Austin 3 Litre Saloon

Austin 3 Litre Saloon


Marktbeobachtung

Dass die Uhren im Vereingten Königreich eine Stunde nachgehen, ist eine zunächst charmante Tatsache. Längst haben wir uns auch an britische Eigenarten wie Wildschweinbraten in Minzsoße gewöhnt. Dennoch erscheint die Entwicklung von Automobilen wie dem Austin 3 Litre Saloon nur dann plausibel, wenn man die gegenüber dem kontinentalen Festland seit Jahrzenten angesammelte Zeitdifferenz addiert.

Wie das oben erwähnte Tier im Minzmantel waren britische Automobile nicht durchweg jedermanns Geschmack. Nirgendwo – außer vielleicht in den technisch resistenten Konzernzentralen in Detroit, USA –  kultivierte man den automobilen Anachronismus derart wie zwischen Folkestone und John O' Groats. Wobei man mit dieser Behauptung Sir Alec Issigonis und seinem epochalen Mini herzlich Unrecht tut. Apropos Issigonis: Der Ingenieur konnte gar nicht oft genug darauf hinweisen, dass er mit einer ganz bestimmten Schöpfung rein gar nichts zu tun hatte: mit dem 1967 debütierten Austin 3 Litre Saloon.

Das sagt eigentlich alles über dieses Auto? Einerseits ja. So schien die um 50 Zentimeter verlängerte und mit Doppelscheinwerfern und Reihensechszylinder ausgestattete Karosse des Austin 1800 zwar von ihren Proportionen her klar auf den modernen Frontantrieb hin konstruiert zu sein – unter dem Blech befand sich jedoch eine angetriebene Hinterachse. So suggerierte der 3 Litre, der eine fast 60-jährige klassische Austin-Tradition fortführte (und beendete), den Hauch von "Executive-Class", empfing seine Insassen jedoch mitnichten mit Lederpolstern. Der Austin 3 Litre war eines der typischen britischen Autos aus dem Zeitalter fragwürdiger PVC-Sitzbezüge und schlecht schließender Türen. Zudem soff der SU-Doppelvergaser gallonenweise Sprit und Öl.

Solche Trinksitten legt der ins Netz gegangene 3 Litre nicht an den Tag, denn der Motor ist zur Zeit teilzerlegt. Warum, kann der Anbieter leider nicht beantworten – das Auto stamme aus einem Nachlass. Dennoch erscheint das Angebot attraktiv, auch aufgrund der Exklusivität des 3 Litre: Nur 9.992 Exemplare wurden zwischen 1968 und 1971 gebaut.

Daneben gibt es die ehfurchtsvollen Stimmen von 3 Litre-Eigentümern, die das im Volksmund "Old Monster" getaufte Gefährt niemals hergeben würden. Denn Fahrverhalten, Abroll- und Federungskomfort waren dank Hydrolastic in der Tat Oberklasse, dazu gesellt sich die mehr als denkwürdige Laufruhe des Sechszylinders. Das mag nicht verwundern, sollte die Maschine doch ursprünglich im Bentley Bengal und Rolls-Royce Rangoon debütieren – zwei geplante, jedoch 1962 verworfene Einstiegsmodelle der britischen Edelmarken, die zeitweise mit der BMC auf dem Entwicklungssektor kooperierten.

Stattlich, elegant und repräsentativ wirkt der 3 Litre aus heutiger Perspektive, kraftvoll ausgebildete Schweller und die Gestaltung der markanten Front- und Heckpartie mit italienischen Anklängen (Design von Farina) unterstreichen die immer noch souveräne Wirkung der 4,70-Meter-Sänfte. Butterweich schaltet die Automatik, das Holz im Innenraum ist echt und lässt sogar die verfemten Kunstledersitze in den Hintergrund treten.

Die zeitgenössische Kritik verurteilte den Austin 3 Litre sofort und nachhaltig, jedoch nicht seiner Sitzmöbel wegen. Ende der 1960er Jahre durften nur noch Rover, Rolls und Bentley ungebührliche Trinksitten aufweisen, der Austin galt als häßlich, die spannungsvoll zelebrierte Präsentation geriet zur Götterdämmerung für den Hersteller. Gerade einmal höflicher Applaus stellte sich in Longbridge ein, gefolgt von eisigem Schweigen der Journalisten. Diese bemängelten die Ähnlichkeit des 3 Litre mit seinem kleineren Bruder Austin 1800 (von dem er die komplette Fahrgastzelle inklusive Türen übernommen hatte, aufgrund seines Mitteltunnels jedoch weniger Platz bot) und den um 50 Prozent höheren Kosten gegenüber der populärer werdenden 2-Liter-Wagen, wie ihn Triumph mit dem Modell 2000 anbot.

Die konfuse Situation innerhalb der britischen Autoindustrie, die sich nach der Übernahmen der BMC durch Leyland im Jahre 1968 verschärft hatte, trug den zeitlebens ungeliebten Austin 3 Litre Saloon schon bald nach seiner Einführung  mit zu Grabe. Weder wurde in den schleppenden Verkauf durch Modellpflege eingegriffen, noch wurde ein Nachfolger entwickelt. Darüber hinaus hatte Austin selbst die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollen und hartnäckig auf einen eigenen Vertreter im Marktsegment der "Director's Cars" beharrt. Die Konzernpolitik von nunmehr British Leyland setzte in dieser Klasse jedoch zunehmend auf die prestigeträchtigeren Marken Jaguar, Rover und Triumph.

Wer insgeheim schon immer ein Herz für Dinosaurier hatte, sollte "Old Monster" für 2.300 Euro aus den Klauen des Gebrauchtwagenhandels befreien.

Autor: Knut Simon