Vorstellung und Kaufberatung: Mercedes 450 SEL 6.9 (1975)

Vorstellung und Kaufberatung: Mercedes 450 SEL 6.9 (1975)


Porträt

Wenn man mit dem Strich-Achter Mercedes aufgewachsen ist wie Hartmut Rauter, entdeckt man den 6.9 wie eine Offenbarung. Einen 450SEL 6.9 zu fahren ist nach 200D, 250 und selbst 280E wie ein Nachschlüssel zur Chefetage. Der 6.9 hat alles was ein Strich-Acht hat, nur um eine Größenordnung mächtiger. Er ist größer, reichhaltiger, gewaltiger.

Oh ja, gewaltiger: "Der Motor hat ein phänomenales Drehmoment, der reißt einfach nach vorn, egal bei welchem Tempo, dem geht nie die Puste aus. 550 Newtonmeter, damals der Rekord bei Saugmotoren. Und er hängt am Gas, reagiert sofort, wie ein Sportwagen … der M100 ist einfach die Krönung."

Die Krönung. Welch trauriges Schicksal.

Bei all seiner Kraft und Herrlichkeit ist der 6.9 ein tragisches Auto. Nicht aus eigenem Verschulden oder weil er in der Konstruktion nicht durchdacht wäre. So etwas kann man einem Mercedes-Benz der Siebziger gewiss nicht nachsagen. Die Tragik liegt im Nutzerverhalten.

Im Verhalten der späten Nutzer wohlgemerkt. Am Anfang war jedes Exemplar in den richtigen Händen, dafür sorgte schon der Preis – statt eines 6.9 konnte man drei Vierzylinder-W123 bekommen und hatte noch Geld für einen VW Golf übrig. Dafür musste ein 6.9 laufen für drei: Die wenigsten Exemplare kamen ab Werk in private Hände, meistens wurden sie Vorstandswagen und sammelten auch mal sechsstellige Laufleistungen in einem Jahr.

Problem Drittbesitzer 

Wenn ein 6.9 nach vier oder fünf Jahren abgeschrieben war, hatte er noch immer sein geniales Fahrwerk, hydropneumatisch nach System Citroen: ein Gedicht, weil ruhig wie ein Floß, dabei dynamisch wie ein Roadster. Der Wagen war trotz enormer Kilometerstände zumeist nicht ausgelutscht, er war noch immer wunderbar verarbeitet, hatte reichhaltige Ausstattung und war beeindruckend groß – aber viel Geld konnte man nicht mehr dafür verlangen. So kamen viele 6.9 mit dem zweiten Besitzerwechsel in deutlich weniger erlauchte Hände. In solchen Kreisen ließ man sich vor allem von dem boah-ey-brutalen Antritt beeindrucken.

Der 6.9 wurde so oft missverstanden, dass heute nur noch wenige Exemplare im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Der machtvolle Antritt, die spielerisch satte Straßenlage – da vergisst man schnell mal, dass man zwei Tonnen Leergewicht in die Kurven wirft, und das kann sich rächen. Viele 6.9 sind auf der Richtbank des Karosserieklempners gelandet, falls sie überhaupt noch zu retten waren.
Man kann jeden Oldtimer missverstehen. Man kann einen 50 PS-Opel aus den Fünfzigern fahren wie einen Neuwagen, man kann das alte Fahrwerk und die schmalen Reifen problemlos überfordern. Der Opel wird das nicht lange mitmachen. Das Missverständnis liegt darin, dass man sich mit solchem Gebrauch nicht auf das Auto einlässt. Völlig unverständlich – wenn man ein Auto will, das einen verhätschelt und in dicke Windeln packt, nimmt man ein neuzeitliches. Der Witz eines Oldtimers ist doch, dass man sich drauf einstellen muss.

Um die Ecke denken - sonst drohen Schmerzen 

Das aber ist besonders schwierig bei einem Auto, das spezifisch dafür gebaut wurde, dass es so wenig Ansprüche wie möglich an seine Insassen stellt. Um den 6.9 zu verstehen, muss man um eine besonders tückische Ecke denken: "Er ist ein Auto, das Enormes leisten kann, ohne dabei die Passagiere zu belästigen. Der außergewöhnliche Fahrkomfort, die reiche Ausstattung, die enorme Motorleistung, das ist alles nur eine Funktion dieser Aufgabe. Ein 6.9 erreicht seinen Zielort schnellstmöglich und auf unauffälligste Weise", sagt Hartmut Rauter. Mit anderen Worten: Der 6.9 gibt seinem Besitzer nie das Gefühl, dass er sich auf ihn einlassen muss.

