Aurora: schauerlich aber sicher

Aurora: schauerlich aber sicher


Porträt

Kann man von seiner Garage aus die Welt verbessern? Das schaffen nur die wenigsten. Noch unwahrscheinlicher ist ein erfolgreiches Weltverbesserungsprogramm, wenn man katholischer Priester ist und seine Gemeinde in Branford, Connecticut hat. Und doch geschah es im Frühjahr 1958, dass ein Priester sein Auto zur Rettung der Welt vorstellte.

Pater Alfredo A. Juliano war ein guter Hirte. Er verfolgte die Entwicklung amerikanischer Automobile zu rollenden Monstern, denen im Verlauf der fünfziger Jahre gähnende Rachen, spitze Stoßzähne und scharfe Kanten wuchsen. Pater Alfredo litt schrecklich unter der Vorstellung, was einem seiner Schäfchen blühen mochte, wenn es von einem Plymouth, Lincoln oder Cadillac aufgespießt würde.

Der Pater war jung, hatte ein helles Köpfchen und jede Menge Entschlossenheit. So zog er sich eines Abends in sein Kämmerlein zurück und überlegte, wie man ein sicheres Automobil bauen könne.

Die Unfälle der Zeit müssen fürchterlich gewesen sein, denn Pater Juliano war nicht der einzige Privatmann, der sich Gedanken über Fahrzeugsicherheit machte, zehn Jahre bevor die US-Autoindustrie damit anfing: In Massachusetts zum Beispiel dachte sich zur selben Zeit ein Privatmann das Sicherheitsauto Sir Vival aus.

Fünf Jahre Entwicklungszeit 

Pater Juliano jedenfalls brütete zwei Jahre lang über Entwürfen, bevor er sich abends in seine Garage zurückzog und bastelte. Er besorgte sich das Chassis eines Buick, baute darauf eine stahlrohr- gestützte Sperrholz- karosserie, die er mit einer zweiten Hülle aus dem damals ultramodernen Werkstoff GFK überzog.

Von der Optik seines Autos auf den Geisteszustand seines Schöpfers zu schließen wäre unfair. Pater Alfredo machte sich ernste Gedanken über ein Sicherheitsauto und kam auf Lösungen, die nicht irre waren, sondern ihrer Zeit voraus: Teleskop-Lenksäule, Seiten-Aufprallschutz, Überrollkäfig mit Sicherheitsgurten, dick gepolstertes Armaturenbrett. Für einen bequemen und zügigen Reifenwechsel besitzt das Auto an jedem Rad einen hydraulischen Stempel. Das wulstige Walfischmaul sollte unachtsame Passanten sanft auflöffeln und sicher umfangen bis das Fahrzeug zum Stillstand kommt. Aktive und passive Sicherheit! An sowas dachte anno 1958 in Detroit noch kein Mensch.

Mit der einen oder anderen Idee allerdings vergaloppierte sich der Priester: Die vier Sitze des Aurora sind drehbar montiert wie Bürostühle, damit die Insassen sich schnell nach hinten drehen können, wenn sie das Unglück auf sich zurasen sehen … dass es mögliche Unfallhelfer mit acht heillos verhedderten Beinen zu tun bekämen, daran dachte Pater Alfredo wahrscheinlich nicht. Auroras Windschutzscheibe bläht sich über die Haube wie eine Riesenseifenblase, damit im Falle eines Aufpralls (und wenn man sich nicht mehr rechtzeitig abwenden konnte) der Insassenkopf nicht gegen die Scheibe prallt. Nicht dumm gedacht – aber durch die Plexischeibe sieht die Welt aus wie durch ein Aquarium betrachtet. Immerhin, einen Scheibenwischer brauche es nicht, behauptete Don Alfredo, Regen ströme an dem Wulst vorbei …

Ein ungnädiges Schicksal für das Auto und seinen Erbauer 

Um die Sache zu finanzieren, gründete er die Aurora Motors Company und bat seine Gemeinde um Spenden für sein Projekt. Eigentlich wollte er 30.000 Stück im Jahr absetzen. Dazu kam es nicht, warum auch immer. Vielleicht lag es am Preis, der Aurora wäre mit 12.000 Dollar eins der teuersten US-Autos gewesen. Vielleicht lag es auch daran, dass das silberglänzende Monstrum technisch nicht ausgereift war – woher sollte ein katholischer Priester auch mechanisches Know How haben. Die Aurora Motor Company jedenfalls war kurz nach Fertigstellung des Prototyps pleite, Pater Alfredo stand wegen Mogeleien in der Buchführung vor Gericht, und sein Auto wanderte zehn Jahre lang von einer angewiderten Hand zur nächsten. 1967 fand es seliges Vergessen im Hinterhof einer Autowerkstatt in Branford, Connecticut.

Ungefähr dreißig Jahre lang währte die Grabesstille um den Aurora. Dann stieß Andy Saunders auf alte Fotos. Der Mann war Ende der Neunziger bereits Englands bekanntester Autoveredler, ein sehr eigenwilliger Kopf selbst für seinen Berufsstand. Saunders forschte und entdeckte den inzwischen arg ramponierten Aurora, verschiffte das Auto nach England und begann eine Restaurierung. Die zog sich länger hin als erwartet, da der Pater keinerlei Dokumentation hinterlassen hat und Saunders sämtliche Ersatzteile für Karosserie und Ausstattung selbst anfertigen musste. Besonders schwierig war die Rettung der großen Plexiglasflächen.

Zurück im alten Glanz 

2005 stand Aurora wieder auf eigenen Rädern, mehr oder weniger fahrbereit (insofern also original), und fand Aufnahme in die Sammlung des wunderbaren Beaulieu Motor Museum in Südengland. Dort kann man nun die erstaunliche Vision eines katholischen Priesters aus Connecticut schätzen lernen – der den Spott der Ignoranten nur deswegen auf sich zog, weil ihn die Inspiration zehn Jahre zu früh ereilt hatte. Dabei sieht Auroras Armaturenbrett aus als säße es in einem modernsten Familienvan, hydraulische Stempel zum Reifenwechsel ohne Wagenheber sind pure moderne Renntechnik, und Batterien kleiner Leuchten statt eines großen Scheinwerfers hat heute jedes Auto.

Pater Juliano war ein tragischer Held. Das Aurora Safety Car blamierte seinen Schöpfer auf garstigste Weise, indem es auf dem Weg zur öffentlichen Präsentation mehr als ein Dutzendmal liegenblieb. Doch selbst wenn es nicht gestreikt hätte, der erwünschte Erfolg wäre dem Pater versagt geblieben. Sein Entwurf war allzu weit entfernt vom Geschmack und den Werten der Zeit.