Der Herr der Krabbler – VW 1303

Der Herr der Krabbler – VW 1303


Marktbeobachtung

Nicht wirklich gehöre ich zur Generation Käfer. Dachte ich zumindest. Denn als ich 1990 meinen treuen Begleiter aus Wolfsburger Produktion erwarb, war er nicht mehr als eine Übergangslösung. Mein BMW 1802 Touring war ein solcher Glückskauf gewesen, dass allein für die Instandsetzung des Vorderwagens drei Monate Zeit benötigt wurden – und ein Interimsfahrzeug. Eben der Käfer.

Als Zeitungsvolontär war ich ständig im Einsatz. Für meine vielen Fahrten wäre sicherlich ein Golf oder Polo, die den Käfer damals bereits als Gebrauchtwagen verdrängten, komfortabler gewesen. Aber mal ehrlich: Wählen Sie Ihre Herzensdame auch nach der nächstbesten Annonce aus? Sehen Sie. So etwas wäre mir niemals in die Garage gekommen, respektive unter die Laterne. Am besten lernt man sich doch im Bekanntenkreis kennen. Und so erwarb ich meinen 1972er 1302 Halbautomatic von einem befreundeten Koch. Für exakt 444,44 Mark – wegen der 44 PS und der vier Monate TÜV. Und ehemals himmelblau war er auch noch. Wie schön.

Tatsächlich erwies sich der Bursche als außerordentlich widerstandsfähig. Er raste durch mein Zeitungsrevier von Termin zu Termin. Tags und nachts, wochen- wie feiertags. Schon bald sammelten sich in ihm Kamera, Schreibblock, alte und frische Filmdosen, Kugelschreiber, Notizen, Zeitungen, Getränkedosen und Cassetten. Auch eine Zahnbürste und eine Decke fanden sich an, man wusste ja nie, wo eine dienstlich begonnene Fahrt endete. Er jagte, besetzt mit vier Personen, Bierkasten und Geburtstagstorte, mit Tacho 150 über die Autobahn, beim ersten Ost-West-Treffen der CDU 1990 tätschelte Gastredner Heiner Geissler im lächelnd die rostige Flanke. Beim Interview-Termin mit einem damaligen Volkswagen-Vorstand wurde ich von dessen Mitarbeitern verlegen gebeten, mein Auto doch um die Ecke zu parken, was eine herannahende schwarze Limousine jedoch vereitelte. Mein Interviewpartner nahm es nicht nur gelassen und mit Humor, sondern mit historischem Verständnis: „Schön, dass jemand noch im Käfer nach Wolfsburg kommt“, lautete Daniel Goeudevert’s Kommentar. Am nächsten Tag klebte ich, voller Erkenntnis, einen Slogan auf die Heckscheibe mit den gerissenen Heizfäden: Just do it.

Es gab auch noch eine ganz persönliche deutsch-deutsche Begegnung. Während einer meiner recht flotten Fahrten geriet ich mit meinem himmelblauen Spielmobil in einer schlecht einsehbaren Kurve wohl etwas zu nah an den Mittelstreifen. Ebenso ein entgegenkommender himmelblauer Trabant aus Halberstadt. Mit Krachen, Splittern und Quietschen begegneten sich die beiden deutschen Volkswagen innig in der Straßenmitte. Beide hatten sie derangierte Kotflügel, Außenspiegel und Stoßstangen. Wir einigten uns gütlich. Und ich als Wessi musste erkennen, dass auch nicht alles Blech ist, was einen Käfer ausmacht. Allein der Kotflügel bestand zu mehr als 30 Prozent aus bundesdeutscher Spachtelmasse. Ich sprühte das Wort „Beule“ darüber. Just do it.

Der Käfer begleitete mich lange über die Gültigkeit seiner TÜV-Plakette hinaus. Am Ende hatten wir acht schöne Monate miteinander verbracht, nach denen der 1802 Touring frisch lackiert die Ablösung übernahm. Verkauft habe ich den Käfer an einen Freund. Für 222,22 Mark. Er fährt, sorgsam wieder hergestellt, noch heute. Das Kapitel Käfer schien für mich abgeschlossen, bis ich mich zwölf Jahre später wieder in solch einem kuriosen Auto wieder fand. Gemeinsam mit einem befreundeten Fotografen fuhr ich 20.000 Kilometer durch die Republik, um prominente Käferfahrer von einst und heute für das Buch „Käferprofile – Prominente treffen einen alten Bekannten“ zu interviewen. Danach war für mich aber wirklich Schluss mit dieser Karre, die im Sommer heizte und im Winter einfror. Nie wieder! Dann erreichte mich ein Anruf: Ob ich nicht die 2.000 Kilometer durch Deutschland mitfahren wolle? Und ob ich wollte! Erst am Starttag erfuhr ich, mit was ich fahren sollte. Raten Sie mal. Genau. Käfer, italienisches Modell, Jahrgang 1966.

Man wird diese Käfer einfach nicht los. Wie ihre Namensvettern aus der Natur krabbeln sie einen dreist und zunächst unauffällig immer wieder an. So ist das mit den Zeugen der Vergangenheit.