Der Reis ist heiß | Honda S2000

Der Reis ist heiß | Honda S2000


Hochdrehzahl-Kunst aus Fernost

Wir klären in dieser Fahrzeugvorstellung, warum der S2000 ein "hidden Champion" ist

Der S2000 ist hierzulande kein großer Verkaufserfolg geworden. Nur knapp unter 5.000 Exemplare konnte Honda hier zwischen 1999 und 2010 absetzen. Der Grund dafür war einerseits der Verkaufspreis, welcher mit 35.800 EUR auf Augenhöhe mit dem des Porsche Boxsters lag und andererseits die Tatsache, dass man dafür eben nur einen 4-Zylinder anstatt eines 6-Zylinder Boxeraggregats erhielt. Darüber hinaus waren die ersten ausgelieferten Fahrzeuge mit einem sehr scharfen Fahrwerk ausgerüstet, was dazu führte, dass das Auto binnen weniger Verkaufsmonate auf die Kaskoeinstufung eines Porsche 911 Turbo Cabriolets angehoben wurde (ja, das war unverhältnismäßig teuer). 
Man könnte also meinen, dass knapp 36.000 EUR für einen Roadster mit hohen Unterhaltskosten und 2,0 Liter 4-Zylinder Motörchen rausgeschmissen Geld gewesen sind. Dem ist aber nicht so! Denn der S2000 ist ein Meilenstein der Honda-Entwicklungsingenieure und ein Meilenstein in der Geschichte der automobilen Baukunst. Dieses scheinbar nur für Technikliebhaber und Motorenkenner gebaute Auto ist immer noch erfreulich unterbewertet. Zu Preisen ab knapp unter 12.000 EUR ist dieser Fahrspaß-Roadster im Gebrauchtwagenmarkt zu haben.

Ergonomie und Interieur

Dieser Roadster ist nichts für Menschen mit Platzangst. Ab 1,85m Körpergröße stößt man entweder bei jedem Schaltwechsel mit den Knien ans Lenkrad, oder das Verdeck lässt sich nicht mehr schließen, weil der Kopf im Weg ist. Kofferraum und Ablagefächer sind ebenso minimalistisch bemessen wie es das Hartplastikinterieur vermuten lässt. Aber das ist nicht weiter schlimm, denn im S2000 geht es um klassische Fahrdynamik und zwar ausschließlich. 
2006_S2000_17

Motor und Technik

Wenn man an ein Auto mit Heckantrieb, Drehzahlbegrenzer bei 9000 U/min, Sperrdifferential und 120 PS / Liter Hubraum denkt, hat man wahrscheinlich kein Serienfahrzeug vor Augen und erst recht keinen japanischen Roadster. Man könnte also sagen, der S 2000 ist sowas wie ein „hidden Champion“ der Motoren- und Technikliebhaber, denn er verfügt über all diese Attribute.
Aus 2.0 Liter Hubraum werden ohne Turbo- oder Kompressoraufladung stolze 240 PS mobilisiert. Das entspricht einem Verhältnis von 120 PS / Liter. Motorsport-Werte in einem Serienmotor und das auch noch haltbar! Kein Wunder, dass der Motor bereits 5 mal (!) in Folge mit dem begehrten „Engine of the Year Award“ ausgezeichnet wurde. 
Das infernalische Kreischen des Motors zwischen 7.000 und 9.000 U/Min ist für Petrolheads (dt. Benzinköpfe) ein wahrer Hochgenuss. Kein anderes Auto in dieser Preisklasse transportiert über das Drehzahlband so viele Emotionen wie der S2000. Dabei ist das Rezept denkbar einfach: Der 2,0 Liter Saugmotor muss hoch gedreht werden, um das volle Potential abzurufen. Ab einer Drehzahl von ca. 5.000 U/Min wird man vom ersten Beschleunigungswind erfasst, um dann bei einer Drehzahl von ca. 7.000 Umdrehungen nochmals spürbar stärker zu werden. Kurz gesagt: „Gänsehaut“ oder mit anderen Worten „Der Formelwagen für Normalverdiener“. Die Technik für die Nockenwellenverstellung, die so etwas erst möglich macht, nennt Honda übrigens VTEC. Mittlerweile gibt es eine große Fangemeinde rund um diese 4 Buchstaben – völlig zurecht! 

Im hier gezeigten Video kann man sehen, wie das System funktioniert.

Fahrdynamik

Auch in Punkto Fahrdynamik hat der S 2000 Einiges zu bieten. Gerade Motorsport Fans und Querdynamiker verehren die klassischen Sportwagentugenden dieses Autos. Denn neben dem martialischen Klangbild des Motors (oberhalb von 6.000 Umdrehungen) und der süchtig machenden Art der Leistungsentfaltung, ist auch das Fahrwerk ein großer Spaß für Freunde der schnelleren Gangart. Fahrwerke der frühen Exemplare sind sogar etwas übersteuernd ausgelegt und sollten daher nur von geschulter Hand pilotiert werden. Bei eben diesen Fahrzeugen kann man bei langgezogenen Kurven das Heck allein durchs „Gas lupfen“ zum Ausbrechen überreden. Spätere Modelle und insbesondere die Facelift Modelle sind mit ESP hingegen fast schon narrensicher. Das Fahrwerk steht dem Motor in nichts nach. Es ist knackig, der Radstand ist kurz und das Sperrdifferential an der Hinterachse gewährleistet durchgehend maximale Traktion. 

Wer dennoch etwas mehr Kurvenspaß aus seinem S2000 quetschen möchte, dem empfehlen wir ein KW Variante 3 Gewindefahrwerk in Verbindung mit sportiver Yokohama AD08R Bereifung. Damit lässt sich nochmals mehr Fahrdynamik / bzw. Fahrspaß aus dem Fahrzeug herauskitzeln.
2007_S2000_05

Gebrauchtwagenmarkt

Zu Preisen ab knapp unter 12.000 EUR ist der Traum vom Tokyo Racer zu haben. 

Leider hat das Auto unter dem „Fast-and-the-Furious“ – Hype der 2000er Jahre gelitten und so gibt es viele „umgebaute“ Autos auf dem Markt. Glücklicherweise lassen sich die meisten „verbastelten“ Fahrzeuge wieder in den Originalzustand zurückversetzen. Oftmals ist nur ein offener Luftfilterpilz montiert oder Carbon-Optik-Folie auf Motorhaube und Heckdeckel geklebt. Bei Bodykit-Umbauten ist hingegen Vorsicht geboten. Viele dieser Anbauteile besitzen nicht die nötige Betriebserlaubnis für den Straßenverkehr und sind ebenso unachtsam wie töricht an Karosserie, Heckdeckel und Motorhaube gebohrt worden.

2008_S2000_117

Fazit

Ein knackiger Roadster wie er im Buche steht. Ein aufregender Rennmotor, der sich im Laufe des Drehzahlbands immer wütender und potenter anfühlt, lässt Motorsport Fans ein nostalgisches Tränchen verdrücken. Kein Wunder, so gibt es in unserer CO2-sensitiven Umwelt doch nur noch Platz für Turbo und Kompressortriebwerke, welchen die Emotionen scheinbar vollends abtrainiert wurden. Würden wir Bewertungen vergeben, wir würden Sie in voller Punktzahl an den S2000 vergeben. 

Text: Carsablanca Redaktion
Bild: Honda Press