Audi 100 Coupé S

Audi 100 Coupé S


Marktbeobachtung

Hätte Mercedes-Benz seinerzeit nicht die Auto-Union gekauft, wäre Volkswagen längst pleite und es gäbe kein einziges Audi Coupé. Denn Mercedes war nicht nur kurzsichtig genug, die bald in "Audi" umgetaufte Neuakquisition DKW an VW zu verscherbeln – man war auch leichtsinnig genug, einen der besten zu Audi entsandten Mercedes-Entwickler mit zu versilbern. Ludwig Kraus hieß der Mann, von dem die Welt noch einiges hören sollte.

Kraus versetzte zuerst dem DKW-Zweitakter den Todesstoß und anschließend Audi-Chef Rudolf Leiding in schiere Panik. Dass der "Stinker" DKW F 102 starb, hatte fast niemand bedauert, alle bejubelten den gelifteten und in Audi 60 umbenannten F 102, der mit seinem Mitteldruckmotor das Unternehmen wieder in die schwarzen Zahlen fuhr. Doch dann kam die Sache mit dem grünen Vorhang.

Hinter diesen Fetzen Stoff schaute eines Tages Rudolf Leiding. Dort stand in Lebensgröße ein Auto, das es nicht hätte geben dürfen: Audi 100. Leiding war außer sich. Wie sollte er dem gefürchteten VW-General Heinrich Nordhoff erklären, dass Audi ohne Wissen der Konzernmutter und des Übervaters ein neues Modell entwickelt hatte? Kraus wurde zusammengefaltet und Nordhoff zur Besprechung nach Ingolstadt gebeten.

Am Tag der Wahrheit lüftete sich der grüne Vorhang und Nordhoffs Nacken wurde rot – vor Wut. "Heute Abend sind wir in jedem Fall besoffen. Entweder, weil wir einen Triumph feiern, oder weil wir geflogen sind!", hatte Leiding Kraus gerade noch zuraunen können. Nach geschlagenen 20 Minuten Totenstille, in denen Nordhoff den 100 umrundete, ging der VW-Patriarch auf Leiding zu. Klopfte ihm auf die Schulter. "Grünes Licht für diesen schönen Wagen!" Am nächsten Tag saßen Kraus und Leiding merklich verkatert im Büro.

Und nur wenig später setzte der unkonventionelle Kraus noch einen drauf. Aus der Laune, dass er viel lieber ein Coupé als eine Limousine als Dienstwagen hätte, gab er erste Designstudien in Auftrag. Schnell war man fertig. Und Leiding musste ein weiteres Mal hinter den Vorhang schauen. Es war die Geburtsstunde des Audi 100 Coupé S. Der inzwischen verstorbene Nordhoff konnte nicht mehr um Zustimmung gebeten werden.

Obwohl es so aussah, besaßen 100 Coupé und Limousine nur bedingt kostensparende Gleichteile. Lediglich den Vorderwagen hatte man übernommen, die Holme und das Dach waren wesentlich niedriger als beim Viertürer, und ab der B-Säule begann sowieso ein völlig neues Auto. Die Motoren waren kraftvoll, 112 PS, 185 Sachen "Dauerspitze", das alles zum wohlkalkulierten Preis von knapp 14.400 D-Mark. Zum Vergleich: Einen Capri mit Sechszylinder und RS-Kriegsbemalung gab es für unter 10.000 Mark, den ebenfalls neue Mercedes 250 C /8 für 18.400 Mark. Das passte.

So hatte Audi geschickt nicht nur eine Lücke im Modellprogramm gefüllt, sondern auch eine Nische auf dem Gesamtmarkt besetzt. Oberhalb von Ford Capri und Opel Manta angesiedelt, zielte das 100 Coupé S dennoch nicht auf die Konkurrenz von BMW 2000 CS und Mercedes. Eher hatte man die Commodore-Klientel im Auge.

Das besonders in der Seitenansicht extrem schnittig gezeichnete Coupé S wurde dann auch von der Mehrheit der Kunden für ausgesprochen formschön, rassig und dennoch vernünftig befunden – der Ruf von Audi als Qualitätsmarke hatte sich bereits gefestigt. Trotzdem und gerade deshalb erzielte das Coupé S nicht die Verkaufszahlen, die sich Audi erhofft hatte. Denn der Segen, von einer zuverlässigen Großserienlimousine abzustammen, kann auch Fluch sein. So schwenkten einige Interessenten in letzter Sekunde zum gleich starken, jedoch 5.000 Mark preiswerteren 100 GL Viertürer um.

Als 1976 die letzten Coupé S vom Band liefen, etablierte sich schnell eine Liebhaberszene rund um den "Dino aus Ingolstadt". 30.676 Käufer hatte er gefunden.

Wer heute ein unverbasteltes oder wieder hergerichtetes Audi 100 Coupé S erwerben möchte, interessiert sich für ein Fahrzeug in einer Preisspanne zwischen 10.000 und 14.000 Euro. Es gibt auch Exemplare zwischen 2.000 und 5.000 Euro, diese sind jedoch entweder reine Teileträger, Restaurierungsobjekte oder leidlich gut erhaltene Fahrzeuge mit unschönen Zeitzeichen wie Boxenlöchern in den Türen oder unsäglichen Glasdächern aus den 1980ern. Der aktuell auf Ebay zu ersteigernde Wagen darf als Vorzeigeobjekt gelten – sowohl was seinen Zustand als auch die umfassenden Informationen angeht, die der Interessent erhält. Besonders beim Audi 100 Coupé mit seiner prekären Ersatzteillage gilt: Lieber mehr in ein wirklich gutes Exemplar investieren, als hinterher viel Zeit und Frust in eine Dauerbaustelle.

Danke, Ludwig Kraus!

Das Angebot finden Sie hier.