Arriviert – Opel Commodore A GS

Arriviert – Opel Commodore A GS


Marktbeobachtung

Was die Hersteller heute vermehrt praktizieren, beherrschte Opel schon vor 40 Jahren: Nischen füllen. Denn merke: Zwischen Rekord und Admiral passt immer noch ein Commodore. Nur bedauerlich, wenn man sich selbst die so erfolgreich besetzte Nische wieder zumauert. Um nicht zu sagen: schön blöd.

Dem Leistungshunger in der Bundesrepublik der Mittsechziger Jahre begegnete man in Rüsselsheim mit Kalorienzufuhr aus gut gefüllten GM-Warenregalen. Wie gut, dass in Detroit gerade der neue Motor für den Buick Riviera gekippt worden war – nicht nur in Schräglage, sondern in eine gänzlich ausweglose Position: Production denied. Gut deshalb, weil der Opel-Direktion quasi über Nacht ein moderner, starker und prestigeträchtiger Reihensechser in den Vorderwagen fiel. Denn der wollte adäquat gefüllt  werden, hatte man doch mit dem Rekord C gerade einen hübschen Kassenschlager auf dem Markt platziert, der Ford das Fürchten lehrte. Und diesen Vorteil gedachte man noch auszubauen.

Durch zwei Zenith-Vergaser blies man von Rüsselsheim aus zum Halali auf Köln. Dies in Gestalt eines einfachen Rezeptes: Rekord-Karosse, den dicken Sechser unter die Haube gepackt und neben dem unvermeidlichen Ami-Lametta noch eine authentische Prise Tourenwagen-Aroma und einen wohlklingenden Namen an die Flanke. Geboren war der Opel Commodore. Die Deutschen nahmen das Kind sofort an.

120 PS aus 2.5 Liter Hubraum werkeln im Commodore GS, der uns heute ins Netz ging. Der Zustand des Fahrzeugs ist beinahe unheimlich. Zum Verhandlungpreis von knapp 7.000 Euro erwartet einen ein Beinahe-Neuwagen. Ließe man den schlechten Zustand des Lacks, der heute quasi bei Opel obligatorisch ist, einmal unberücksichtigt – man könnte meinen, im Schauraum des Jahres 1968 eine erste Begegnung mit dem Commo zu absolvieren.

Sauber, unverbastelt, funktionstüchtig bis hin zu den originalen GS-Zusatzinstrumenten: Das klingt gut. Das klingt nach Kurvenhatz zwischen Antibes und Port Grimaud, nach schnellen Spurts zwischen Köln und Wuppertal, das dünne Dreispeichen-Sportlenkrad stets lässig zwischen zwei Fingern durchgleitend, dabei den sonoren Sound des Sechsers unter der Haube im Ohr und die Tankuhr im Augenwinkel. Also nach einem richtig entspannten Tag.

Mit einem Commodore war man qua Modellbezeichnung bereits in den automobilen Mittelstand erhoben. Ein Plan, der funktionierte, denn in Zeiten, in denen Mercedes-Benz-Automobile tatsächlich noch über allem schwebten, kroch man im Rekord eher in Bodennähe, während man sich im Commodore bereits in besagte höhere Spähren aufschwang. Ein Zahnarzt hätte niemals zum Rekord gegriffen, der Commo hingegen machte eine gute Figur vor seiner Praxis in bürgerlichem Umfeld. Als hinreißend-martialisch gezeichnetes GS/E Coupé gar verblies man mit 150 PS und mattschwarzen Motorhauben leistungsmäßig so manchen Konkurrenten aus Köln – und vom Image her vielen stocksteif mit Stern durch die Gegend rollenden Zeitgenossen, die plötzlich so spröde wirkten wie der Schleiflack auf ihrer Wohnzimmerschrankwand. Ein Commodorefahrer trug Koteletten, großkarierte Sakkos mit Lederaufnähern am Ellenbogen und eine dynamisch gezeichnete Hornbrillen. Okay. Manchmal auch einen Hut.

Irgendwann, ziemlich genau 1977, war die Hutkrempe plötzlich zu groß für die Nische geworden. Der Rekord war auf bis zu zwei Liter Hubraum angewachsen, der "große Opel" Admiral/Diplomat gesundgeschrumpft zum neuen Senator – nur anders als bisher mussten sich nun drei automobile Klassen die gleiche Einheitskarosse teilen – was nicht lange gut ging. 1982 trat der Commodore in den Ruhestand. Sein Motor überlebte im Senator und sogar im Omega A.