Daimler und die Großmutter des Bling

Daimler und die Großmutter des Bling


Portrait

Eine glamour- und verschwendugssüchtige Lebedame ist schuld am Untergang der großen englischen Marke Daimler. Doch was in den fünfziger Jahren niemand ahnen konnte: Lady Norah Docker wurde zur Prophetin des HipHop

Wenn man in England einen Pub besucht und den richtigen Abend erwischt, kann man vielleicht ein paar ältere Herren belauschen, die am Nachbartisch über den Untergang von Daimler schwadronieren: Wie eine zwielichtige Weibsperson diese traditionsreiche Automarke in die Hände von Jaguar, also den Untergang trieb – unverzeihlich! Ein Drama.

Eine echte Tragödie sogar, denn es geht um edles Geblüt: Stein des Anstoßes ist Daimler (UK), traditionsreicher geht’s nicht auf der Insel, denn mit Daimler begann die englische Autoindustrie. Bereits 1891 erwarb ein Geschäftsmann die Lizenz zur Herstellung des Daimler-Benzinmotors, 1897 entstand der erste englische Daimler-Motorwagen.

Das Unternehmen emanzipierte sich noch vor der Jahrhundertwende vom deutschen Mutterhaus und ging völlig eigene Wege. Ab 1910 gehörte die Marke zum Waffen- und Fahrzeugkonzern BSA; in den frühen Vierzigern wurde Sir Bernard Docker Chef der BSA, und damit Daimler-Chef. Sir Bernard war damals einer der einflussreichsten Industriebosse und reichsten Männer Englands. Zu Zeiten seiner Direktion war Daimler eine kleine, altmodische aber edle Marke – das englische Königshaus ließ sich nur in Autos von Daimler durchs Reich chauffieren. 

Eine höchst zweifelhafte Weibsperson

Dies ist der Hintergrund, vor dem sich unser Schauspiel entfalten wird. Doch bevor das Drama beginnt, sei die Hauptfigur vorgestellt, die erwähnte zwielichtige Weibsperson. Die Dame hatte wirklich Bühnenerfahrung: Von eher niedriger Geburt (damals war der gesellschaftliche Stand noch von Bedeutung im vereinigten Königreich), hatte sie eine Zeitlang als Eintänzerin in Etablissements gearbeitet, in denen zuwendungsbedürftige Herren verkehrten. Dank einer taktisch günstigen zweiten Ehe war sie anno '49 aus dem Gröbsten heraus: Sie lebte glücklich verwitwet in beachtlichem Wohlstand.

Doch warum damit zufrieden sein? Schon 1950 hatte Norah, geborene Turner, verwitwete Callingham, verwitwete Collins, den nächsten an der Angel, einen richtig dicken Fisch: Sir Bernard. Warum einfach nur reich sein, wenn man leben kann wie die Königin von Saba? Und jetzt also: Vorhang auf für Lady Norah Docker.

In Parfüm- und Seidenwolken gehüllt, rauscht sie auf die Bühne – und ist alles andere als begeistert. Von Autos versteht sie nicht viel, von Glamour und Glanz umso mehr. Sie kommt daher schnell zu der Auffassung, dass die Marke ihres Gatten dringend entstaubt und aufpoliert werden müsse. Und da Sir Bernard nicht recht zu Maßnahmen zu bewegen ist, wie sie Lady Norah vorschweben, nimmt sie die Sache selbst in die Hand. Sie beschließt: Sie wird Daimler an die Spitze des internationalen Glamours katapultieren und unsterblich machen. Und sich selbst mit.

Der 1. Akt: The Gold Car 

Zunächst lässt sie sich von ihrem Bernie einen Sitz im Vorstand des BSA-eigenen Karossiebauers Hooper geben, wo viele Daimler ihre Karosserie erhalten. Dann walzt sie in Chiffon und Nerz durchs Werk, ihren Ehemann im Schlepptau, und ordert ein Chassis Typ DE36. Daraus entsteht bei Hooper nach ihren Vorstellungen ein Auto, wie geschaffen für Blitzlichtgewitter und rote Teppiche. Der Wagen lehnt sich an die Green Goddess an, einen an sich schon flamboyanten Daimler-Tourer, bekommt aber Blattgold statt gewöhnlichem Chrom, 7000 handapplizierte Sterne aus echtem Gold ziehen sich die Flanken entlang, die Sitze sind mit Goldbrokat bezogen.

"The Gold Car" steht auf der Londoner Motor Show 1951 und prangt in einer Opulenz, die ans Vulgäre grenzt. Großbritannien, noch immer kriegsgeschüttelt und von Kargheit geprägt, fühlt sich verhöhnt. Die britische Gesellschaft zeigt sich angemessen schockiert, kann aber dennoch die Augen nicht von diesem Ungetüm lassen. Und erst diese Person, die sich dieses schreckliche Ding ausgedacht hat – eine Schlagersängerin! Zweimal geschieden! Vorhang für das Ende des ersten Aktes.

