Alufelgen

Alufelgen


Schlachtbank

Was gibt einem schönen alten Auto den letzten Schliff? Die Alufelge! Ein Satz cooler Räder erst macht das Auto individuell. Alus verleihen einem Auto Glanz und Ausstrahlung, geben ihm etwas Verwegenes und Sportliches. Sie zeigen, dass man sich Gedanken um sein Auto macht, sich drum kümmert – außerdem verbessern sie das Fahrverhalten.

Richtig? In einer Hinsicht ja: Leichtmetallfelgen folgten ursprünglich und für lange Zeit dem Bestreben, die ungefederten Massen eines Autos gering zu halten. Je größer die ungefederten Massen, desto größer ist der Einfluss der Straßenoberfläche auf das Fahrverhalten. Als sich Leichtmetallräder für Rennwagen durchsetzten, fuhren Straßenautos noch auf Diagonalreifen, getragen von Blattfedern. Wenn ein solches Auto mit konstant 80 km/h durch die Kasseler Berge kam, hatte der Besitzer echten Anlass zu Stolz. Die fahrdynamischen Einflüsse von Stahlrädern – oft noch mit blechernen Radkappen behängt – spielten keine Rolle, ganz einfach weil diese Autos keine Fahrdynamik hatten. Zumindest nicht in einem Maße, das der Alltagsfahrer spürte.

Das zumindest hat sich bis heute nicht verändert. Wenn heute einer so weit in die Höhen der Fahrdynamik vordringt, dass Alufelgen an den Achsen einen Unterschied machen, ist er entweder a) ein Rennfahrer oder b) er wird in den nächsten Sekunden dermaßen übel abfliegen, dass er eine Zeitlang nicht über die Beschaffenheit seiner Räder nachdenken muss. Zu letzter Kategorie zählt, Hand aufs Herz, die überwiegende Mehrzahl aller Fahrer.

Warum also der Quatsch mit dem Leichtmetall? Klar – wegen der Optik. Und damit wird es jammervoll.

Ein Jammertal 

Wie schön sind doch Stahlräder! Sie sind flach oder gewölbt, haben einen Lochkranz, das wars. Aluräder dagegen sind designt. Seit den Siebzigern fühlen sich die Hersteller von Alufelgen bemüßigt, sich am Rad zu verwirklichen. Warum nur, lieber Himmel, muss man Räder haben, die aussehen wie Fernkampfwaffen von Ninjas oder wie Restbestände aus den Kulissen von "Kampfstern Galactica"?

Es gibt schon grad gar keinen Grund, einem Alurad die Optik von Speichenrädern zu geben. Das führt zu einem kleinflächigen Chaos rund um die Nabe, dass man nur noch möglichst schnell weggucken kann bevor es einem schlecht wird. Weniger magenumdrehend, dafür nur noch traurig sind Felgen, bei denen der Lochkreis mit der Zahl der Speichen kollidiert: vier Radmuttern, aber fünf Speichen? Das sieht aus, als hätte sich ein Zweitklässler ans Zeichenbrett des Felgenherstellers gemogelt. Völlig sinnentleert und generell schauderhaft anzusehen sind Dreispeichenfelgen. Mit sowas wird jedes Auto zur Lachnummer.

Da freut sich der Hanswurst 

All das wäre unsäglich genug. Leider reicht es nicht mehr, dass man Alufelgen aufzieht, es müssen GROSSE Alufelgen sein. Muss denn jedes Auto aussehen wie aus dem Hot Wheels-Katalog? Manchen steht es einfach nicht, den meisten Sportwagen zum Beispiel. Wenn man einen Granada oder einen Heckflossen- Mercedes auf Siebzehnzöller stellt, dann treten die Räder dermaßen in Spannung mit der Karosserie, dass es zumindest unterhaltsam ist. Aber Siebzehnzöller auf einem Porsche 914? Das ist ungefähr so, als würde einer die Narrenkappe und eine rote Nase aufsetzen, Schuhe Größe 64 anziehen und sicherheitshalber, damits auch jeder kapiert, noch ein großes Schild mit der Aufschrift ICH BIN EIN HANSWURST hochhalten. Respektive, beim 914: MEIN AUTO IST EIN SPORTWAGEN

Große Felgen hatten anfangs die alleinige Funktion, mehr Platz für leistungsfähigere, also größere Bremsscheiben zu schaffen. Inzwischen sind die Felgen weit übers Maß der Bremsen hinausgewuchert – was besonders bei Autos von mäßiger Leistung extrem peinlich ist: Unter der gigantischen Felge geniert sich ein schüchternes Bremsscheibchen im kalten Licht der Wirklichkeit. Da möchte man am liebsten was übers Rad hängen, nur um diese schreckliche Peinlichkeit zu beenden.

Nicht mal mehr zum Verspotten geeignet sind Räder mit Trommelbremsen hinter der Alufelge. Das sieht aus, als hätte einer einen Kochtopf ins Radhaus gehängt, mit viel zu großen Griffen am Deckel. Sehr sehr traurig.

Dünner ist nicht besser

Auch was die Fahrdynamik angeht, sollte man mit Riesengrößen vorsichtig umgehen. Niedrige Reifenquerschnitte verändern das Fahrverhalten. Das zeigt sich zuerst an zunehmender Härte: Wenn man auf Niederquerschnittsreifen plötzlich jede Zigarettenkippe auf der Straße im Kreuz spürt, ist das zumindest nicht gefährlich, außer für die Bandscheiben. Die dünnen Reifen reagieren aber auch anders. Im Grenzbereich sind sie härter, was bedeutet, dass man weniger Fehler machen darf. Dicke Reifen liegen weniger knackig auf der Straße, dafür gleichen sie manche Schlamperei des Fahrers aus und kündigen den Grenzbereich langsam und weich an. Niederquerschnittsreifen wahren noch Traktion wenn andere schon ins Driften kommen, sie haben besseren Grip – aber wenn der abreißt, passiert es schlagartig, und dann kann nur noch ein Profi den Abflug verhindern.

Das aber passiert zum Glück nicht so oft. Den größten Schaden richten Riesenalus auf Parkplätzen an, wenn sie nämlich unbeteiligten Dritten das Frühstück hochtreiben.

Autor: Till Schauen