2000 PS und 7,8 auf der Richter-Skala

2000 PS und 7,8 auf der Richter-Skala


Porträt

Reodor Fælgen spart nicht. Für seinen Rennwagen wählt er nur die besten Komponenten: Vorn sitzt ein Hemi-Zwölfzylinder mit mächtigen Krümmern, die die Motorhaube flankieren wie Muskelpakete. Diese Maschine allein bringt 800 PS bei gewaltigen 11.000 U/min.

Sicherheitshalber setzt Fælgen über die Hinterachse ein zweites Aggregat, nämlich eine Gasturbine mit rund 1200 PS. Um die enormen Geschwindigkeiten zu kontrollieren, die dadurch möglich sind, installiert er zwei Tachos, der eine reicht bis 180 km/h, der zweite beginnt dort und reicht bis weit über 300 km/h. Um bei diesem Tempo nicht unliebsame Überraschungen zu erleben, installiert Fælgen einen Radar.

Natürlich gibt es Tripmaster, Barometer, Windmesser, Echolot und für alle Fälle eine Blutbank mit Konserven von rhesusnegativem, rhesuspositivem und blauem Blut (falls ein Adliger verunglückt). Als Fælgen seinen Rennwagen das erste Mal anlässt, schlagen die Anzeigen im Seismographischen Institut Bergen auf einen Wert von 7,8 auf der Richter-Skala aus. Reodor Fælgen macht keine halben Sachen.

Schurkische Machenschaften

Es geht auch um einiges. Er mag ein kleiner Erfinder in der tiefsten norwegischen Provinz sein   - wer hat diesseits des Großen Belt schon mal vom Örtchen Flåklypa gehört? – aber ein Feigling ist er gewiss nicht. Schlimm genug, dass sein schurkischer Ex-Gehilfe Rudolf Blodstrupmoen eine der besten Fælgen-Erfindungen geklaut hat, den Superretometerverteiler, eine Art Vorverdichter-Auflader. Noch schlimmer, dass der Bursche dieses brillante Gerät in einen Rennwagen eingebaut hat und damit jetzt Weltmeister werden will!

Das kann nicht angehen. Mit seinen Gehilfen Solan und Ludvig, finanziell unterstützt durch Ölscheich Abdul Ben Bonanza, erbaut Reodor Fælgen den Wagen, den die Welt als Il Tempo Gigante kennenlernt – und der natürlich alle Gefahren besteht und den Grand Prix von Flåklypa gewinnt.

Klingt ein bisschen märchenhaft? Völlig richtig. Reodor Fælgen, seine Gefährten und Widersacher sind Puppen, Il Tempo Gigante rollt durch den Trickfilm "Flåklypa Grand Prix" (deutsch "Hintertupfinger Grand Prix"), gedreht   1972-1975 in den norwegischen Caprino-Studios. Der Streifen wurde der erfolgreichste Kinofilm seines Heimatlandes und lief jahrzehntelang jedes Jahr nachmittags an Heiligabend im Fernsehen, zur Freude der Kinder des Landes. Produziert ist der Film in klassischer Stop-Motion-Technik: Die Kamera läuft nicht kontinuierlich, sondern fotografiert jede Bewegung in 25 Einzelschüssen pro Sekunde.

Zugelassen als Oldtimer

Und doch … Il Tempo Gigante ist inzwischen als Oldtimer zugelassen, röhrt ab und an durch die norwegische Fjordlandschaft und verblüfft bis heute das Publikum auf Oldtimertreffen: Kinder stehen davor und finden es phantastisch, dass sie endlich dieses berühmte Auto sehen dürfen, und Erwachsene staunen und wagen die schüchterne Frage, ob das Auto wirklich zwei Motoren und mehr PS als eine Diesellok habe …

Ja, es gibt ihn zweifach: auf der Leinwand und in Wirklichkeit. Darum hat diese Geschichte zwei Helden, nämlich seine Erbauer. Der eine ist die Puppenfigur Reodor Fælgen, der andere hieß Ivo Caprino – Regisseur, Designer und Erbauer des echten Tempo Gigante. Die Caprino-Studios sind bis heute spezialisiert auf Märchen-Trickfilme; die Verfilmung der Geschichte dieses enormen Autos stellte allerdings besondere Anforderungen:   Es galt, komplette Landschaften in verschiedenen Maßstäben zu bauen, sehr vorbildgerecht durchrollt von kleinen Autos.

