Der Leichtmatrose – Opel Kadett D 1.2

Der Leichtmatrose – Opel Kadett D 1.2


Marktbeobachtung

Mal angenommen, Sie (Rechtshänder) möchten möglichst schnell und möglichst unerkannt in Ihren Wagen einsteigen – an welcher Position wünschten Sie sich das Türschloss? Rechts neben der Klinke? In der Klinke? Beides gut: Rechts schließt, links zieht auf, Schlüssel bleibt in der rechten Hand, die gleich darauf zündet. Jetzt Opel:

Schlüssel aus rechter Hosentasche in die linke Hand (ächz), leichtes Verbiegen, links schließt, rechts zieht, Tür stößt an Knie, irgendwie steht man so ungünstig, Schlüssel wieder umständlich von linker in rechte Hand wechseln, Tür auf,  hupender LKW,  Aufwachen im Krankenhaus. Wenigstens sind nicht nur Schneidezähne und Fahrertür futsch, sondern auch das verfluchte Schloss.

Mitte der 70er Jahre schien sich Opel nicht entscheiden zu können: Weiterhin solide Metallkassette auf Rädern oder Plastikbausatz? Man schien wenig Praxis zu besitzen (siehe Türschloss), welches man jedoch durch Mut zur Fehlentscheidung (D-Kadett) zu kompensieren gedachte. So entstand, nach Jahrzehnten formal gefälliger, technisch zuverlässiger und (nach damaligen Maßstäben) rostgeschützter Kadett-Typen die Generation "D". Au weia.

Immerhin logisch erschien die Maxime der Adam Opel AG, durch ein Heckklappen-Auto dem damals neuen VW Golf Konkurrenz zu machen. Die bisherige Modellinie Limousine – Caravan – Coupé – City trug eindeutig die modellpolitischen Züge der 60er Jahre. Jetzt wurde rasiert: Es gab nur noch einen bereiften Bremsklotz mit zwei oder mit vier Türen oder den Caravan. Coupé? Klassik? Warum?

Nicht, dass ein Golf I das Musterbeispiel an Rostresistenz und Solidität gewesen wäre –  aber was Rüsselsheim da auf den Markt warf, war, abgesehen vom Karosseriekonzept, eine Zumutung. Der Kadett war lahm, laut und bieder wie eine Einbauküche aus gepresstem Hochglanzspanabfall. Die Motoren hatte man irgendwie vergessen, wirksam zu modernisieren, mindestens der 1,2 Liter war eine Frechheit. Die Armaturen waren vorsintflutlich, besaßen gar keinen bis sprödem Charme und wurden von einer zahnsteingelben Beleuchtung illuminiert. Der D-Kadett war eine Klapperkiste, ein Oma-und-Opa-Auto (das war der Golf auch, aber eben nicht nur), stylistisch am Schauderösesten war sicherlich der 1.2 Zweitürer mit kleiner Heckklappe, deren außenliegende (!) Scharniere von voluminösen Plastik-Kappen verdeckt wurden. Die perfekte Ergänzung hierzu waren: Mit Pestiziden belastete Holzkugelmassagematten für die Sitze, Schmutzfänger mit Opel-Emblem, Zusatzbremsleuchten von Hella und ein halbverwester Wackeldackel, der es aus dem A-Kadett herüber geschafft hatte. Unter Umständen machte sich auch ein "Tirol"-Aufkleber in der hinteren Seitenscheibe gut. "Kack ins Bett – fahr' Kadett!", reimten wir seinerzeit etwas gehässig.

Leider existierte zu den Zeiten des D-Kadett noch keine lebendige Export-Szene gen Russland, Lybien oder nach sonstwo in der geteilten Bunderepublik, wohin man die Kadett-Leichtmatrosen hätte entsorgen können. Aber zum Glück gammelten sie einem in einem bemerkenswerten Tempo unter dem Allerwertesten weg, so dass man sukzessive endlich, endlich von ihrem Anblick befreit wurde. Etwas Schlimmeres, dachte ich damals, könne es nicht geben. Und ich sollte Recht behalten. Bis zur zweiten Astra-Generation.

Zwei Jahre lang musste ich täglich in einem D-Kadett mit fahren. Ich versuchte, dieses Auto zu ignorieren, aber seine überbordende Schlichtheit zerrte mit brachialen Kräften an den Synapsen meines Ästhetik-Empfindens. Mittlerweile gehören die überlebenden D-Kadett jedoch aufgehoben und der Nachwelt überliefert. Selbst wenn nur als halbmetallenes Mahnmal. Und jetzt lasst uns über Geschmack streiten.

Autor: Knut Simon