Alfa-Tier – Fiat 124 Sport Coupé

Alfa-Tier – Fiat 124 Sport Coupé


Marktbeobachtung

Bevor Fiat ab den späten 60er Jahren innovativ wird, baut der Hersteller kreuzbrave Autos. Das änderte sich, als der seinerzeit jüngste Agnelli-Spross die Unternehmensleitung übernimmt. Agnelli schärft die Lanzen, weckt die talentierten Entwickler aus dem eigenen Hause aus ihrem Laudanum-Dasein und richtet als erste Waffe das neue 124 Sport Coupé direkt auf den Alfa GT. Forza Torino!

Neunzig satte PS! Zwei obenliegende Nockenwellen! Doppelvergaser! Scheibenbremsen an allen vier Rädern! Hossa. Nicht schlecht. Wir sprechen, bitte sehr, vom Jahre 1968. Opels innovation besteht aus dem Kadett mit vier Türen, Ford in Köln versucht gerade, den barocken und beim Publikum komplett durchgefallenen Steinzeit-P7b zu vertuschen, VW baut mit dem Typ 3 den Käfer für automobile Verblendete im fortgeschrittenen Stadium. Fiat hingegen lässt den 124 von der Leine, schnörkellos, modern, technisch ziemlich weit vorn im internationalen Vergleich. Der neue Avoccato Agnelli macht's möglich, denn er will den Dampf, den er hausintern verbreitet, auch unter den Hauben seiner Fiat-Produkte sehen – und spüren.

Bis zu seinem Einstieg als Fiat-Boss ist Agnelli das, was man seit Gunter Sachs einen Playboy nennt. Er steht selten vor zehn auf, duldet nicht weniger als zwölf Zylinder in seinen Privatwagen und hat mehr Frauen durch, als ein  Sechzehnzylinder mit Vierventiltechnik an Ein- und Auslasskanälen pro Brennraum besitzt. An seinem Lebenswandel ändert sich nicht viel, außer, dass er zwischendurch den Fiat-Laden in Turin ordentlich aufmischt.

Die Motor- und Fahrwerksingenieure danken es ihm, indem sie sich den Schlaf aus den Augen reiben, sämtliche Karosseriebauer von Rang und Namen balgen sich darum, das projektierte 124-Coupé einzukleiden. Das Design jedoch erfolgt final im eigenen Hause – was dem Wagen nicht zum Nachteil gereichte. Vier quasi vollwertige Sitze kennzeichnen das schöne Coupé mit seinem filigranen Dachaufbau und dem bauchig-muskulösen Blechkleid, das in der ersten Serie noch brav aus treuen Einzelrundscheinwerfern guckt. Das Heck ist von einer markanten Chromleiste gerahmt, die spitz zulaufenden Heckleuchten verkauft man gleich doppelt: Der Lamborghini Espada wird sie erhalten.

Innen informieren den ambitionierten Tourenfahrer klassische Runduhren über Geschwindigkeit, Drehzahl (die mag der 1400er gern!), Öldruck (danach wählen versierte 124 Coupé-Piloten die Gänge), Wassertemperatur, Zeit. Außen- und Innebeleuchtung lassen sich separat schalten, der Intervall der Scheibenwischer ist stufenlos regelbar, rechts unten neben dem Lenkrad sitzt der Zughebel für das Handgas – der Tempomat! Das alles kostet nicht gerade wenig, zumal für einen Fiat, unterbietet aber den Feind mit der Schlange im Emblem – den kleinen Alfa GT.

Insgesamt rund 280.000 Mal bauen die Turiner den "Fiat Dino des kleinen Mannes", ohne jemals den Nimbus des Alfa GT zu erreichen – das 124 Coupé ist halt "nur" ein Fiat. Agnelli erledigt die Geschichte auf andere Weise, in dem er 1986 Alfa mal eben kauft, so wie andere Traditionshersteller zuvor. Basta dank Zaster. 

Das 124 Coupé, im Laufe seiner Karriere auf 108, 118 und 128 PS (letzteres als Abarth) erstarkt, wird insgesamt zwei Mal optisch operiert, anhand der Serie BC mit Doppelscheinwerfern und Sicherheitsheckleuchten (die dieses Mal der Lamborghini Urraco erhält) wohl am gelungensten. Die letzte Serie mutet mit ihrer mittig ins Gesicht gepoppnieteten Ofen-Fettpfanne als Kühlergrill eher zweifelhaft an. Immerhin gelingen die verchromten, voluminösen Stoßstangen besser als beim Peugeot 504 Coupé. Das Heck verliert die Chromkante, gerät mit einer großen Kofferraumklappe noch familienfreundlicher und zeigt sich mit seinen vertikalen Heckleuchten (die KEIN Lamborghini führte ...) durchaus harmonisch.

Einen Nachfolger baut Fiat leider nie. Vielleicht fehlten Agnelli am Ende doch wieder acht Zylinder. Oder Gunter Sachs fand ihn zu unbequem. 

Autor: Knut Simon