Bentley Mulsanne L Turbo

Bentley Mulsanne L Turbo


Marktbeobachtung

Wer die plumpe Aufdringlichkeit eines Rolls-Royce nicht goutiert, aber dennoch auf klassischen britischen Limousinenbau nicht verzichten will, der greift zum Bentley. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn beide Marken seit einiger Zeit wieder getrennte Rundkurse fahren und nicht mehr konstruktiv identisch sind. Und schon lange nicht mehr britisch.

Haben Sie mal einem neuen Bentley Arnage unter die Haube geschschaut? Noch immer thront dort der klassische V8 mit 6.75 Liter Hubraum, der schon vor über 25 Jahren verbaut wurde. Gigantisch. Respekt einflößend. Gänsehaut verursachend. Welch ein Triebwerk! Nur den Entriegelungshebel der Haube, den sollten Sie nicht genauer betrachten. Jedenfalls nicht, wenn Sie Purist, Englischlehrer oder ein sonstiges empfindsames Gemüt besitzen: "BMW" ist dort schnöde eingeprägt, denn bis vor gar nicht langer Zeit hatten die Macher aus München die Hand nicht nur am Bentley-Volant, sondern auch wohl etwas zu optimistisch zu viele Entriegelungshebel bestellt. Da lagen sie nun, fielen in feindlichnand Piëchs Hände und mussten ja irgendwo hin. Also verbaute man sie – an die Stelle, wo sie hingehören. Gottlob können aktuelle Bentleys gegen Aufpreis auch ohne VW-Emblem am Heck bestellt werden.

No, Sir, das hätte es 1985 nicht gegeben. Ein Skandal ohnegleichen wäre über die ehrwürdigen Werkbänke in Crewe hinweggefegt, ähnlich dem Turbohauch des Bentley Mulsanne. Niemals hätte dieser, allen Gleichteilen mit dem Rolls-Royce Silver Spirit zum Trotz, ein RR-gelabeltes Element zur Schau getragen. Er war der erste, zaghafte (böse britische Zungen behaupten: halbherzige) Versuch, den Bentley-affinen Kunden etwas zu bieten, was ihrer Kultur entsprach: Ein durch und durch aristokratisches Fahrzeug – jedoch ohne das Banner des finanziellen Hochadels auf dem Kühler zur Schau zu stellen.

Mit dem Mulsanne Turbo schließlich erhielten Bentley-Kunden endlich wieder tradierte Gene, die auch explizit beworben wurden: "The return of the smooth sports car" titelte der Prospekt (jawohl, so etwas Profanes gab es bereits im Hause RR), in dessen Anhang der Mulsanne Turbo auf dem Rollfeld zwischen Sport- und Jagdmaschinen abgebildet war. Ein Automobil für den aktiven Herrenfahrer war geboren. Oder, treffender gesagt: wiederbelebt worden, hatten die Werke Walter Owen Bentley's doch einst für Furore auf den Rennpisten der Welt gesorgt.

Sophisticated wie man war, hielt sich die Stückzahl der erschaffenen Mulsanne Turbo in Grenzen. Nie stieß man in die vulgären Verkaufsregionen des heutigen Continental GT vor. Lieber lehnte man sich entspannt in die führungsarmen Ledersitze des Mulsanne zurück, in der Hoffnung, die frisch gewachste Barbourjacke werde den Kontakt zwischen Oberschenkeln und Sitzpolster schon nicht abreißen lassen, und brauste los. 220 km/h waren drin, sicherlich, aus heutiger Sicht ist der Mulsanne kein Rennpferd, auch wenn er nach der fünf Kilometer langen Geraden vor Mulsanne an der Rennstrecke von Le Mans benannt wurde. Kampfgewicht und vorsintflutliche Motorkonstruktion forderten ihren Tribut. Absichtsvoll.

Gänzlich im Takt der britischen Hymne sollten die Herzen von  Bentley-Enthusiasten hüpfen, wenn ihnen der Mulsanne als Turbo UND in Langversion entgegen fährt. So geschehen im Falle unseres heutigen Netzfangs, der als wahre automobile Exklusivität gelten muss. Wer einmal das Geräusch der Stille in einem Bentley erlebt hat, die schimmernde Oberfläche des Wurzelholzes andächtig berührte und vorsichtig auf dem Connolly-Leder hin-und-herknatschte, der wird nicht lange zögern, gibt es den long wheelbase-Mulsanne doch zum Gegenwert eines Passat in Safeways-Ausstattung.

Stilistisch war der Mulsanne kein Entwurf, der einem das After-Eight im Munde stecken bleiben ließ. Aber genau das sollte er ja auch nicht werden: effektheischend. So wirkt der stattliche Brite noch heute zeitlos, elegant und in sich ruhend. Ein schönes Beispiel automobiler Kultur, in der Limousinen keiner Aluminiumfelgen bedurften, um zu überzeugen.

Wer, for heaven's sake, schuldet mir eigentich noch Geld...?

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