Hartmut Rauter hat diese Gedankenecke genommen – er hat sich auch lange genug mit dem 6.9 befasst. Er ist mit Strich-Achtern aufgewachsen und hat daher ein Grundverständnis für das Wesen von Mercedes-Benz-Wagen. Rauter ergründete das nochmals besondere Wesen des 6.9, sortierte Mythen von Fakten und tauchte tief ins Detail. Und davon gibt es viele. Der 6.9 ist wahrscheinlich der detailreichste Mercedes-Klassiker, den man finden kann (vom gewaltigen W100 abgesehen) – all die feinen Tricks, die er drauf hat, verdankt er einer Vielzahl von kompakten technischen Einheiten, die meisten davon zusammengepfercht in dem engen Raum zwischen Kühler und Armaturenbrett. Um so etwas bildet sich gern allerlei Hörensagen, so dass es neben den Ignoranten noch viele Halbinformierte gibt. Die warnen vor allerlei Gefahren, die in dem Auto lauern – geheimnisvolle Mengenteiler zum Beispiel oder unbeherrschbare Hydropneumatik-Federbeine.

Die Tücke wohnt nicht in den Federbeinen 

"Es gibt allerhand Gerüchte über die Tücken eines Sechs-Neun. Viele Leute haben zum Beispiel Angst vor der hydro- pneumatischen Federung. Dabei ist das sehr überschaubar, jedes schadhafte Element kann man wechseln, die Teile gibts bei Daimler-Benz, vorausgesetzt natürlich, man ist bereit Mondpreise zu bezahlen. Oder der Mengenteiler der Benzineinspritzung. Da gibt es wahre Sagen, was für ein superbesonderes Teil das wäre. Stimmt alles nicht, das ist derselbe Mengenteiler wie beim 350SE und 450SE. Die wirklichen Gemeinheiten liegen woanders."

Zum Beispiel in der Trockensumpfschmierung, die der Motor bekam, weil er sonst nicht unter die 116er-Haube gepasst hätte. Jetzt hat er ein Ölreservoir von 12 Litern, will daher mit Bedacht warmgefahren werden, sonst gibt’s Motorschäden. Eine andere Schwierigkeit liegt in den Kondensatoren des Tempomats, die irgendwann austrocknen. Oder im Steuergerät der Klimaautomatik – das arbeitet unterdruckgesteuert, kann verkalken oder undicht werden und gilt als unreparierbar.

Der 6.9 ist keine Jahrmarktsattraktion 

Das sind normale Alterungsprozesse, mit denen man sich auseinander setzen muss. Auf seiner Webseite www.m-100.de hat Hartmut Rauter Tricks und Tips versammelt, die ein 6.9-Besitzer sich wünschen kann, auch eine Reparaturanleitung für eine tote Tempomat-Platine. Sowas hinzubekommen kann knifflig sein – aber die wirklich schwierige Aufgabe muss der Fahrer in seinem Kopf lösen, nämlich zu begreifen, was das wirkliche Wesen des 6.9 ist: Er ist kein Muskelmonster, das sich auf die Brust schlägt und Eisenstangen verbiegt, während es Sportwagen frisst.

Der 6.9 ist keine Jahrmarktattraktion. Das sollte eigentlich auf den ersten Blick deutlich werden, äußerlich ist er nicht von einem anderen W116 zu unterscheiden (zumindest nicht dem ungeübten Auge). Er ist ein Schutzgeist, ein stiller Dschinn, der seine Gäste in maximaler Ruhe ans Ziel bringt, schnell wie ein Flugzeug. Hartmut Rauter weiß, wie ein 6.9 behandelt werden möchte: So sorgfältig und nüchtern wie der 6.9 selbst ist. Dann behält der Dschinn seine Zauberkraft beliebig lange.

Fotos von www.m-100.de, mit freundlicher Genehmigung.