Abgehoben: Fliegende Autos

Abgehoben: Fliegende Autos

Kaum war das Auto erfunden, schon wollten einige „Visionäre“ mit ihnen in die Luft gehen. Die meisten kamen hoch, alle kamen runter…

Die Titanic wurde von Profis gebaut, die wesentlich wasserdichtere Arche Noah aber von einem Amateur. Es mag die Kraft der Träume sein, die glücklich-naive Bastler und Dilettanten dazu bringt, die Vernunft als nicht akzeptablen Lebensbestandteil zu betrachten. Sie widmen sich mit Begeisterung Projekten, bei denen selbst etablierte Konzerne kalte Füße kriegen.
Nicht wenige von diesen großartigen Spinnern, Idealisten und Futuristen wollten Autos fliegen lassen und, reihenweise produziert, verkaufen. Die Geschichte des Automobils kennt gut ein Dutzend solcher suizidgefährdeter Kandidaten. Der Traum, mit dem Auto durch die Wolken zu fahren, ist erstaunlich alt. Der Amerikaner Glenn Curtiss stellte bereits im Februar 1917 auf der Pan-American Aeronautic Exposition in New York ein dreisitziges fliegendes Auto vor, das sogar kurzzeitig abhob – unglücklicherweise wurde es bei seinen Hopsern aber so in Mitleidenschaft gezogen, dass Curtiss am nächsten Tag nur noch die Entwurfszeichnungen ausstellte. Wer allerdings Curtiss kannte, der war von dem Fehlschlag nicht überrascht, schließlich hatte eine andere seiner Flugmaschinen von der Presse den Beinamen „The flying Bomb“ erhalten.

Waldo Waterman bastelte sich 1932 den Prototypen eines Flugautos und taufte es auf den nahe liegenden Namen „Whatsit“ Mit Propellerantrieb war er zumindest auf der Straße schneller als die Polizei erlaubte. Kein Herz für Erfinder: Waldo Watermans „Whatsit“ kassiert seinen ersten Strafzettel

1935 taufte Waterman eine weiterentwickelte Version auf den Namen Arrowplane. Er fand sogar einen Geschäftsmann, der bereit war, den Arrowplane als werbeträchtigen Business-Flug von Santa Monica nach Washington zu fliegen. Der hatte gerade mal 25 Flugstunden Erfahrung, was ihn allerdings nicht davon abhielt, mit dem Flugauto in die Luft zu gehen. Die Götter hatten ein Einsehen und ließen den Piloten heil in Washington D.C. landen. Der Flug brachte Waterman einen Pokal und Auftrieb für weitere Veränderungen. Zwei Jahre später war aus dem „Arrowplane“ ein  95 PS starkes „Arrowbile“ geworden, das sogar konform der Straßenverkehrsvorschriften war. Der wirtschaftliche Erfolg hielt sich jedoch in engen Grenzen: Nur sechs Exemplare wurden gebaut. Eines hat überlebt und steht, perfekt restauriert, in einem Luftfahrt-Museum in San Diego. …und es fliegt doch, sogar von Santa Monica nach Washington D.C:  Watermans Arrowplane

Während des Krieges und  danach hielten Fachzeitschriften die Hobby-Tüftler bei Laune und den automobilen Höhenwahn am Leben.

In den Nachkriegsjahren setzte in den USA ein Flugzeug-Boom ein. Bei den Fluggesellschaften herrschte Goldgräberstimmung. Alle wollten fliegen. Ted Hall auch. Er baute einen Kleinwagen, an den Flügel und Doppelrumpf-Leitwerk huckepack angeflanscht werden konnten. Über den Hall Flying Car schrieb das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in einer früheren Ausgabe: „Dabei flogen die Mühlen ganz ordentlich – oft allerdings auch runter: Einer der ‚Autopiloten’ hatte das Tanken vergessen, ein anderer bohrte sich in ein Hochhaus, das sich ihm in den Flugweg stellte. Einen dritten fand man, in den Boden gerammt wie einen Zelthering, am Strand von Florida“.
Nicht schön, aber flugfähig: Dreirädriger Hall Flying Car mit Doppelrumpf nach Vorbild eines Jagdflugzeugs

Ein ganz ähnliches Konzept verfolgte der Flugzeugbauer Convair 1947 mit seinem immerhin schon vierrädrigen ConvAircar. Alles war durchgeplant und kalkuliert. Einen speziellen, viersitzigen Kleinwagen mit 25 PS Heckmotor und leichter Kunststoffkarosserie sollten die Kunden kaufen. Die zum Fliegen notwendige Flügel- Leitwerk und Motoreinheit hätte der Kunde dann an allen Flugplätzen mieten und anschrauben können. Hätte können – denn beim dritten Testflug stürzte der ConvAircar aus niedriger Höhe ab. Convair stampfte das Projekt ein, da das Aviatikunternehmen um seine Reputation im Bau normaler Flugzeuge fürchtete. Später stellte sich als Absturzursache heraus, dass der (überlebende) Testpilot Höhenmesser und Tankuhr verwechselt hatte.

Hätte klappen können, wenn der Pilot nicht Tankuhr und Höhenmesser verwechselt hätte: Convair´s ConvAircar

Henry Smolinski schraubte 1973 einem Ford Pinto eine umgebaute Cessna Skymaster aufs Dach und nannte das ganze „AVE Mizar“. Er hätte besser ein anderes Automodell gewählt, denn der Ford Pinto war schon ohne Flügel ein unglückliches Konstrukt: Wenn man mit Schmackes hinten rein fuhr explodierte der Tank. Außerdem wurde der Name zum Ballast, denn nur in den USA ist ein Pinto ein kleines, schnelles Pferd. In Südamerika dagegen trägt ein Mann seinen Pinto in der Hose. Smolinski fand einen mutigen Testpiloten und startete mit ihm zum Jungfernflug. Wenige Minuten später waren beide tot, denn die Cessna klinkte den  Pinto aus, die Flügel rissen ab. Danach war erst mal der Tüftlerdrang der Autoflieger gedämpft. Aber Smolinski hatte Kinogeschichte mitgeschrieben: Denn das bekannteste fliegende Auto, der AMC Matador aus dem James Bond Film „Der Mann mit dem goldenen Colt“ (1974) war von ihm inspiriert worden. Im Gegensatz zu Smolinski gingen die 007-Produzenten auf Nummer sicher: Sie schickten den ähnlich konstruierten AMC Matador nur tricktechnisch animiert in die Luft. Trotz harter Landung Vorbild für das Fluchtfahrzeug von James Bond Gegenspieler Scaramanga:  Smolinskis „AVE Mizar“

Wie es weiterging? Nun, aktuell gibt es mindestens sechs mehr oder minder engagierte Projekte fliegender Autos. Selbst der Jumbohersteller Boeing hat eine Prototypen-Studie fertig gestellt, doch eine Serienfertigung ist noch weit weg. Anders beim amerikanischen Kleinhersteller  Terrafugia Inc.: Wer 148.000,- US-Dollar übrig hat, der bekommt dafür ein fliegendes Auto namens „Transition“. Dessen Auslieferungsbeginn ist für 2009 angekündigt.