BMW Isetta – zum Kugeln

BMW Isetta – zum Kugeln


Portrait

250 Kubikzentimeter und 12 PS, mehr braucht man nicht zum Autofahren. Zumindest nicht, wenn es nach Klaus Jungenblut geht. In den Urlaub, zur Arbeit, über 4000 Kilometer im Jahr – wenn die Sonne scheint, fährt er mit seiner BMW Isetta fast überall hin

Ein richtiges Auto, sagt selbst der Fahrer, ist das Ding in seiner Garage zwar eigentlich nicht. Eher eine Haube mit Unterboden, die sich mit fünf Litern Unverbleitem hundert Kilometer weit bewegen lässt, die hupen kann und auf ein paar kleinen Reifen steht. Nur eine Kugel, die von vorn aussieht wie ein grinsender Käfer, und mit der Klaus Jungenblut nichts zu melden hat bei Benzingesprächen über PS und Hubraum, harte oder komfortable Fahrwerke, um viel Platz im Innenraum oder eine sportliche Form.

Deshalb fängt er damit gar nicht erst an. Wenn Klaus Jungenblut (Isetta1962) von seiner Isetta spricht, spielen technische Details und die damals modernen Auto-Designs aus den 50er Jahren gar keine Rolle. Er trumpft nicht auf und gibt nicht an, er sagt einfach: „Sie guckt doch so freundlich.“ Das muss dann reichen als Grund dafür, dass er eine Isetta fährt und keinen edlen  Mercedes-Benz, der zwar viel bequemer und exklusiver wäre, aber eben nicht so ungewöhnlich wie dieses Ding.

Das Faltdach als Notausstieg

Diese Isetta mit runden Scheinwerfern rechts und links über den kleinen Kotflügelchen, der minimalistischen Stoßstange und nur einer Tür, die zugleich die Front des Gefährts bildet und nur deshalb in Deutschland zugelassen wurde, weil ein Faltdach mit der Aufschrift „Notausstieg“ bei einem Frontalunfall das Entkommen der Passagiere sichert. „Das Auto hat ja eigentlich gar keinen Platz für Türen“, sagt der 45-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Senden. „Es hat eigentlich kaum Platz für irgendetwas.“

Um Platz ging es auch nicht, als bei BMW Anfang der 50er Jahre die Idee zum Bau der Isetta aufkam. Geräumige Wagen hatte man in München schon genug produziert, schwere Karossen mit viel PS, mit allerhand Luxus und in edlem Design. Schicke Autos, die richtig was hermachten, die allerdings einen Haken hatten – kaum jemand konnte sie sich leisten. Der BMW 501 oder der 501 V8 waren zwar genau das Richtige für eine schmale Oberschicht. Den Wunsch nach mehr Mobilität einer breiten Gesellschaft, die trotz Wirtschaftswunder nur wenig Geld für ein Auto übrig hatte, konnten die Bayern damit aber nicht befriedigen.

BMW, die nach dem Krieg noch immer nicht in der Gewinnzone angekommen waren, mussten sich etwas einfallen lassen – und stießen auf ein kleines, rollendes Ei des italienischen Motorradhersteller Iso. Mit diesem Gefährt konnten zwei Personen trockenen Fußes zu ihrem Ziel gelangen. Ein kleiner Gepäckträger am Heck erlaubte zudem den Transport einiger Habseligkeiten. „Die Isetta war genau das, was der kleine Mann von damals haben wollte“, sagt Klaus Jungenblut. „Deshalb kaufte BMW die Lizenz  für den deutschsprachigen Raum.“ Statt eines Pkw-Motors schraubten die Ingenieure in München den Einzylinder des Motorrades R 25 ins Heck des Wagens. Und so stand der denn auch nicht als Auto, sondern unter der offiziellen Bezeichnung „Motocoupé“ bei den Händlern.

Das Große Geschäft mit der kleinen Knutschkugel 

Das kleine Ding brachte den Motoren-Werken das große Geschäft. Mit einem Preis von 2580 Mark war es etwa 1200 Mark billiger als der einfachste VW Käfer und damit auch für den kleinen Mann erschwinglich. Während sich der BMW 501 nur etwa 9000 mal und der BMW 501 V8 nur knappe 13.000 mal verkauften, fuhren von der zwischen 1955 und 1962 gebauten Isetta mehr als 161.000 Stück über die Straßen im deutschen Sprachraum. Erst mit 250 Kubikzentimeter und 12 PS, später gab es auch die 300er-Version mit 13 PS. „Seine Bekanntheit ist die Besonderheit dieses Autos: Wenn meine Frau und ich heute mit dem kleinen Ding zu Oldtimer-Treffen oder 50er-Jahre-Märkten fahren, scharen sich die Leute um uns, weil sie die Isetta noch von früher kennen und sie die vielleicht selbst gefahren sind“, sagt Klaus Jungenblut.

