Acht Zylinder westwärts – Chevrolet Caprice Station Wagon

Acht Zylinder westwärts – Chevrolet Caprice Station Wagon


Marktbeobachtung

In den Weiten seines Heckabteils hätte Richard Nixon sämtliche ihn belastende Watergate-Unterlagen nebst den beiden lästigen Reportern der Washington Post verschwinden lassen, sich selbst ein kariertes Hemd und eine Latzhose überziehen und als texanischer Farmer unbehelligt flüchten können. Nur blöd, dass Präsidenten immer Limousinen fahren müssen und nie unbeobachtet sind.

Nixon musste ohne ein Raumschiff wie den Chevrolet Caprice Station Wagon 1974 Weißes Haus und Präsidentenlimousine räumen. Die heimischen Autobauer focht dies nicht an. Bis 1996 rollte der Caprice als "der" amerikanische Kombi von den Fließbändern – damit war er so etwas wie die transatlantische Variante des VW Passat oder des Mercedes T-Modells. Je nach Betrachtungsweise.

Seit die ersten Siedler die Vereinigten Staaten von Amerika erschlossen, gehört er zum unabdinglichen Begleiter fast aller amerikanischen Großfamilien: der Planwagen. Seit Einführung des Verbrennungsmotors und der Stahlwalzen in den USA besser bekannt als Station Wagon. Das Prinzip ist einfach: Vorne lässt man 250 Rösser anspannen, im Innern finden Familie, Hausstand und notfalls auch der heimische Herd Platz, und los geht's. Selbst die Waltons wären seit den 50er Jahren Station Wagon gefahren, der bei Chevrolet's Oberklassemodell Caprice anfangs und treffend auf den Namen "Kingswood Estate" hörte.

Bis zu acht Personen fanden im Caprice Station Wagon Platz, dank durchgehender Sitzbänke sowie einer aus dem Kofferraumboden herausklappbaren Zusatzsitzbank. Gern klebte man (in Gedenken an die hölzernen Planwagen?) den rustikalen Großraumtransportern Holzfolie auf die Flanken. Damit waren die Amis wenigstens ein Mal Trendsetter: Spürbar früher als auf dem europäischen Festland warfen die Kombis zwischen San Francisco und New York ihr Handwerker-Image ab. Sie waren eben schon immer ungenierte Pragmatiker, die amerikanischen Freunde.

Ungeniert waren jedoch auch Qualität, Fahreigenschaften und Verbrauch der Schlachtrösser mit integriertem Gepäckwagen. Aber das tat ihrer Beliebtheit keinen Abbruch. Die Einheimischen waren den vorgesetzten Standard gewöhnt, in Europa schweißten das abgründige Kurvenverhalten sowie das Ausmaß von beanspruchter Verkehrsfläche und gierig eingesogener Spritgallonen die Fangemeinde der Brontosaurus Chervrolensis nur noch mehr zusammen. Und dann dieser Sound von bis zu 5,7 Litern Hubraum: Wenn ein Caprice um die Eck-Kneipe biegt, klingeln sämtliche Biergläser auf deutschen Stammtischen.

Leider zeigten selbst die großartigen amerikanischen Straßenkreuzer Mitte der Siebziger Jahre Spuren der Verweichlichung. Eine neue Plattform bescherte für amerikanische Verhältnisse fast nicht aushaltbares Downsizing, ebenso verkümmerten die einst mächtigen V8 zu – vergleichsweise – Motörchen.

Allen Mitgliedern der amerikanischen Saurier-Gemeinde zum Trost: Ihre ganz eigene Version des amerikanischen Traums übernahmen nach ihrem Ende die SUV von den klassischen Kingswood Estates. Und eines kann man ihren Vertretern wie Cadillac Escalade und Chevrolet Tahoe nun wirklich nicht vorwerfen: Unpassendes Understatement.

Gib Gas, John-Boy.