Vorstellung: Corvette C1 (1958)

Vorstellung: Corvette C1 (1958)


Corvette C1: Legende zum Cruisen

Legenden gibt es viele. Echte Legenden sind dagegen rar. Doch im Falle der Corvette C1 ist der Begriff angemessen. Carsablanca-Mitglied Jürgen Momberg (MOM02) fährt die amerikanische Sportwagenikone und erzählt vom american way of drive in seiner Corvette.

Wer von schicken, alten Autos spricht, hat schnell das Wörtchen „Legende“ auf der Zunge. „Legende der Automobilgeschichte“ heißt es gewiss irgendwo über jeden historischen Sportwagen. Einen „legendären Siegeszug“ attestiert man überschwänglich gern jedem Gefährt, das in Zeiten der Motorisierung in Großserie vom Band lief. Und als „legendäres Auto“ verehren Liebhaber naturgemäß ihr eigenes Schmuckstück gern, sobald es ein „H“ auf dem Kennzeichen hat. Wirkliche Legenden gibt es indes wenige. Bei der Corvette hingegen gibt es keine Zweifel.
Was sie zur Legende machte, ist allein schon die Tatsache, dass sie der erste komplett amerikanische Sportwagen war, der den Käufern gefiel. Zuvor hatte es Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre in den Staaten nur den Crosley Hotshot und den Crosley Supersport gegeben – beide aber sahen eher aus wie gedrungene Insekten und floppten auf dem noch jungen Automarkt der Nachkriegsjahre. Der Hotshot schaffte es später sogar auf Platz 8 der Liste „Worst Cars of all Time“ des Time-Magazins. Zwar wurde auch die 1980er Corvette 305 „California“ auf die unehrenhafte Liste gesetzt (Platz 31) – das allerdings lag nur daran, dass der Wagen aufgrund neuer Abgasnormen in Californien statt des üblichen Bigblocks mit einem schwächlichen Motor ausgestattet eher wie eine Vespa als ein ausgewachsener 350 Kubik-Inch heulte.
Es waren freilich noch ganz andere Zeiten, als die General-Motors-Tochter Chevrolet 1953 begann, die Corvette zu verkaufen. In den ersten beiden Jahren mit einem Reihensechszylinder ausgestattet, schaffte das Modell C1 170 Stundenkilometer Spitze. Von 1955 bis 1962 wurde die Corvette C1 dann mit dem bis heute üblichen V8 angeboten – und konnte mit bis zu 200 Stundenkilometern über die Straßen brettern.
„Das will man aber gar nicht“, sagt Jürgen Momberg (mom02) aus dem westfälischen Werther. Ein paar Autobahnen und einen Ozean von der Heimat des flotten Amis entfernt, fährt er seit dem Jahr 2000 eine Corvette C1 aus dem Baujahr 1960. „Man kann damit bestimmt schnell unterwegs sein. Aber das wird dann ungemütlich – vor allem die Straßenlage lässt bei höheren Geschwindigkeiten nicht eben ein Gefühl von Sicherheit aufkommen.“ 100 bis 120 Stundenkilometer seien noch angenehm, wenn er damit auf den westfälischen Landstraßen unterwegs sei. „Ich cruise damit“, sagt der 40-Jährige. Heizen ist ihm mit der Corvette ein Fremdwort. Allerdings: Der historische Wagen ist nicht allein ein Auto für die Garage und für die Ausfahrt am Sonntag, nicht nur etwas für gelegentlichen Besuch eines Oldtimertreffens. Andererseits auch nichts, was sich als Daily-Driver und für lange Fahrten eigne. „Dafür wäre er auch zu schade“, sagt Momberg. Stattdessen nimmt er sein Auto immer gerne mal am Sommerabend, dann, wenn er noch Lust auf ein Eis hat und nicht zu Fuß zum Café will. „Dann packe ich meine Freundin ein und wir fahren gemeinsam hin“, sagt er. Sie selbst dürfe, wenn sie wolle, natürlich auch fahren. „Aber bis jetzt wollte sie nicht.“
Bei all Fahrten zum Eiscafé und über die Landstraßen der Umgebung: Erst ein paar tausend Kilometer hat der Wagen bislang auf deutschen Straßen zurückgespult. „Das liegt wohl auch daran, dass es bei Temperaturen unter 20 Grad ziemlich ungemütlich wird in dem Auto“, sagt Momberg. „Dann macht es wirklich keinen Spaß, mit dem Ding unterwegs zu sein.“ Auch nicht, wenn das Verdeck des Cabrios geschlossen sei. „Der Wind pfeift, und der Wagen ist einfach nicht auf niedrige Temperaturen ausgelegt“, sagt der 40-Jährige.
