Bulliparade – VW T3 Whitestar

Bulliparade – VW T3 Whitestar


Marktbeobachtung

Ben Pon war ein ausgekochtes Schlitzohr mit dem richtigen Riecher für erfolgreiche Produkte. Der knorrige Holländer schmiss sich Anno 1946 einfach in eine Majors-Uniform, die ihm als Zivilisten gar nicht zustand, und stolzierte so an den wachhabenden Posten der Britischen Besatzer vorbei – direkt in die Chefetage des Volkswagenwerks in Wolfsburg.

Normaler Weise hätte das einen ausgewachsenen Krach produziert, doch bevor die Verwalter des Werks ihn anblaffen konnten, hatte Pon ihnen schon verklickert, dass die Herren VW mit und an ihm viel Geld verdienen könnten. Am Ende dieses Gesprächs – es endete feucht-fröhlich im Gästehaus von VW zu früher Morgenstunde  – war abgemacht, das die Gebrüder Pon aus dem holländischen Amersfoort erster Volkswagen-Generalimporteur würden. Schon im folgenden Jahr nahmen sie in Wolfsburg die erste Lieferung entgegen: 56 Volkswagen-„Limousinen“ gingen in das Land von Tulpen, Käse, Caravan.

So überzeugt Ben Pon vom Geschäftserfolg des Käfers war, so erfindunsgreich war er, was die Entwicklungsmöglichkeiten dieses Volkswagens betraf. In sein Skizzenbuch kritzelte Pon 1947 die Umrisse und das Konzept dessen, was einmal der Volkswagen Transporter – der „Bulli“ – werden sollte. Bereits im März 1950 begann die Produktion des Volkswagen Transporters (T1) mit zweigeteilter Frontscheibe und zwei großen Laderaumzugängen. Schnell wurde noch die Kombi-Variante nachgeschoben – und der legendäre Samba-Bulli mit seinen unvergessenen kleinen Dachfensterchen hatte 1951 Premiere, die Pritschen-Ausführung 1952. Mit dem Motor des Käfers ausgestattet und auch sonst technisch sehr mit diesem verwandt, durchfuhr der Bulli die gesamte Adenauer-Zeit. Er war das Auto des Blumenhändlers und des Bäckers, des Monteurs und des Malermeisters. Auch auf Reisen ging man gern mit ihm – nicht nur als Camper gen Bodensee, sondern sogar als Abenteuer-Gefährt nach Bahrain taugte der Bulli.

All diese Phänomene gab es auch beim Nachfolger, T2 benannt, zu beobachten. Ab 1968 schickte VW den „erwachsen“ gewordenen Bulli erneut in alle Welt. Und dies buchstäblich, denn der Export war beträchtlich angewachsen. Der T2 hatte nun eine seitliche Schiebe- statt der bisherigen nach außen hin öffnenden Doppeltür, eine einteilige Frontscheibe, eine Sicherheitslenksäule und vieles mehr. Es gab ihn wieder als fensterlosen Kastenwagen, als Kombi, als Sieben- oder Neunsitzer, als Pritsche, Camper und Doppelkabine mit kleiner Pritsche. Die Bundeswehr entdeckte den Bulli, das THW, die Feuerwehr, die Polizei – und nach diesen die Hippies. Knallbunt bemalte und abenteuerlich umgebaute Exemplare bevölkerten die Straßen. Spätestens seit dieser Zeit ist der VW Bulli ein Lebensgefühl, nicht bloß ein Transporter.

Gleichzeitig begann der T2 eine Klientel zu erschließen, die sich diesem „Nutzfahrzeug“ gegenüber bisher zum großen Teil reserviert verhalten hatte: Die ersten bürgerlichen Familien kauften den Bulli als geräumige Alternative zum Kombi. Ein Trend, den so richtig erst der ab 1979 gebaute T3 festigte. Äußerlich deutlich breiter als seine Vorgänger, bot der T3 seinen Nutzern so viel Platz und Komfort wie noch nie. Typisch für diese Zeit waren die modischen Zweifarb-Lackierungen: Vom Dach abwärts bis unter die Fensterlinie in Beige, darunter Orange, oder Kombinationen in Hell- und Dunkelblau waren begehrt. Fahren Sie mal in ein aktuelles Neubaugebiet: Zwischen Wolfsburg und Wiesbaden werden Sie sicherlich den ein oder anderen ehemals vornehmen Bicolor-T3 als Zementsack-Kutsche entdecken. Sie sollten ihn retten!

Hatte der T2 zum Ende seiner Produktionszeit mit seiner für damalige Zeiten extrem luxuriösen, aber seltenen Ausführung als „Silberfisch“ (benannt nach der ausschließlich in silbermetallic gehaltenen Lackierung dieses speziellen Personenbusses) die Möglichkeit einer stetigen Veredelung des „Transporters“ bereits erahnen lassen, legte der T3 in Form der ersten Caravelle Carat die Messlatte um einiges höher: 112 PS blubberten sonor im Heck, soffen im Schnitt genüsslich 16 bis 18 Liter auf 100 Kilometer und sorgten dabei für angemessenen Vortrieb der bis zu sechs Insassen, die es sich hinter Colorglas und auf Einzelsitzen in Fischgrät-Velours gut gehen ließen. Die leicht tiefer gelegte Caravelle Carat mit ihren seitlichen Beplankungen in Wagenfarbe, eckigen Doppelscheinwerfern, Alufelgen und elektrischen Fensterhebern hatte sich meilenweit von ihren spartanischen Transporter-Brüdern in rappelnder Caritas-Ausstattung entfernt.

Das Konzept des Carat wurde schließlich verfeinert und zu dem geformt, was seitdem als Multivan seinem Namen alle Ehre macht: Außen schick wie der Carat, innen die perfekte Synthese von Großraumfahrzeug mit gemütlichem Klapptisch für die Brotzeit, und wenn die Fahrt mal länger dauert als geplant, ist die Rücksitzbank flugs zum Doppelbett umgebaut.

Am bekanntesten und begehrtesten sind damals wie heute die Multivan im Maßanzug: Whitestar, Redstar und Bluestar waren bereits zum Zeitpunkt ihrer Endmontage Klassiker, und weil die Menschen so vernarrt in den T3 waren, ließ VW 1992 noch die 2500 nummerierten Exemplare der Limited Last Edition folgen. 

Als Diesel gibt es den Bulli seit 1979. Dann brauchte man aber eigentlich kein Radio zu bestellen – noch heute können ehemalige Diesel-Bulli-Fahrer das Lied der sägenden Maschine im Heck mitsingen. Extreme Ohrenschmalz-Ablösungen waren inklusive. Heute ist verstärkt der Trend zum umgerüsteten T3-Multivan zu beobachten: Während außen und innen alles beim alten bleibt, werkelt im Heck ein moderner TDi. So bekommt man den klassischen Bulli mit erstaunlichen Fahrleistungen und schonendem Geräuschpegel. Solch ein Modell ist der heutige Netzfang, der für Fans kaum zu ignorieren sein dürfte. Ausführliche Historie, ehrlich klingende Beschreibung, gut bebildert. Wenn der TDi-Einbau ordentlich gemacht wurde, ist sogar die gelbe Feinstaubplakette drin. 

Über neun Millionen VW-Transporter, Busse, Caravellen etc. wurden bis heute gebaut. Was der trinkfeste Ben Pon wohl zu dieser Erfolgsgeschichte gesagt hätte? Wahrscheinlich „Proost“! Das Angebot finden Sie hier.