benzin haben können, aber Diesel war kaum verbreitet.

Ein Winter ohne Windschutzscheibe

Zunächst jedoch kam der kanadische Winter, völlig unplanmäßig verfrüht. Die zwei packten sich in die gesamte Sommerkleidung, die ihre Koffer hergaben, um nicht allzusehr zu frieren. Das ließ sich verkraften - bis mitten im Schneesturm, bei minus zehn Grad die Windschutzscheibe zersprang. Nach einer fürchterlichen Nacht unter dünnen Decken fanden sie eine kleine Forschungsstation am Straßenrand, wo man ihnen ein Stück Sperrholz in den Scheibenrahmen flickte, mit zwei notdürftig verglasten Sehschlitzen.

Hinter diesem Bretterverhau fuhren sie bibbernd aber unverdrossen weiter bis nach Fairbanks in Alaska, dem eigentlichen Startpunkt der Panamericana. Dort gab es außer Schnee nur Fisch - kein Obst, kein Gemüse, kein Stück Plexiglas und schon gar keine Ponton-Scheibe. Also fuhren sie südwärts, auf der Traumstraße der Welt, und spähten durch die Sehschlitze in den Schnee ... das fanden erst einige kalifornische State Trooper bedenklich, die ihnen eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h verordneten. Da aber hatten Ernst Wiese und seine Marianne das Schlimmste bereits hinter sich: In San Francisco war der Herbst mild und in der örtlichen Mercedes-Benz-Niederlassung lag eine Windschutzscheibe bereit.

Bekanntschaft mit der Alptraumstraße

Die zwei waren tief beeindruckt von dem Geflecht der Freeways in Los Angeles (sowas gab es in Europa nicht), und nicht minder berührt, als sie einige Tage später eine Passhöhe erklommen und vor sich das Lichtermeer von Mexiko-Stadt vor sich ausgebreitet fanden. Vor dem Grenzübergang nach Guatemala nahmen mexikanische Straßenkinder zwei Reifenventile als Geisel; die Ponton-Fahrer mussten bei jedem Grenzübertritt in den nächsten zentralamerikanischen Kleinstaat Schmiergeld bluten und feierten schließlich ein unfestliches Weihnachtsfest in Managua, Hauptstadt von Nicaragua.

In Costa Rica setzte Wiese sich in den Kopf, auf eigener Achse den Kraterrand des Vulkans Irazu zu erklimmen - ein Feldweg führte hinauf, und irgendwie kam der Ponton auch oben an. Auf dem Abstieg aber setzte ein mahlendes Geräusch an der Hinterachse ein, das auch nicht wieder weggehen wollte - bis das Differential krachend blockierte. So verbrachte das Paar den Jahresbeginn in einem Dorf am Ende der Welt, in der Hoffnung auf einen Satz Zahnräder aus Managua ...

Zwei Tage für zehn Kilometer

Als der Ponton wieder lief, mussten die Abenteurer entdecken, wie es wirklich um die Panamericana bestellt war: Von einer durchgehenden Straße konnte keine Rede sein. Sie mussten ihr Auto auf Schmalspur- bahnen und Fischkutter verladen - um schließlich vor der Grenze von Panama auf eine eingestürzte Brücke zu stoßen. Die einzige Ausweichmöglichkeit bot ein zehn Kilometer langer Sandstrand am Golf von Mexiko. Nix Traumstrand: Zehn Kilometer lockerer Sand können sehr sehr lang sein. Für diese Strecke brauchten sie zwei volle Tage, und ohne die Sandbretter würde der Ponton heute noch dort feststecken.

In Panama-Stadt mussten sie sich erneut einschiffen, um nach Kolumbien zu gelangen. Dort zumindest war ein besseres Fortkommen, und von Guerilla oder Drogenkartellen wusste noch niemand etwas. Beim Aufstieg in die Anden begann der Ponton Kühlwasser zu saufen - Wiese ließ zweimal den Kühler wechseln, bis man ihn in Bogota auf die Idee brachte, die Zylinderkopfdichtung zu prüfen.

Bis ans Ende der Welt – und drüber hinaus

Das war Ernst Wiese: unerschütterlich. Frostnächte in 4000 Metern Höhe, Schlammpfühle statt Straßen im Dschungel von Ecuador, Steinschlag auf chilenischen Schotterpisten, der schließlich die Ölwanne durchlöcherte - Wiese dachte nicht ans Aufgeben. An der Ölwanne wäre der Ponton kurz vor Feuerland beinahe verstorben, die Wanne war einfach nicht ausgelegt für die Mörderstraßen, auf denen man sich damals zum Südzipfel des Kontinents bewegte.

Ende April 1956 erreichten sie schließlich die Magellanstraße und damit tatsächlich das andere Ende der Panamericana. Das Ende der Reise war das nicht: Ein Schiff nach Europa wartete auf sie, aber 3000 km weit im Norden, in Buenos Aires ... Der Ponton schaffte es tatsächlich auf eigener Achse, obwohl er am Ende weich war, durchgetrommelt von den unsäglichsten Pisten der westlichen Hemisphäre.

Ernst Wiese und seine Begleiterin waren auch weich, aber nur ein bisschen. Als sie drei Wochen später von Bord gingen, schmiedeten sie schon Pläne für die nächste Expedition: diesmal nach Asien, und mit einem Ford Taunus.

Wem heute nach Abenteuer ist, der schwindelt bei der Steuererklärung oder schraubt dicke Kuhfänger an seinen Jeep. Die ganz Mutigen wagen einen Bungee-Sprung. Ernst Wiese sprang stets ohne Seil.