Regisseur Caprino war ein Perfektionist, weshalb jedes Detail sitzt und stimmt. Außerdem verstand er was von Autos und von Fahrdynamik – meistens fahren die Filmautos ziemlich schnell, und bewegen sich dabei wie ihre Vorbilder. Die Flucht des Schurken Rudolf Blodstrupmoen im Mini eine steile Passtraße hinunter kommt einer Aufnahme von der echten Rallye Monte Carlos gleich; und der Chauffeur des Scheichs mag ein Gorilla sein – die Schaltpunkte seines Rolls Royce Silver Ghost kennt er präzise.

Ein zweites Großprojekt – noch spektakulärer

Seinen Puppen solch naturgetreues Leben einzuhauchen, brauchte eben viel Zeit. Als der Film 1975 dann endlich fertig war und in die Kinos kam, überlegte Regisseur Ivo Caprino, was nun die optimale Werbung für seinen Film sein könnte. Natürlich: mit dem Filmauto vor dem Kino vorzufahren! Also räumte er die Filmkulissen beiseite, versammelte sein kleines Team und nahm ein ganz anderes Projekt in Angriff.

Es dauerte ein weiteres Jahr, bis das Auto fertig war – ein beachtlicher Aufwand für einen Werbeträger (allerdings sind schon drei Jahre Dreharbeiten für 90 Minuten Film extrem lang). Nun sollte der große Tempo Gigante nicht nur eine präzise Kopie des detailreichen Vorbilds sein, er sollte auch aus eigener Kraft fahren – und nicht nur im Schrittempo.

Remo Caprino, Sohn des Regisseurs und damals bei der Produktion von Film und Auto dabei, erinnert sich an die Arbeiten: "Wir haben das Auto im Studio gebaut. An externer Hilfe hatten wir nur den italienischen Karosseriebauer Ermanno Martinuzzi. Als Basis nahmen wir das Fahrgestell eines langen 1962er Cadillac-Krankenwagens, ursprünglich mit dem Originalmotor. Der norwegische TÜV begleitete die Arbeiten von Anfang an, denn das Auto sollte absolut verkehrstauglich werden. Es hat das Kennzeichen BL 50000 bekommen, unter dem es bis heute zugelassen ist."

Big Block, vermittelt von Niki Lauda

Il Tempo Gigante ging dann auf Werbetour durch ganz Europa, allerdings nicht gänzlich auf eigener Achse – für lange Strecken hat er einen eigenen Transporter. Als Niki Lauda auf der Tournee unter die Haube guckte, war er ein bisschen enttäuscht. Da gehört ein richtiger Motor hin, befand er und vermittelte dem Caprino-Studio einen 454er Chevrolet-Big Block mit ungefähr 500 PS. Seither ist das Auto halbwegs angemessen motorisiert, denn es sprengt nicht nur optisch alle Maße: 6,70 m lang, 2,48 m breit, knapp drei Tonnen schwer. Formel 1-Profi Emerson Fittipaldi hat es bei einer Promo-Veranstaltung über den Nürburgring getrieben, mit bis zu 200 km/h – mehr hat auch er sich nicht getraut. Aber Il Tempo Gigante konnte damit beweisen, dass er für ein Phantasieprodukt aus einem Kinderfilm ein erstaunlich kompetentes Fahrzeug ist.

Nein, liebe Eltern, die Reagenzgläser links an der Seite enthalten keine Blutkonserven und über der Hinterachse ist definitiv keine Turbine zu finden, selbst wenn Ihre Kinder das beschwören würden. Trotzdem, Il Tempo Gigante hat den Sprung von der Leinwand auf die Straße geschafft   und trotzdem sein Publikum nicht verloren. Man kann ihn anfassen, er hat seine Heimat in einem Erlebnispark bei Lillehammer gefunden (www.hunderfossen.no, auf der Webseite gibt’s einen kurzen Film).

Für alle, die nicht so oft in Lillehammer sind: "Flåklypa Grand Prix" ist inzwischen auf DVD erschienen (enthält auch die deutsche Synchronisation aus den Siebzigern; www.caprino.no).

Drei Jahre Dreharbeiten waren extrem lang für 90 Minuten Film - aber es lohnte sich, was nicht zuletzt das Einspielergebniss bewies. Der Film ist wundervoll detailreich, atmosphärisch dicht und kann sich problemlos mit heutigen Hollywood-Trickfilmen messen.