Alfetta für Arme – Fiat 131

Alfetta für Arme – Fiat 131


Marktbeobachtung

Zylinderfletschend erwacht der Vierzylinder und dreht bellend hoch. Mit 3.000 Touren schnellt der rote 131 nach vorn an diesem sehr frühen Pariser Sommermorgen. Die Häscher im Peugeot 504 hängen sich an die kompakte, hochbeinige Limousine, die mit knurrendem Zwischengas und halsbrecherischen Manövern durch den beginnenden Berufsverkehr prescht. Am Ende wird Jean-Paul Belmondo den 504 mit seinem Fiat in eine rollende Schrotthalde verwandeln, die er selbst noch mit kugeldurchsiebter Schulter von der Straße und ins Nichts katapultiert. In Sachen Auto fahren in überfüllten Innenstädten machen die Italiener selbst den Franzosen etwas vor. Und das soll was heißen.

Mit gewohnter Leichtigkeit und einer seit dem 124 tradierten Sachlichkeit präsentiert Fiat 1974 sein neues, spritziges Mittelklassemodell 131. Klassische Rundscheinwerfer schauen treuherzig in die Landschaft, die vier Türen und das konventionelle Stufenheck lassen den Wagen zunächst nicht übermäßig emotional wirken. Dennoch gewinnt der 131 schlagartig ein völlig neues Image, parkt er neben einem zeitgenössischen Ford Taunus oder einem Mercedes /8.  Schlank, leicht, mit dünnen Dachpfosten und hoher Gürtellinie und staksig wirkender Spurbreite wird er zur festen Größe unter den Importautos der 70er Jahre.

Der Rost nagt an ihm bereits auf dem Transporter zum deutschen Händler, weshalb dieser vor der Verbringung der 131 in den Schauraum noch schnell den Kantenrost wegpolieren lässt, aber das kennt man seinerzeit auch schon vom Alfsud. Dafür beeindruckt der 131 mit seinem Platzangebot, der fahraktiven direkten Lenkung, seinen agilen Vierzylinder-Maschinen, der extrem kurzwegigen direkten Schaltung. Mit dieser Freude am Fahren hängt er mühelos einen BMW 520i ab. Auch das Interieur lässt nicht zu wünschen übrig: Liegesitze, zum Teil elektrische Fensterheber, Drehzahlmesser, höhenverstellbares Lenkrad, optional Servolenkung, Colorverglasung oder Kopfstützen, diese sogar im Fond – kein Wunder, dass der 131 als die Alfetta des armen Mannes galt.

Bis in die späten 80er halten sich Belmondo und die Grundkarosse des 131, letztere zuletzt als im Vergleich antiquiertes, aber immer noch agiles Spitzenmodell Argenta verkauft. Heute freuen wir uns über jeden charakteristisch bellenden 131, der uns begegnet. Und blecken die Zähne wie Belmondo seine inzwischen Dritten. Wrrrom! Wrrrom!