The Gold Car bringt zwar Glamour, aber wenig frischen Wind in die Daimler-Umsätze. Im Gegenteil, die traditionelle Kundschaft zeigt sich befremdet. Der gute Sir Bernard mag ein gewiefter Geschäftsmann sein, in Lady Norahs Gegenwart wird er zum verliebten Schaf – auch wenn das zunächst für Daimler ohne spürbare Folgen bleibt. Lady Norah ist derweil vollends dem High Society-Wahn verfallen und nicht mehr zu stoppen.

Es folgen die Akte zwei bis vier: Für die Motor Shows der folgenden Jahre lässt sie bei Hooper je ein weiteres Einzelstück anfertigen, "Blue Clover", "Silver Flash" und "Stardust", allesamt eindrucksvoll aber geschmacklich grenzwertig. Die Autos schwelgen in Gold, Brokat und exotischem Leder, je dicker aufgetragen desto besser.

Höhepunkt und Finale: Golden Zebra 

Mit "Golden Zebra" auf einem Fahrgestell vom Typ HK400 krönt sich Lady Norah 1955 endgültig zur Königin des schlechten Geschmacks: perlmuttweiß lackiert, wieder mit Gold statt Chrom und Sitzbezügen aus echtem Zebrafell – Zebra ist angenehmer zum Sitzen als Nerz, wie Lady Norah verkündet.

Von diesen Polstern gleitet sie im April 1956 auf den roten Teppich vor dem fürstlichen Palais von Monaco, um der Hochzeit von Grace Kelly mit dem Fürsten Rainier beizuwohnen. Im Anschluss an diese Anstrengung verbringt sie samt Gatten einige erholsame Wochen im örtlichen Casino und begleicht die Rechnung auf Daimler-Spesen.

Damit sind wir bereits im letzten Akt des Dramas. Mit den Spesenrechnungen aus Monaco findet der BSA-Vorstand daheim in Coventry endlich einen Hebel, um in Zusammenarbeit mit dem Finanzamt das anstößige Weib aus dem Konzern zu werfen, und den Gatten gleich mit.

Ein trauriger Abgang

Danach geht es für das Ehepaar Docker rapide bergab, der Schlussvorhang fällt ziemlich abrupt. Wegen der vulgären und unstandesgemäßen Auftritte von Lady Norah erhalten die Dockers erst Hausverbot in sämtlichen Etablissements in Monaco, später an der gesamten Riviera. Sir Bernard muss Lady Norahs Juwelen verkaufen und irgendwann gar die geliebte Motorjacht. Ihren Lebensabend verbringen die Dockers bescheiden auf der sonnigen Kanalinsel Jersey.

Auch Daimler ist nicht viel Glück beschert, die Trennung von den Dockers kommt zu spät: Die königliche Familie hat sich bereits kommentarlos abgewandt und kauft fortan bei Rolls-Royce – der Blattschuss für Daimler UK. 1960 entledigt sich BSA der schwächelnden Tochter, Jaguar freut sich über deren Werksanlagen, Ende der Sechziger ist die einst stolze Marke zum Emblem verkommen: Man kann bis heute fabrikneue Daimler kaufen, bekommt aber nichts anderes als einen Jaguar mit mehr Wurzelholzfurnier und geriffeltem Kühlergrill.

Traurig, traurig … andererseits – hätte es Lady Norah Docker und ihre Pelz- und Glitzerexzesse nicht gegeben, über was hätte man tuscheln können in den Hinterhöfen von Nachkriegsengland?

Prophetin des Bling 

Außerdem war sie nicht übergeschnappt, sondern ihrer Zeit schlicht ein halbes Jahrhundert voraus. Heute drücken amerikanische West-Coast-Rapper in jedem zweiten Hip-Hop-Video ihre Vorstellungen von Wohlstand und Luxus durch Autos aus. Und was für Autos: Denen quellen Gold, Brillanten, exotische Tierhäute und alberne Gimmicks aus jeder Ritze. Die Großmogule des Bling predigen und praktizieren Verschwendung und Geschmacklosigkeit, und zitieren dabei niemand sonst als Lady Norah.

Unbewußt natürlich – denn die Dame hat es am Ende nicht geschafft, sich mit ihren kuriosen Kreationen unsterblich zu machen. Heute erinnert sich wohl niemand an die Großmuter des Bling – außer vielleicht ein paar Herren reiferen Alters, die in englischen Pubs über den Untergang einer britischen Traditionsmarke schwadronieren.

Dieser Artiekel erschien am 13.11.2008