Baur macht luftig –  BMW 323i TC1

Baur macht luftig – BMW 323i TC1


Marktbeobachtung

Die ach so bunten 70er Jahre, der Ausbund an Lebensfreude, Tri Top und anderen poppigen Erzeugnissen, waren in Wirklichkeit das Jahrzehnt der gnadenlosen automobilen Restriktion. Der Sensenmann der Sicherheit hatte sämtlichen englischen Roadstern die Chromnasen abrasiert, noch die edelsten Blechkleider erhielten orange und rote Plastikwarzen auf ihre hübschen Flanken ("Seitenblinker") appliziert, und nicht wenigen Klassikern drohte gar ein Tod ohne Nachkommen.

Porsche 914 – Tod durch den 924. MG B – erblasst. Triumph TR 6 – lebenslängliche Designfesseln in Form des TR 7. Käfer Cabrio – Tod durch Überrollbügel. BMW. BMW? Ehrenrettung aus Stuttgart.

Stuttgart?

Richtig.  

Mercedes?

Nein!

Zu erforschen bleibt, was nun zuerst da war: Der vernunftbetonte Kunde oder die Marketingabteilungen der Massenhersteller, die ihn erfanden. In jedem Fall tat sich die Mehrzahl der Automobilproduzenten vor 35 Jahren schwer damit, eigenständige Autos für eine eigenständige Klientel zu bauen. Die Cabriolets starben, wie einst die Fliegen an den frei stehenden Frontscheiben verendeten. Wenigstens verblassten so keine Menschen mehr, die nach einem Überschlag in ihrem eleganten, aber wenig unfallsicheren Cabriolet ziemlich platt waren. Behauptete jedenfalls die Marktforschung.

Richtig goldene Zeiten für einen Familienbetrieb wie den der Brüder Baur aus Stuttgart. Diese fertigten für die Freude am offenen Fahren seit geraumer Zeit den BMW 02 als Vollcabriolet und als Cabrio-Limousine. BMW freute es doppelt: Zum einen sparte man sich die Entwicklungs- und Produktionskosten, zum anderen konnte man dennoch attraktive Open-Air-Varianten der frischen kleinen Limousinen im offiziösen BMW-Prospekt listen.

Was der Generation 02 gefiel, sollte der geneigten Dreier-Gemeinde nicht vorenthalten werden. Und so lieferte BMW fertig montierte Limousinen besagten Bautyps, allerdings reduziert um Dachhimmel und hintere Fenster. Denn Baur setzte nicht nur zwischen A- und B-Säule den Schneidbrenner an, sondern auch an der C-Säule. Heraus kam, mit relativ günstigen Mitteln fabriziert, eine qualitativ mehr als hochwertige Cabrio-Limousine, deren nur 3,5 Kilo schweres Targadach mühelos im Kofferraum verschwand, während der Himmel über den Hinterbänklern sich per entriegelter Cabrioplane öffnete. Das Ganze zum gegenüber der herkömmlichen Limousine um 7.000 D-Mark erhöhten Preis. Diese Offerte war derart wohl kalkuliert, dass sich rund 4.500 Kunden für das Baur TC (für "Top-Cabrio") genannte Auto erwärmen konnten – trotz offener Dachflächen.

Und so waren sie dann doch irgendwie lebensfroh, die 70er Jahre, jedenfalls für Baur und all diejenigen, die sich ein TC aus Basis des E 21 von BMW leisteten. Von Clubs und Interessengemeinschaften gehegt, haben die Baur-Cabrios TC1 und TC2 einen festen Platz in der Historie. Ein bestens erhaltener TC1 wird im Rahmen unseres heutigen Netzfangs angeboten. In der potenten 323i-Variante ist der TC1 besonders gefragt, das Preisgefüge insgesamt überschaubar und auch bei diesem Exemplar nicht aus dem Rahmen fallend – allerdings wird man noch handeln können.

Vom Nachfolger E 30 TC2 konnte Baur gar 15.000 Einheiten absetzen, und das, obwohl BMW ab 1986 eine eigene Vollcabrio-Variante des Dreiers im Angebot hatte. Für diese hatte man auch bei Baur angefragt, allerdings, so hieß es, hätte die gelieferte Konstruktion nicht überzeugt. Der bodenständige Familienbetrieb, der nie mehr investierte, als er zu gewinnen erwartete, fiel schließlich bei BMW in Ungnade. Da half es nichts, dass Baur seit den Zeiten des BMW 700 mit den Münchnern verbandelt war, M1 und Z1 mit aus der Taufe gehoben und die Homologationsserie des Audi Sport Quattro gefertigt hatte – im Jahr 2000, nach gerade einmal 310 verkauften Exemplaren der E 36-Cabrio-Limousine, schlossen sich die Tore des Hauses Baur. Mittlerweile zum Entwickler IVM gehörig, entwarf man zuletzt die Cabrio-Limousine der Mercedes-Benz G-Klasse.

Nun schaut man von München aus mit einem weinenden Auge mehr nach Stuttgart – was man sich jedoch selbst zugedrückt hat.