Bei einigermaßen angenehmen Temperaturen und passablen Geschwindigkeiten sei das Fahrgefühl aber „wunderbar“. So lässt sich wunderbar mit der Corvette fahren, mit Eleganz und Stil, flott aber nicht zu hektisch. „Und man muss, wie es eben so ist bei alten Autos, viel Handarbeit leisten – ja, es ist ein Fahren mit Arbeit.“ Nach bloßer Gemütlichkeit klingt das nicht.
Hätte er gemütlich fahren wollen, hätte er auch ein anderes Auto gekauft. „Aber es ging nicht anders“, sagt der Westfale. Als er im Jahr 2000 beruflich in Kalifornien war, sah er bei einem Classic Car-Treffen eine Chevrolet Corvette C1 in rot und weiß und konnte nicht anders – er musste musste einen solchen Wagen haben. „Bis dahin hatte ich zwar eher mit dem Gedanken gespielt, einen Chevrolet Impala fahren zu wollen. Aber als ich das Auto da habe stehen sehen, war alles vorbei.“ Wenig später fand Momberg das gleiche Modell bei ebay, ebenfalls in den Farben rot und weiß. Er nahm Kontakt zu dem Verkäufer auf und überredete ihn, den Wagen aus der Versteigerung zu nehmen. „Ich habe ihn einfach blind gekauft“, sagt der 40-Jährige. Es war keine Enttäuschung. Schon die ersten Fahrten über amerikanische Highways hatten etwas von der großen Freiheit. Am Steuer jenes Autos, das in der Anfangszeit nur 300-mal pro Jahr gebaut wurde und schon deshalb zum Mythos wurde, war Amerika noch eine Nummer abenteuerlicher. Bald aber ging es zurück nach Deutschland – und der Wagen kam mit. Für 400 Euro Überführungskosten wurde das Auto von Los Angeles nach Bremerhaven verschifft. „Billiger als gedacht – nur beim Zoll musste ich später noch eine Menge Geld für die Einfuhr lassen“, sagt Momberg.
Dafür musste er in den Wagen nicht mehr allzu viel investieren: Die üblichen, für die Zulassung in Deutschland nötigen Umbauten mussten gemacht werden, vor allem die Blinkanlage. Was er unverändert ließ, waren die amerikanischen Weißwandreifen – einfach der Optik wegen. Und ansonsten war nur das Differential kaputt. „Die Karosserie, die zum Glück schon aus Kunststoff ist, wurde erst 1995 komplett restauriert“, sagt der Westfale. „Die war, als ich den Wagen holte, noch tipptopp.“ Genauso wenig Schlimmes wie über die Karosserie, kann Momberg über das Innenleben des Wagens berichten. Die Technik, die in deutschen Automobil-Kreisen häufig verspottet wird, hat ihn bislang weder verlassen noch andere böse Überraschungen beschert. Auf dem Meilenzähler stehen umgerechnet 4.500 Kilometer, vermutlich wurde er 1995 mit der Aufarbeitung der Karosse erneuert und der Wagen hat in Wirklichkeit wesentlich mehr auf dem Buckel. Doch der 185 PS starke 4,6-Liter-V8 mit seinem Einzelvergaser ist ohne Fehl und Tadel. „Er läuft einfach.“
So ist es eben mit echten Legenden: Tot zu kriegen sind sie nicht. Nicht auf der Straße und nicht in den Köpfen. „Wenn ich damit unterwegs bin, dann kommen eigentlich nur anerkennende Blicke“, erzählt der 40-Jährige. Dann drehen sich die Leute um nach dem schnittigen Sportflitzer in Rot-Weiß, und wenn sie erkennen, dass es eine Corvette ist, wollen sie mehr wissen, sagt der Fahrer. Mehr über das Auto und seine Geschichte, über den Mythos, der hinter dem Namen Chevrolet und erst recht hinter Corvette steht. „Diese Faszination merkt man schon, wenn man seinen Schlüssel irgendwo auf den Tisch legt und jemand den Corvette-Anhänger sieht – dann beginnt sofort ein Gespräch.“
Es gibt sogar Leute, die fragen Momberg, ob er sie zum Standesamt fährt. Der schönste Tag des Lebens in einem legendären Wagen. „Ich finde, das ist ein großes Kompliment“, sagt der 40-Jährige. „Es ist eben, allein schon vom Erscheinungsbild, ein ganz besonderes Auto.“
Momberg hat noch ein solches – für die Fahrten, bei denen es weniger stilvoll, dafür aber lustiger zugehen soll. „Wenn ich keine anerkennenden, sondern amüsierte Blicke haben will, hole ich mein Goggomobil von 1965 aus der Garage.“ Noch so eine Legende, doch das ist eine andere Geschichte.

Autor:Boris Glatthaar

Diese Heldengeschichte über seinen Corvette C1 entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds MOM02.