Citi Golf Chico

Citi Golf Chico


Marktbeobachtung

Noch immer scheint die Apartheid zu existieren, zumindest in einer automobilen Variante. Schuld daran ist im aktuellen Fall jedoch nicht Südafrika, sondern die Europäische Union. Die nämlich belegte dereinst "böse" Autos mit einem Bann: Wer nach EU-Meinung stinkt oder sich zu sehr verformen lässt, darf nicht mit den Brüden auf Europas Straßen spielen. Deshalb haben es bis heute nur wenige Citi-Golf aus südafrikanischer Produktion geschafft, sich unter unsere angeblich saubere Autogesellschaft zu mischen. Wir meinen: Es ist Zeit für angemessenen Protest!

Da versteh' einer diese Welt, auf der alle von Gleichberechtigung sprechen. Besonders Deutschland, offiziell als Einwanderungsland anerkannt, sperrt sich gegen die Aufnahme einer Minderheit, deren Wurzeln sich nachweisbar in Wolfsburg befinden.

Die Rede ist vom Golf I, noch immer in vertrauter Form produziert bei VW of South Africa. Der muss leider draußen bleiben und darf bei uns nicht zugelassen werden. Wie bedauerlich für die Menschen, die dem Golf I noch heute nachhängen. Und erst recht ärgerlich für diejenigen, die es dennoch geschafft haben, ein Exemplar zu importieren. Es muss ihnen ergehen wie zwei Liebenden, die die Politik trennt. So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man einen alten Bekannten im Gefängnis besucht, ihn aber nur durch eine Glasscheibe sehen kann. Und reden darf man mit ihm auch nur über das Besuchertelefon. 

Herrjeh. Es ist so traurig.

Aber es könnte schlimmer kommen. Volkswagen könnte, wie angekündigt, tatsächlich Ende 2008 die Produktion des liebenswerten Citi Golf einstellen. Bleibt abzuwarten, ob VW diese Drohung verwirklicht. Wie oft wurde das Ende des Käfers eingeläutet, um dann doch nicht stattzufinden. Erst 55 Jahre nach seiner Produktionsaufnahme verabschiedete sich das Wolfsburger Kugelauto aus den Neuwagenprospekten. Der Golf I ist ihm dicht auf den Fersen. 34 Jahre befindet er sich mittlerweile in Produktion und natürlich gibt es auch eine aktuelle Website über ihn. Inklusive aktueller TV-Spots und Neuwagenprospekt.

Achja. Das ist so schön. 

Aber es kommt noch besser. In seiner neuen Heimat Südafrika ist der Golf I nämlich seit jeher extrem beliebt. Und zwar derart, dass der ab 1984 gebaute Golf II es nicht schaffte, ihn abzulösen. Dieses Muster setzt sich bis heute fort. Auf ein und demselben Werksgelände rollen Citi Golf und mittlerweile Golf V einträchtig nebeneinander von den Bändern. Und während der Golf V ähnlich vollautomatisch produziert wird wie seine Namensvettern in Wolfsburg, wird am Citi Golf nach alter Sitte noch von Hand gebrutzelt, dass die Funken fliegen. Und kaum ist ein neuer Citi Golf fertig, versprüht der auch schon seinen unnachahmlichen Charme. Er ist so ausgereift und spritzig wie eine Orange aus Kapstädter Gefilden. Und dabei so zuverlässig und preiswert, wie Volkswagen bei uns einmal waren. 

Heute besitzt der Citi Golf Motoren von 1.4 und 1.6 Liter Hubraum, eine leicht geliftete Frontpartie à la Golf II, Stoßfänger ähnlich denen des späten Golf I Cabriolets, das Armaturenbrett vom Skoda Fabia sowie das Magnesium-Lenkrad des verblichenen 3-Liter-Lupo. Dazu gesellt sich die Überarbeitung der zeitgenössischen Heckleuchten im aktuellen Bubble-Design von VW und das "Muss" der 80er Jahre: die Dachantenne. Warum eigentlich hat man in Europa Golf II und vor allem III nicht einfach übersprungen? Es hätte so schön wie in Südafrika werden können: Warten auf den ausgewogenen Vierer, und nie aufhören, den evolutionierten Einser als attraktives Einstiegsmodell zu bauen. Das erinnere fast schon an Sozialismus? Sie irren. Da klang lediglich die Theorie ähnlich. Nur wurde das aktuelle Modell so gut wie nie modifiziert. Und der angekündigte Nachfolger existierte so real wie ein parteiloser Generalsekretär.

Die VW-Händler in Südafrika jedenfalls bangen um ihren Absatz, wenn das "Aus" für den Citi Golf tatsächlich kommen sollte: Knapp 20 Prozent ihrer Verkäufe entfallen auf den Evergreen, dessen Einstiegsmodell (früher "Chico", jetzt "TenaCiti") knapp 8.000 Euro kostet. Inkusive Klimaanlage. Wetten, der Citi Golf würde sich hierzulande auf Anhieb besser verkaufen als der glücklose Fox?

Doch Wirtschaft und Politik, diese Castor und Pollux der deutschen Autoliebhabergemeinde, verhindern erfolgreich derartige Szenarien. Also was tun mit diesem Auto mit Migrationshintergrund? Abschieben kann man es gottlob nicht, nur mit der Zulassung hapert es: Der Citi Golf erfüllt weder die für Neuwagen seit 2005 geforderte EU-Abgasnorm noch die gültigen Crashtestnormen. Damit kann man ihn zwar jederzeit aus Südarfika importieren, TÜV-Weihen und damit die Aufnahme in die offizielle bundesdeutsche Autogesellschaft bleiben ihm jedoch auf Dauer verwehrt.

All dies sollte man wissen, wenn man sich für den angebotenen Citi Golf Chico interessiert. Dieser ist elf Jahre alt und kommt mit wenigen Gebrauchsspuren daher. Zur Genüge bekannt sind die üblichen Alterserscheinungen wie die  ausbleichende Lackierung, vor allem bei den in Wagenfarbe gehaltenen Stoßfängern, die zum Teil auch abgeschrammten Partien aufweisen. Auf das Fabia-Interieur muss man verzichten, das angebotene Exemplar besitzt noch das originale Einser-Cockpit. Allerdings hat sich die Moderne klammheimlich in den Innenraum geschlichen. Oder haben Sie jemals eine originale Einser-Mittelkonsole mit Cupholdern gesehen?

Glücklich also derjenige, der ein Fahrzeuggewerbe und damit eine 06er-Nummer besitzt oder noch eine 07er-Nummer ergattern konnte, bevor auch dieser Weg zu automobiler Glückseligkeit mit Aktenordnern und amtlichen Siegeln verbaut wurde. Denn nur mit Hilfe dieser Schlupflöcher ist es möglich, einen neuen Golf I, genannt Citi, in seinem Ursprungsland zu bewegen. Die Alternative besteht aus teuren Kurzzeitkennzeichen. Oder aus einem Golf V.

Wir verstehen uns.

Autor: Knut Simon