Der Ärztekoffer – Mercedes-Benz 280 TE

Der Ärztekoffer – Mercedes-Benz 280 TE


Marktbeobachtung

Den empfiehlt der Zahnarzt seiner Familie: Spät, aber genau zum richtigen Zeitpunkt stieg Mercedes-Benz 1978 in das Segment der Kombinationskraftwagen ein. Mit Lieferzeiten von zwei Jahren quittierte das Werk in Bremen-Sebaldsbrück den erwarteten hohen Kundenandrang. Ein neues Erfolgsmodell war geboren.

Mercedes und Kombi – Jahrzehnte lang erschien diese Verbindung in etwa so plausibel wie Cadillac und Qualität. Aber Ausreißer gab es auf beiden Seiten. So, wie Cadillac vereinzelt tatsächlich nicht ganz unüberzeugende Autos baute, entstanden hinter vorgehaltener Hand "Universal" benannte Ponton- und Heckflossenmodelle von Mercedes. Diese natürlich nicht direkt im Sternenhaus, sondern bei freien Karosseriebauern. Auch Strich-Acht-Kombis, oft schauderhaft geformt und nicht minder zum Weglaufen verarbeitet, gab es. Der neue Mercedes hingegen sollte dem Wildwuchs Einhalt gebieten. Die Marktforscher hatten errechnet, dass er das auch schaffen würde. Wie wahr.

Von Beginn an wurde der neue W 123 in dreierlei Gestalt geplant: als klassische Limousine, als formschönes Coupé und – als Kombi. Natürlich mied das Mercedes-Marketing den Begriff "Kombi" im Zusammenhang mit dem ersten Serien-Benz mit Heckklappe wie die Welt seinerzeit  britische Automobile. Die unter höchster Geheimhaltung entwickelten und mit einem Paukenschlag 1977 vorgestellten Wagen firmierten vornehm-kryptisch unter der Bezeichnung "T". Und weiter ging das Gewinde um den Kombi, der niemals so heißen durfte: Irgendwas zwischen "Transport" und "Touristik" habe diese Abbreviatur zu bedeuten, wurde verbal geschwurbelt. Die Welt nahm derartiges Verbalhickhack bald nur noch halb interessiert zur Kenntnis und nannte die fließend gezeichneten Autos bald "T-Modell". Mercedes dann auch. Geht doch. 

Entgegen den arg bieder gezeichneten Limousinen bestachen die T-Modelle vom Start weg durch ihre elegante Linienführung. Ein großes drittes Seitenfenster, eine charakteristisch geneigte C-Säule und ein harmonisch abfallendes – pardon – Kombiheck machten die eigentliche Bedeutung des "T" deutlich: entstanden war ein komfortabler, eleganter Tourer. Für Mann, Mama, Kinder und Gepäck. Für Surfbrett, Supermarkt und Skihütte. Und, wenn es sein musste, auch mal für eine Waschmaschine. In Extremfällen sogar für ein paar ordinäre Farbeimer.

Gerüstet war der T für alles gleichermaßen. Die Rückbank war auf Wunsch asymetrisch teilbar, die Ladefläche zwischen 1,23 und 2,03 Metern lang – dagegen sah selbst ein Granada Turnier alt aus, der zwar genau so lang, aber wesentlich flacher beschaffen war. Apropos: Obwohl es einen Granny 2.8 Turnier für rund 10.000 Mark weniger gab als einen 280 TE, tendierte die Verbreitung des Kölner Spitzenmodells im direkten Vergleich gegen null. Der T war etabliert – von Anfang an. Für alle anderen Kombis war auf der Beletage kein Platz – sie rangierten eine Ebene tiefer, wenn nicht gar im Imagekeller.

Wurden die T-Modelle ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt, wovon reichlich Gebrauch gemacht wurde, sah man ihnen das mit den Jahren auch an – trotz Mercedesstern. Allerdings hielten sich die 123er-Lastesel im Vergleich zur deutlich verbrauchter wirkenden Konkurrenz immer noch recht ordentlich. Die Innenausstattung war in ihrer abwaschbaren Plaste-Anmutung geradezu unzerstörbar, gleiches galt in abgeschwächter Form für die Sitzbezüge, der Teppich war sogar von der Güte extrazäh. Das Blech hingegen knusperte gerne im Laufe der Jahre davon. Aus Karosserie wurde Crossaint.

Unser heutiger Netzfang stellt sich als Fast-Neuwagen dar. Geradezu makellos präsentiert sich das falten- und dellenfreie Bügelkleid, der Innenraum ist bis auf eine kleine abgelöste Holzzierleiste sorgsam erhalten. Laut Besitzer bezieht sich die von ihm empfohlene Grundüberholung des Wagens auf den Motor, der auf allen Zylindern, jedoch einem Mercedes-Reihensechser unangemessen unrund liefe. Empfohlen wird ein Motorservice inklusive Kerzen-, Öl- und Filterwechsel, auch das Getriebeöl könnte eine Auffrischung vertragen.

Insgesamt ein überschaubarer Aufwand, vor allem, weil keine bösen und langwierigen Blech- und Lackierarbeiten lauern. Um abschließend im Bilde zu bleiben: Wie ging noch mal diese Werbung zur Glanzzeit des 123 T? Richtig: "Er hat gar nicht gebohrt!" Für alle schlechteren Exemplare des Edelkombi-Pioniers gilt: Zähne zusammen beißen – und durch.

Dieser Artikel erschien am 25.06.2008