Carlton Carrera

Carlton Carrera


Marktbeobachtung

Wer zu oft oder zu intensiv an der Klebstofftüte schnüffelt, kann schon mal von Visionen heimgesucht werden. David Peasent und Stuart Allat hatten solch eine Vision, aber ihre Droge war kein Lösungsmittel, sondern der gute alte Gedanke, die britische Insel mal wieder um einen Kit-Car-Produzenten zu bereichern. They did so well!

Es ist 1985 in England und Sie stehen mitten in einem automobilen Einheitsbrei aus Ford Cortina, Capri II, Rover 3500 und Jaguar XJ. Schrecklich. Grauenhaft. Doch auf einmal zuckt ein Bltz aus dem regendunklen Himmel über Barnley, und unter Donnergetöse schälen sich die Flanken eines rassigen Sportlers aus der Schwefelwolke. Hust! Wer da?

Vibrirend vor Kraft wie nach dem Genuss eines nahrhaften Porridge und auch ansonsten herrlich britisch-verschroben, kauert der Carlton Carrera auf dem Asphalt. Von den bösen EU-Richtlinien über Sicherheit und Sauberkeit von Neufahrzeugen längst gekillt, repräsentierte der Carrera, dessen Name im ersten Moment so unpassend erscheint wie ein Meyer hinter José, eines der erwachseneren Kit Cars made in Britain. Denn was so überirdisch wirkt, ruht auf einem soliden Leiterrahmen und besitzt wahlweise die technischen Gene des eben erwähnten Einheitsbreis: Es gab den Carrera-Bausatz für unterschiedliche Spenderfahrzeuge spezifiziert. Für 2.000 erhielt man die Ford-Variante (Capri, Cortina), für 2.400 Pfund die Basis für den Rover, die Jaguar-Spielart stand für 2.800 Pfund in den Preislisten der Carlton Automotive Ltd. Wohlgemerkt: Der "Hut" war jeweils identisch, was variierte, war die Ausführung des Rahmens.

Bei der Formschöpfung hatten Peasent und Allat allerlei krude Inspiration genossen. Keimzelle waren Einzelteile des Jaguar E-Type, die in der Mitte zersägt und so lange verbreitert wurden, bis sie alle drei Spielarten an Leiterrahmen abdeckten. Danach widmete man sich den Details. Dabei ging es so bunt zu wie in einer Tüte englischer Weingummis: Die Augenform lieh man sich vom Datsun 240 Z, die Scheinwerfer vom Mini. Front-, Tür- und Seitenscheiben passten vom Capri III, für das Heck hatte man sich der seitenverkehrt und auf dem Kopf montierten Leuchten des Opel Manta B bedient. Die Heckscheibe über der mächtigen Luftschaufel spendete der MGB-GT, das Interieur war abhängig vom Gusto des Kunden. Hatte er einen Capri für die Organspende gemeuchelt, fand auch dessen Cockpit nebst Sitzen und angepassten Verkleidungen in den Carrera, war's ein dröger Cortina (vulgo: Taunus), musste man notgedrungen auf dessen wenig erhöhende Plastetafel schauen. Das heißt, man musste nicht. Es passten auch Jaguar- und Rover-Elemente in den Carrera, oder man ließ der eigenen Fantasie freien Lauf und entwarf flugs sein persönliches Einzelstück. Da man aber schon mit dem übrigen Auto gut zu tun hatte, beließ man es oftmals bei der Original-Armaturentafel.

Zeitgenössische Tester attestierten dem Carlton Carrera eine erstaunliche Stabilität und Verwindungssteifheit. Die Basis war eben massiv, selbst die Türen bargen einen stählernen Insassenschutz. Je nach Motorisierung und Fahrwerk stürmte der Carrera dynamisch oder brachial durch das automobile Unterholz – unter der Haube, die nicht selten einen 1600er Vierzylinder verbarg, hatte Carlton vorsorglich genügend Platz für V8- und V12-Triebwerke belassen. Alles ging. Selbst ein 440er Big Block war denkbar. What a Monster!

Der aktuell angebotene Carlton Carrera in selbst nach britischen Maßstäben schauderhafter Kriegsbemalung, die man schleunigst zugunsten eines angemessenen Farbtons tilgen sollte, füllt den Motorraum mit eben solch einem V8 aus. Auch die Beschreibung ist ähnlich lautstark und wenig zurückhaltend, wahrscheinlich wird der Inserent noch völlig betäubt vom Erlebnis dieser Fahrmaschine in die Tastatur gehauen haben. Kaufinteressenten sei nicht vorenthalten, dass dieser angebotene Carrera erst kürzlich für 3.100 britische Pfund ersteigert wurde – damit ist er zwar unterbewertet, zu den jetzt aufgerufenen 19.900 Euro besteht allerdings ein ordentlicher Verhandlungsspielraum. Korrigiert sei hier auch die Angabe der gebauten Exemplare. Genau Zahlen lassen sich nicht feststellen, aber allein der Carlton Owner's Club zählt bereits acht namentlich bekannte Carrera-Eigner.

Aber lassen wir das Erbsenzählen. Ob nun acht, achtzehn oder achtzig Carrera existieren – selten ist das rassige Coupé allemal. Fast so selten wie guter Porridge. Und damit eine wahre Rarität.

Autor: Knut Simon