Klaus Jungenblut kann viele Geschichten erzählen von Leuten, die an seinem Auto stehen bleiben. An der Ampel und an der Eisdiele, auf Parkplätzen und vor seinem Haus. Immer wieder muss er sagen: „Nein, ich verkaufe sie nicht.“ „Ja, die Schaltung sitzt links.“ Und: „12 PS“. Einmal, das erzählt er immer wieder gern, standen ein paar Jungs an der Kugel und rätselten, ob sie wirklich ein BMW sei. „Einer meinte, das BMW-Zeichen sei wohl nur aufgeklebt, weil ein richtiger BMW doch ganz anders aussähe.“

Bei Rallys sehen selbst große Autos alt aus

Einen richtigen, einen großen BMW braucht er auch gar nicht. In den 90ern, als die Jungenbluts regelmäßig bei Rallyes mitfuhren, konnten sie locker mit den Fahrern größerer Modelle mithalten. „Witzig war, als bei einer Rallye die BMW-Bestnote vergeben wurde, und an all den Rennwagen so eine niedliche Nuckelpinne vorbeifuhr, um sich den ersten Preis abzuholen.“ Wenn es nicht um Zeit gehe und nicht um Geschwindigkeiten, sondern um Geschick und Genauigkeit, sei er mit seiner Isetta zumeist wesentlich besser dran als alle anderen. „Beim rückwärts Einparken etwa bleiben bei den meisten noch mehrere Zentimeter Platz. Bei mir ist aber der Gepäckträger das Ende vom Auto und sehr gut zu sehen. Ich kann also ganz bequem und um Millimeter genau rückwärts rangieren.“

Er ist einfach praktisch, der Wagen, doch auch das letztlich egal. „Ich wollte eine Isetta fahren, weil sie heutzutage so ungewöhnlich ist“, sagt er. „Und ich wollte ein Auto, das aus dem Baujahr 1962 stammt, weil auch meine Frau  und ich beide Baujahr 1962 sind.“ Zuerst interessierte sich seine Frau Marlies zwar noch nicht sonderlich für Autos, und fand „so ein komisches Gefährt“ wie die Isetta höchstens lustig. Doch dann entdeckte Jungeblut eine rollende Kabine Baujahr ‘62 und schlug sofort zu. Wenig später schwappte die Begeisterung für das Auto auf seine Frau über.

Harte Zeiten und ein Happy End  

„Die Isetta stammt von einem Fuhrunternehmer aus Wuppertal“, sagt Jungenblut. „Damals glaubte ich, ein Schnäppchen gemacht zu haben.“ 4000 Mark für ein 24 Jahre altes Auto mit genau 245 Kubikzentimetern Hubraum, einem Zylinder und vier Takten, das eigentlich noch ganz gut aussah. „Aber ich habe dann zu Hause bald gemerkt, dass es doch kein Schnäppchen sondern eine ganze Menge Arbeit war. Der Vorbesitzer war mit dem Wagen ungefähr so umgegangen wie mit seinen Lastwagen.“ Dass 2,25 Meter kleiner Wagen nicht so brachial gefahren und repariert werden durfte wie ein 40-Tonner, hatte den Mann aus Wuppertal offenbar nicht gestört. „Er hatte unter anderem Hydrauliköl für die Bremsen benutzt – danach ging gar nichts mehr.“

Ein Desolater Zustand, 4000 Mark, viel zu viel Geld. Doch Klaus Jungenblut tat erstmal nur das Nötigste an seinem neuen Auto. Er wollte fahren, nicht schrauben. Erst ein Jahr später machte er sich an die Grundüberholung. Sein Glück: Bevor er Schichtleiter in einer Produktionsfirma wurde, hatte er eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker angefangen und eine als Elektriker hinter sich gebracht. „Da konnte ich einiges selbst machen. Sonst hätte ich wahrscheinlich kapituliert.“ Inzwischen aber ist die Isetta ein zuverlässiger Wagen, hat 92.000 Kilometer auf der Uhr. 7000 sind allein seit September 2006 zusammengekommen. Klaus Jungenblut weiß das deshalb so genau, weil das der Zeitpunkt der letzten Tüv-Untersuchung war, bei der wieder einmal alles rund lief. „Man muss bei alten Autos natürlich immer Werkzeug dabei haben. Aber eigentlich passiert selten etwas.“ Und wenn doch: „Heute sind Ersatzteile besser zu bekommen als vor 22 Jahren, weil es mittlerweile Liebhaber gibt, die Teile sammeln und verkaufen. Zu der Zeit, als wir den Wagen gekauft haben, war die Isetta ein altes Modell, das keiner haben wollte.“ Ersatzteile gab es damals noch auf dem Schrottplatz, aber nur irgendwo ganz hinten in den Regalen.

Heute ist der Wagen der Jungenbluts eine Kuriosität auf den Straßen. Und trotzdem ein Alltagsauto – allerdings nur bei schönem Wetter, „damit der Rost erst gar nicht anfängt“. Wenn die Sonne scheint, bleibt der Opel Astra stehen und Jungenblut fährt mit der Kugel zur Arbeit. Im vergangenen Jahr waren er und seine Frau damit sogar im Urlaub. 1000 Kilometer in- und durch den Harz, das Gepäck auf dem Träger am Heck, auf dem er übrigens auch schon einmal eine Wickelkommode transportiert hat. „Das geht alles“, sagt Jungenblut. „Aber nach dem Urlaub konnte ich den Wagen auch eine Woche lang nicht mehr sehen.“ Die langen Straßen, die engen Sitze – unbequem ist es dann doch, und Autobahnen kommen erst gar nicht in Frage, weil mit eingetragenen 85 Stundenkilometern sofort ein Lastwagen hinten dran hänge. „Das ist in so einer kleinen Schüssel dann ziemlich unangenehm.“

Diese Heldengeschichte entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds isetta1962. Sein Fahrzeug finden Sie hier.

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