"Beifahrer?" – Lotus Esprit

"Beifahrer?" – Lotus Esprit


Markrbeobachtung

Die Kupplung kommt sofort. Der Schub schlingt die letzten Wortfetzen des Beifahrers gierig in Richtung der Wastegates, die hinter dir zu trommeln beginnen. Regen peitscht in den Radkästen,  das Brüllen des V8 wird böser, hättest Du vielleicht doch die Doppelairbags für läppische 4.000 Euro Mehrpreis bestellen sollen, statt des wirkungslosen, 600 Euro teuren Alpine-Soundsystems?

Völlig erfolglos müht sich der Einarmwischer, wenigstens Bruchteile der völlig planen Windschutzscheibe vom Wasser zu befreien, da öffnet sich, Gott sei Dank, kurz vor Tempo 200 die vordere Haube mit einem Krachen. Puh. Gerade noch einmal hat sich finest car manufacturing made in Britain vor sich selbst bewahrt – die glaubhaften 290 Sachen Spitze des Lotus Esprit hätten wir unter diesem Umständen auch gar nicht erst erleben wollen. Als der von Giugiaro gezeichnete Esprit 1975 debütiert, hat er noch vier Zylinder weniger – was den Käufern langfristiger besser tut, krepieren die leistungsärmeren Triebwerke doch längst nicht in der Zahl, wie dies beim fehlkonstruierten V8 der Fall ist. Doch ein britisches Auto, zumal ein Lotus, ist irgendwie immer ein Experiment ohne Zuverlässigkeitsabsichten. Ups. Böse? Zumindest stark vereinfacht, diese Behauptung.

Trotz sogenannter Ölkrise war der Marktplatz automobiler Eitelkeiten zu Beginn der 70er Jahre gut besetzt. Colin Chapman, optisch ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, war aber immer viel mehr gewesen als das stets gut gebügelte Abziehbild eines tradierten Klischees. Studierter und versierter Flugzeugbauer, der zu seiner Studienzeit gebrauchte Autos verkaufte (die er oft „leistungsgesteigert“ hatte ...), stellte die Leichtbau-Lehre auf vier Räder, klemmte sich hinter die Lenkräder seiner Erzeugnisse und fuhr der Konkurrenz damit um die Ohren. Er war ein Vertreter seiner Generation, die den Puls der von ihr gegründeten Unternehmen ausmachten – und am Leben erhielten. Dass mit den kollabierenden V8 im Esprit wird Chapman nicht gefallen haben – allein, der Meister kollabierte selbst und dies vollständig 1982. An einem Herzinfarkt.

Wer einmal in einem Lotus Platz genommen hat, kommt nicht wieder heraus. Das kann entweder an der Aura aus Sportlichkeit und Askese plus Leder und Holz liegen, als auch an klemmenden Türen. In jedem Fall nimmt einen der Lotus gefangen. Und besonders der Esprit wirkte damals als schon beinahe wie ein stämmiges, erwachsenes Auto, das mit Turbo-Vierzylinder-Maschine schon bestens motorisiert schien. Immerhin ließen die Produzenten von „Der Spion, der mich liebte“ niemand geringeren als James Bond von ehrwürdiger Aston Martin-Hardware auf den Leichtbau-Esprit umsteigen, inklusive Taucheinlage des Lotus in einer wohl unvergessenen Szene. Und wohl vor allem deshalb wird der Esprit uns wohl unauslöschlich im Gedächtnis bleiben.

So richtig „pur“, sagen manche, sei der Esprit nur als S1 von 1975 bis 1978 gewesen. Schon danach erhielt er klotzige Rover-Heckleuchten, immer mehr Spoiler, in den 80ern gar Rundungen. Anecken tat er auch damit noch. Wegen, na ja, nennen wir sie mal „gewisser Fertigungsmängel“, die irgendwie nicht zu einen zuletzt 85.000 Euro teuren Sportwagen individuellen Zuschnitts passten. Zumindest nicht zu einem von Colin Chapman. Wenn der das gewusst hätte. Er hätte die Verantwortlichen wahrscheinlich auf dem Beifahrersitz eines Super Seven festgeschnallt, sich selbst hinters Steuer gesetzt und wäre mit den Leutchen mal eine Runde gefahren. Ohne Worte. Die hätte Chapman eh nicht gebraucht. Ein grimmiger Seitenblick bei durchgetretenem Gaspedal hätte ausgereicht. Widerworte wären schon deshalb nutzlos gewesen, weil bei diesem Getöse selbst die Schreie der mitgenommenen Angestellten wirkungslos im Heidemoor von Gloucestershire verhallt wären.

Ich mag Menschen wie Chapman. Auch wegen seiner Autos.