Body Talk – Ferrari 250 GTO

Marktbeobachtung

Wer in der Nähe von Paris in einem der unzähligen alten Landgasthöfe Quartier bezieht, wird spätestens beim zweiten Pernod des Abends in die besondere Geschichte des Gasthofes eingeweiht: Er sei nämlich aus nichts geringerem als aus Ziegelsteinen der 1789 vom Bürgertum erstürmten und danach abgebrochenen Pariser Bastille erbaut! Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Ferrari 250 GTO.

Nun ist der Ferrari 250 GTO selbstredend nicht aus Stein gemeißelt, wenn auch ein kleines Meisterwerk der Reduktion, aber das ist ein anderes Thema. Das Phänomen in Sachen Bastille besteht vor allem anhand seriöser Schätzungen, nach denen, sollten alle angeblichen Eigner von ehemaligen Steinen dieses Bauwerks die Wahrheit über die Herkunft ihres Gemäuers sprechen, man aus diesen "Originalsteinen" rund 15 Bastillen erbauen könnte. Und genau an dieser Stelle kommt der 250 GTO ins Spiel: Heute existieren weit mehr Originale als die 37 Exemplare, die Ferrari einst zu Homologationszwecken hergestellt hatte. Compris?

Im Falle 250 GTO hatte die Trickserei jedoch bereits früh begonnen, und zwar bei Ferrari höchstselbst. Denn für eine Qualifikation in der Grand Touring-Kategorie hätte der Hersteller 50 identische Fahrzeuge anfertigen müssen – nicht 37. Nun ja. Ein kleiner kompletter Betrug, verehrtes Publikum, mehr nicht. Und selbst die 37 Homologationsferraris entsprachen in Form und Detail höchst unterschiedlichen Chassis ...

Im Laufe der Jahrzehnte sind munter weitere, nicht wenige "GTO" aus Teilen des im Vergleich fast schon profanen GT erbaut und werden ohne Schamesröte auf dem Markt angeboten. Originale beginnen im Bewertungsindex bei rund 15 Millionen US-Dollar, dennoch gibt es Menschen wie Nick Mason, der seinen authentischen 250 GTO durch zahlreiche Vintage-Rennveranstaltungen prügelt – das Typenschild ist eben der heilige Gral dieses Autos, nicht das Anbauteil.

Ebenso begüterte wie zartbesaitete Zeitgenossen lösen das Problem anders: Sie stellen ihr Original den besten Kopisten der Welt zur Verfügung, die das Auto von Hand und von Grund auf neu erschaffen. So geschehen im Falle unseres heutigen Netzfangs. Betrugsabsichten waren hier sicherlich auch wieder nicht am Werk, ging es doch darum, so der Anzeigentext, das unwiederbringliche Original vor all zu schlimmen Blessuren oder gar der völligen Vernichtung zu bewahren. Das wäre ungefähr so, als hätte man, statt den originalbau niederzureißen, 1789 noch schnell eine zweite Bastille erbaut, nur an anderem Ort, und hätte die aufgebrachte Bevölkerung dorthin zum Brandschatzen geschickt. Netter Plan. 

Auch unser Netzfang flog auf und wurde mit Schimpf und Schande aus dem Ring geworfen – Jahre später aber wurde ihm dann doch noch Absolution erteilt. Seitdem ist er fast echt. Siehe Anzeigentext.

Die Beschreibung seiner Entstehung zerfließt wie italiensiche Salbeibutter auf der gerundeten Haube des 250 GTO. Und manchmal ist ein eingestandener Betrug, erzählt mit all seinen atemberaubenden und verschwörerischen Details, ja beinahe schon spannender als die Wahrheit. So wie bei der Bastille. Sie wurde fast kampflos übergeben und den Abbruch initiierte ein findiger Mensch, den man heute Bauunternehmer nennen würde. Kuscheln Sie sich nach den Pernods also wohlig in die Kissen, wenn Sie demnächst in einem gemütlichen französischen Landgasthof übernachten sollten. Sie können dem Wirt ja im Gegenzug erzählen, das da unten im Hof sei Ihr originaler 250 GTO.

Das Angebot finden Sie hier.