50 Jahre Trabant: Härter als Afrika

50 Jahre Trabant: Härter als Afrika


Portrait

Am 7. November 1957 rollte beim VEB Sachsenring Automobilwerke in Zwickau der erste Ur-Trabant, das Modell P50, vom Band. Er war mickrig motorisiert, hatte aber eine unzerstörbare Karosserie aus einer Kunstharz-Baumwoll-Mischung namens Duroplast - genau der richtige Stoff für die Kopfsteinpflaster der DDR

Die Sahara kann nicht härter sein, dachten sich die beiden exzentrischen Engländer Matt Jones und Sam Glover - und heizten im Juni 2007 in knapp zwei Wochen von Banjul in Gambia zu einem Trabi-Treffen nach Zwickau, 7000 Kilometer weit. Ihre Mission: zwei gestrandete Plastebomber vom Typ 601 namens Trixi und Priscilla heim zu führen. Wir fragten nach, wie man auf so eine abgedrehte Idee kommen kann. 

"Schuld sind die bescheuerten Gebrauchtwagenhändler in Gambia, die von coolen Autos echt keine Ahnung haben", rumpelt Matt, der im richtigen Leben als Redakteur beim englischen Automagazin Practical Classics am Schreibtisch sitzt. "Angefangen hat alles mit der Rallye Plymouth-Dakar im letzten Jahr …"

Plymouth-Dakar ist eine jährliche Fernfahrt von England nach Gambia mit durchaus interessanten Teilnahme-Bedingungen: Wie viele Fahrer das Team hat, was für ein Fahrzeug eingesetzt wird, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass die Karre steinalt ist und nachweislich für weniger als 100 englische Pfund erstanden wurde. So besorgten sich vier Bekannte von Sam Glover vergangenes Jahr zwei 601er Trabis, gebaut Anfang der Achtziger, und ritten die beiden Biester durch Mittel- und Südeuropa, Marokko, Mauretanien und den Senegal bis nach Gambia. In Dakar werden alle Rallye-Fahrzeuge für einen guten Zweck verkauft. Was die eisenharte Strecke überlebt hat, soll lokale Hilfsorganisationen unterstützen.

Ignorante Autohändler in Banjul 

Leider nicht die Trabis. Matt Jones grummelt: „Keiner der Gebrauchtwagenhändler in Banjul wollte die Trabis haben; na gut, einer hatte einen Maschinenschaden. Darum standen die beiden Schönheiten im Safari Garden Hotel und verrotteten. Das darf doch nicht sein, oder?“ Nein. Was liegt da näher, als nach Banjul zu fliegen, um eine Rettungs- und Rückführungsaktion zu starten.

Als Jones und Glover Ende Mai 2007 in Banjul landeten, wartete bereits ein Austauschmotor im Zoll. Es dauerte wesentlich länger, das Aggregat dort mit Hilfe guter Worte und einiger Euros herauszulotsen, als ihn im Safari Garden Hotel dem Trabant 601 Universal namens Priscilla einzupflanzen. Trixi, der Standard-Trabant in gewagtem matt-pink, war nach einigen Einstellungen am Vergaser ohnehin abfahrbereit. Vier Ersatzkanister, ein paar Einkäufe im lokalen Supermarkt, 20 Liter Wasser – am 4. Juni startete der kleine Plaste-Konvoi und querte den Grenzfluss zum Senegal.

„Wir waren ziemlich unter Druck, weil mein Chef bei Practical Classics gedroht hatte, mich rauszuschmeißen, wenn ich nicht drei Wochen später pünktlich am Schreibtisch sitze,“ erklärt Jones das halsbrecherische Tempo, das er und Glover entlang der westafrikanischen Küste anschlugen. Für den Senegal nur einen Tag, die mauretanische Wüste – „Wow, wir haben Kamele gesehen und hatten echte Sandstürme, einmal hat es die Trabis fast von der Piste geblasen“ – in dreieinhalb Tagen, wie war das zu schaffen? „Na, ja, Speed, Speed, Speed. Und 32 Stunden nonstop hinterm Steuer. Drei Pinkelpausen.“

Trixi wirft das Handtuch 

Auch die beiden Trabis hielten sich tapfer. „Ein kleinerer Riss in Trixis Verteilerkappe und seltsame Töne von Priscilla, weil sie den halben Auspuff verloren hat, aber die Damen machten alle Schandtaten mit.“ Bis zum 9. Juni in Südmarokko. Glover und Jones hatten nach dem Grenzübergang gerade getankt, ein Ortsausgangsschild passiert, und waren auf dem Weg nach Marrakesch, als Trixi ihren Geist aufgab. Motorhaube hoch, erster Check: Totalschaden. Pleuel gebrochen. „Wir hatten definitiv keine Chance. Wir haben sie in das Dorf zurückgeschleppt, aber der Schmied, der dort die Werkstatt betreibt, hat uns nur mit traurigen Augen angeglotzt. Nichts zu machen.“

Von Marokko bis nach Zwickau wurde es eng, nicht nur im Zeitplan - auch im Trabi. Glover und Jones sind mit etwa einsneunzig nicht gerade klein gewachsen, außerdem hatten sie sich mit Mitbringseln aus dem geheimnisvollen Afrika üppig eingedeckt: „Na, ja, jeder hatte eine Trommel und so Masken. Das haben wir alles in den Kombi gestopft, und dann aus dem ganzen Kram und unserem Gepäck eine Art Kuhle für den Beifahrer gebaut.“ Der rechte Sitz blieb in Marokko.

In Zwickau, zum XIV. Internationalen Trabantfahrertreffen, kamen die beiden Wüstenritter mit verspanntem Rücken, aber immerhin ziemlich pünktlich am 16. Juni an. Priscilla hatte ihr Bestes gegeben.

Inzwischen ist sie nach England zurückgekehrt in die Hände ihres Rallyepiloten und Besitzers. Der will Priscilla wieder aufbauen und nur noch für Sonntagsausflüge in Yorkshire nutzen.

Was wird aus Trixi?

Sorgen macht sich Matt Jones daher nur um die einsame Trixi: „Der blöde Schmied scheint mir nicht der richtige Partner für eine sichere Zukunft zu sein. Aber vielleicht findet sich ja jemand, der einen Trabant-Motor einpackt, nach Marokko runter fährt und sie nach Hause gondelt?“ Sicher, Matt, sicher. Engländer mit abstrusen Ideen gibt es zuhauf.

Dieser Artikel erschien am 22.05.2008