DAF Sammlung

DAF Sammlung


Portrait

Autos sammeln, die niemand will: Vernünftig ist das nicht. Aber was ist vernünftig an Oldtimern? Was will man machen, wenn einen die Leidenschaft packt ... man folgt ihr und kümmert sich nicht darum, wenn der Rest der Welt darüber den Kopf schüttelt.

Der Mann wippt auf den Ballen. Er ist so durchdrungen von seiner rechtschaffenen Mission, dass es ihn kaum auf dem Erdboden hält, selbst sein schwerer Aktenkoffer hält ihn kaum auf dem Boden. Wipp wipp. "So geht’s nun wirklich nicht! Was Sie hier haben, das ist mit gutem Willen ein Schrottplatz, und dann hätten Sie keine   Lizenz. (Wipp wipp.) Wenn man es genau nimmt, ist es illegale Ablagerung von Sondermüll. Doch, Sondermüll. Automobilschrott ist Sondermüll. (Wipp.) Was heißt hier kein Schrott? Ist ein einziges dieser Fahrzeuge angemeldet? Zeigen Sie die Papiere. (Wipp wipp.) Aha, dacht ich mir. Das ist völlig gleichgültig, ob das Ihr eigener Grund und Boden ist, auch dafür gelten die Gesetze."

Der Mann ist unerträglich, wie alle Bürokraten in staatstragender Mission. Ein Hubschrauber kreist über dem Grundstück, der gehört garantiert auch dazu, ein Nervenkrieg ist das hier. Mit dem Hubschrauber haben sie die Sammlung überhaupt erst entdeckt, von der Straße aus ist nichts zu sehen, hohe Zäune und dicke Hecken dazwischen. Herman Robberts ringt mit sich selbst. Nicht das Falsche sagen jetzt.

Gerettet! 

Als der Hubschrauber schließlich woanders hin schwirrt und der wippende Aktenträger zurück an seinen Schreibtisch im Ordnungsamt strebt, kann Herman aufatmen. Zwei Wochen hat man ihm gelassen, dann muss die Sammlung entsorgt sein. "Entsorgt" übersetzt er mit "selbst per Helikopter nicht zu entdecken". Das schafft er. Herman wird seine Sammlung nicht in die Presse werfen, das würde ihm das Herz rausreißen. Das will er nicht erleben. Das wird er nicht erleben. Der Besuch vom Ordnungsamt ist inzwischen ein paar Jahre her, aber er zählt zu Hermans schlimmsten Erlebnissen.

Hollands einzige Automarke, gestorben vor mehr als drei Jahrzehnten. Natürlich interessiert man sich für DAF, wenn man Autos schätzt und Holländer ist. Herman hat insgesamt ein Faible für schöne alte Dinge, aber als die Autos der einzigen holländischen Automarke neben den glatten Zäpfchen der Generation Plastik immer mehr aussahen wie Omas Nähmaschine, als man sie wegstellte, obwohl sie prima funktionierten, begann Hermans Daf-Sammlung zu wuchern. Wieso muss man Dinge wegwerfen, nur weil sie das falsche Image haben oder nicht mehr modern genug aussehen?

Das Häufchen Elend unterm Birnbaum

Ein paar Jahre lang war es nicht einfach für ihn, über Land zu fahren, damals in den Achzigern und Neunzigern, als auf jedem zweiten Bauernhof ein Daf zwischen Birnbaum und Hühnerstall dämmerte. Jeder einzelne hat ihm einen Stich versetzt, Herman hat anhalten müssen und den Bauern gefragt, was er mit dem Daf unterm Birnbaum vorhat. Nichts natürlich. Die Dinger standen da, weil die Mutter gestorben war und sonst keiner das Auto fahren wollte oder weil der Motor zwar lief aber der Wagen sich keinen Meter fortbewegte oder weil man durchs Bodenblech zuviel von der Straße sehen konnte.

"Kann ich ihn mitnehmen?" Meistens kann er. Manche Bauern witterten ein schnelles Geschäft, aber die bissen sich an Herman die Zähne aus. Herman bezahlte nicht für die Daf, die er fand, oder höchstens eine symbolische Summe. Warum auch? Die Dinger standen überall und niemand wollte sie. Wenn der Bauer partout mehr Geld wollte als das Auto wert war, dann ließ Herman seine Telefonnummer da, fuhr weiter und kam ein Jahr später nochmal vorbei. Oder zwei Jahre. Herman hatte es nicht eilig.

