Der Abschwung – VW 1600 TL

Der Abschwung – VW 1600 TL


Marktbeobachtung

Er war nie eine Konstruktion der Moderne. Er war nie ein Kauf aus Leidenschaft. Er war nie der innig gewünschte Ersatz für den Käfer. Er war – eine Verlegenheitslösung. Rund 2,5 Millionen Mal wurde dies alles von den Käufern des VW Typ 3 nicht bemerkt.

War es Tapferkeit im Angesicht des übermächtigen Feindes? Anfang der 1960er Jahre verkaufte sich der Käfer bestens. Dies allerdings nicht aufgrund betäubter Käufersinne, sondern durch den Export-Boom des Krabblers in die USA. In Deutschland hingegen krabbelte selbst VW-General Heinrich Nordhoff langsam der Schrecken in die Glieder: Was tun, wenn der Käfer plötzlich einen Kollaps erlitte? So forschte man hinter verschlossenen Wolfsburger Versuchstüren schon seit 1948 an einem potenziellen Käfer-Nachfolger herum. Bis zur Einführung des VW Golf sollten über 70 teils produktionsfertige Prototypen entstehen – von denen jedoch nur einer als VW Brasilia in Serie ging. Den Großteil der Prototypen verschlang der Shredder, der Rest rettete sich ins VW-Museum.

Besagter übermächtiger Feind trat VW also nicht nur in Gestalt des Opel Kadett A und anderer, im Vergleich zum Käfer fast schon betörend moderner Fahrzeuge entgegen. Der Feind lauerte vielmehr in den eigenen Werkhallen am Mittellandkanal und hieß Monostruktur. Doch aus dieser Erfolgsfalle kam VW – siehe Export – so schnell nicht heraus. Wenn man also schon mangels revolutionärer Neukonstruktion keine Neukunden gewinnen konnte, sollte wenigstens der bisherige treue Kundenstamm nicht zur Konkurrenz abwandern. 1961 präsentierte VW den Typ 3. Den Aufsteiger-Volkswagen für Käfer-Aussteiger. Er war technisch und formal so aufregend wie ein Küchenhängeschrank: praktisch und jederzeit nutzbar. Nur nicht so zeitlos.

Durch die kompakte Version des Flachboxers im Heck erhielten die zunächst angebotenen Stufenheck- und Kombi-Ausführungen zwei jeweils separate Kofferräume – ein Konzept, das nur beim Variant zu überzeugen vermochte. Die Limousine und die kurze Zeit später lancierte "Fastback"-Variante namens "TL" nahmen nur Gepäck auf, das ebenso flach beschaffen war wie die Motoren. Lediglich die vorderen Stauräume schluckten gerade so die damals noch populären Wasserkästen aus Holz. Die verbesserten Traktion und Fahreigenschaften der hecklastigen VW spürbar, nur blöd, dass sie zumeist wieder ausgeladen werden mussten. "Schatz, holst Du mir noch eine Flasche Wasser vom Parkplatz?"

Den meisten Verkehrsteilnehmern fiel überhaupt nicht auf, dass Volkswagen ein neues Modell auf den Markt gebracht hatte, so unscheinbar waren die Typ 3 geraten, die ansonsten die Konsistenz von Geldschränken aufwiesen. Auch die, wenn auch hofnungslos veraltete, Mechanik war robust bis zum Umfallen, allerdings nervte bei Stufenheck und TL die unglaubliche Unzugänglichkeit der Motoren. Ein profaner Zündkerzenwechsel bescherte selbst versierten Mechanikern blutige Handknöchel und dem Typ 3 eine stattliche Anzahl beherzter Flüche. Vom Synchronisieren der störrischen und trinkfreudigen Doppelvergaser des 1600er Motors einmal ganz zu schweigen. Nein, eine Innovation sah anders aus. Der Typ 3 war lediglich ein Raum- und Komfortgewinn für Menschen, die bisher im Käfer zwangsinterniert gewesen waren.

Andererseits besaß der Typ 3, der seine Käfer-Gene nie verheimlichen konnte, auch dessen Vorzüge. Er profitierte von der damals bereits sprichwörtlichen VW-Qualität. (Was die Qualität nicht hielt, bügelte der gute Service wieder aus.)  Reparieren und Warten konnte ihn jeder Tankwart um die Ecke, die Konstruktion war solide und stabil wie gewohnt, die Technik ein rüstiger Methusalem in seinen besten Jahren. Zudem hielten die vielen geschraubten Karosserieteile die Kosten im Reparaturfall gering.

Von rund 2,5 Millionen gebauten Typ 3 entfiel die Hälfte auf den begehrten Variant. Den Rest teilten sich Stufenheck und TL – letzterer im Volksmund entweder zurückhaltend "Trostlösung" oder barsch "kackender Hund" genannt. Der Eigner unseres heutigen Netzfangs in Gestalt eines marinablauen VW 1600 TL bezeichnet sein Exemplar liebevoll als "Neckermann-Porsche". Und schon gehen die Mundwinkel nach oben: Der Typ 3 von VW repräsentiert rein intuitiv eher die pastellfarbenen und spießigen 50er denn die Swinging Sixties. Und 1953 wäre er tatsächlich ein Hit gewesen.

Aber so konnte auch der dynamisch gemeinte TL den Abschwung der Heckmotor-Ära nicht aufhalten. 1973 war alles tot, was VW seit 1945 geprägt hatte: Heinrich Nordhoff, VW 1500/1600, Fridolin und VW 411/412.  Kübel, Transporter und Käfer erhielten zum Teil beträchtliche Gnadenfristen.

Selbst als Klassiker vermag ein VW 1600 nur bedingt zu begeistern. Eher ist man geneigt, ihn als unauffälligen Dritttwagen in das Jahr 2008 zu integrieren, als ihn behütet und beäugt von der Realität zu isolieren. Anders gesagt: Selbst heute traut man dem Typ 3 zu, problemlos den Alltag zu meistern. Und somit ist ein VW 1600 das geblieben, was er immer sein sollte: Ein zuverlässiges, robustes Auto.