Aston Martin Virage Volante

Aston Martin Virage Volante


Marktbeobachtung

Das Vereinigte britische Königreich besitzt eine Vielzahl kleinster Edelschmieden im automobilen Bereich. Tüftler und Spinner, vom süßen Wahnsinn befallen, dengeln seit Jahrzehnten Denk- und Merkwürdiges, in den meisten Fällen sogar Kurioses zusammen. Und fahren tun die Dinger meist auch noch.

Nun wäre es natürlich vermessen, ein Unternehmen wie Aston Martin in die gedankliche Nähe von irgendwelchen Urwaldschmieden von Nottingham Forrest zu rücken. Allerdings begann die Marke mit dem wohlklingenden Namen als automobiler Experimentierbaukasten. Und man könnte behaupten, die Besitzer dieses Unternehmens mit seiner unsteten Geschichte hätten ebenso oft gewechselt wie die Zulieferer, aus deren Regalen sich Aston ungeniert bediente. Doch die Fahrzeuge aus Newport Pagnell sind alles andere als bloßes Badge-Engineering. Sie sind trotz aller Fremd-Zutaten Ikonen urbritischen Sportwagenbaus.

Ein Grollen auf Englands Landstraßen muss nicht immer heraufziehenden Gewittern geschuldet sein. Manchmal ist's auch ein Aston Martin Virage, dessen 5.3 Liter Hubraum und 330 PS einem eine ebensolche Gänsehaut bescheren kann wie ein Fußbad im herbstlichen Loch Ness. Ein solches Prachtexemplar ist heute im Carsablanca-Netz gelandet und ist damit der jüngste Klassiker auf dieser Seite: Baujahr 1995. Aber er darf hier sein, denn er ist zwar erst 13 Jahre alt, aber schon wieder längst vergessen. Zeit, sich der insgesamt 1.050 gebauten Coupés zu erinnern. Und eines der 233 Cabriolets namens Volante an die Oberfläche zu fischen.

Jedes Auto ist bei seinem Erscheinen bereits veraltet, jedes Design besitzt verräterische Hinweise auf die Zeit, aus der es stammt. Mischt man die Aussagen beider Sätze und zieht die daraus folgende Konsequenz, fährt einem der Virage Volante entgegen. Denn er erschien 1989 mit Komponenten anderer Fahrzeuge, die sich zum damaligen Zeitpunkt in den letzten Zügen ihrer Existenz befanden. So schaut man dem Virage in seine Audi 200-Scheinwerfer und in seine  Citroën-CX-Außenspiegel, registriert die vertraute Form der Scirocco-II-Heckleuchten und stellt etwas irritiert fest, dass einem hier mindestens drei Autos in einem begegnen. Von den Komponenten wie dem bulligen V8-Motor mit Weber/Marelli-Einspritzung ganz zu schweigen. Bedeutsamer Unterschied zu den Spenderfahrzeugen: Niemals entstanden diese in Handarbeit. Der Volante ausschließlich. Kein Scirocco rannte jemals 255 km/h, den Audi 200 gab's nie als Cabriolet und den Citroën CX nie mit großem Kofferraum. So besitzt der Virage Volante gleich drei Daseinsberechtigungen.

Für 82.000 Euro wechselt der aktuell angebotene Virage Volante die Garagen. Über seine von Hand geschaffene Erscheinung muss im Prinzip kein Wort verloren werden: Das Fahrzeug ist von Haus aus mit dem Feinsten ausgestattet, was es bei Connolly (R.I.P.) & Co. zu beziehen gab. Der Zustand darf getrost mit "bestens" bezeichnet werden, weder Holz, Leder, Karosse oder Mechanik weisen erkennbare Gebrauchsspuren auf. Preislich liegt der angebotene Volante zwar  unter den ursprünglich für ihn zu entrichtenden 390.000 D-Mark, ist damit jedoch gleichzeitig der Gegenbeweis, dass englische Autos einem verstärkten Preisverfall unterlägen: Welcher Wagen kann schon von sich behaupten, nach 13 Jahren noch immer fast die Hälfte seines Neupreises zu kosten? Das ist doch Wahnsinn. Süßer Wahnsinn.

Und dem verfällt man gern, denn wenn der Virage Volante mit brüllendem V8-Getöse über die Landstraßen von Sussex stürmt oder die Einfädelungsspur der Bundesautobahn in 1,5 Sekunden hinter sich bringt, dann kann man eigentlich nur mit schreiendem Herzen und zittrigen Händen das Lenkrad umklammern, während einem die Endorphine ins Blut schießen wie ein gutes Pint Lager & Stout und die lächerlichen 26 Liter Super, die auf 100 Kilometer in den Brennkammern verglühen, einem ein warmes Gefühl im Bauch bescheren. Und kaum haben Sie diesen Satz gelesen, ist der Virage Volante auch schon am Horizont verschwunden. So war das damals.

Autor: Knut Simon

Das Angebot finden Sie hier