Seine Telefonnummer fing irgendwann ihre eigene Wanderschaft an. Es sprach sich herum, dass in Gelderland einer Daf sammelt: Ein Bauer sagte es dem Nachbarn, der auf dem Hof Platz brauchte. So war es irgendwann soweit, dass Herman nicht mehr suchen musste: Die kleinen Dafs liefen ihm von selbst zu.

Perlen und Brocken

Anfangs nahm er noch Werkzeug in die Hand, um seine Autos wieder zulassungsfähig zu machen. Das gab er irgendwann auf. Es wurden einfach zu viele. Also hat er nur noch die Perlen gepflegt und restauriert, die durften sich in einer Halle an seinem Wohnhaus versammeln. Da stehen jetzt die schönsten 33, die seltensten Lieferwagen, die begehrtesten 55 Marathon-Coupés und ein 1977er Volvo 343 in quietschorange, rostfrei, in diesem Zustand ungefähr so selten wie ein Rolls-Royce-Kombi. Der 343 sollte eigentlich Daf 77 heißen, aber bevor er rauskam, hatte Volvo DAF gekauft.

Die anderen Autos, die keine Perlen mehr sind, sind inzwischen auch regensicher. Das verdanken sie dem Ordnungsamt und dem Fußballenwipper. Hermann musste damals blitzartig Unterkünfte für seine Schätze finden. Jetzt sind sie helikoptersicher, und obwohl der Wipper noch ein paar Mal verdächtig langsam, gleichsam witternd durch die Gegend geschlichen ist – hinter den dicken Wände ehemaliger Scheunen und alter Kuhställe herrschen Ruhe und Frieden.

Trotzdem, das Scheunendach kommt für viele Dafs zu spät – der Rost frisst sich jetzt nicht tiefer, aber er geht auch nicht weg. Was will der mit dem Schrott? fragen sich Daf-Begeisterte. Kein einziger von den Dafs in Hubschraubersicherung wird jemals wieder fahren, die zu restaurieren lohnt einfach nicht. Herman fragt niemanden nach Verständnis. Es ist sein Ding, nervt bitte nicht rum.

Ein Mysterium: Planet DAF 

Eine derartige Anhäufung von Dafs, egal in welchem Zustand, entwickelt eine eigene Anziehungskraft. Es ist, als hätte sich im Verborgenen ein Planet DAF rund um Hermans Anwesen gebildet, eine Art dunkler Stern, dessen Schwerkraft nur auf Daf-Fans wirkt.

So stehen immer allerlei Dafs aus Nah und Fern auf Hermans Hof. Manche Daf-Freunde kommen wegen der Teileschätze, die Herman nebenbei auch noch ansammelte. Er ist für manche speziellen Teile die letzte Anlaufstelle, besonders seit Volvo zu Ford gehört und die tapferen Ford-Mannen nur Bahnhof verstehen, wenn man nach Daf-Teilen fragt. Herman schickt gewiss niemanden weg, aber bitte, nervt nicht rum mit blöden Fragen nach den untergestellten Autos. Fangt nicht an mit dem, was ihr für gesunden Menschenverstand haltet. Und spart euch bissige Bemerkungen. Nehmt die Sammlung wie sie ist: ein Mysterium, der dunkle Planet DAF. Sie sind so schön, wie sie da schlummern, und so traurig.

Herman hat keine Illusionen darüber, was passiert, wenn er mal gegangen ist. Es schmerzt, aber nicht so schlimm wie herrenlose Dafs. Wieviele es nun wirklich sind, dazu kursieren diverse Schätzungen. Gute Freunde versichern, Hermann könnte sich wenn er wollte ab Neujahr jeden Tag in einen anderen Daf setzen und hätte an Silvester keinen zweimal besucht.

Herman weiß, dass er in dieser Hinsicht einsam lebt. Seine Kinder interessieren sich nicht für DAF, die Freunde wollen sich diesen Klotz nicht ans Bein binden, und sonst will niemand was wissen von seiner Sammlung. Außer dem Ordnungsamt natürlich – Herman horcht bis heute auf, wenn irgendwo ein Hubschrauber herumschwirrt.

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