125 Jahre Automobil: Das Automobil lernt das Laufen

125 Jahre Automobil: Das Automobil lernt das Laufen

Deutschland gilt mit Recht als das Geburtsland des Automobils, die Erfindung allein ist allerdings noch kein Garant für einen stetigen Fortschritt.

Dieser wurde in Deutschland durch die ablehnende Haltung der Bevölkerung und ihrer Obrigkeit und durch das Festhalten an überholten Konstruktionslösungen (Glührohrzündung, Riemenantrieb) nicht gerade förderlich beeinflußt. In Frankreich stand man der neuen Erfindung viel aufgeschlossener gegenüber. Panhard und Levassor, ursprünglich Lizenznehmer der Daimler Motorengesellschaft, beschritten 1891 neue Wege mit einer Triebwerksanordnung, die beispielhaft für die nächsten Jahrzehnte werden sollte: Motor – Getriebe – Hinterradantrieb. Die veränderte Gewichtsverteilung sicherte eine bessere Bodenhaftung als bei den leichten Benz Wagen.  

Kaum ein Zeitabschnitt hat so viele Erfindungen und Neuentwicklungen hervorgebracht wie die Jahre zwischen 1885 und der Jahrhundertwende (Kardanwelle, Front- und Allradantrieb, Benzineinspritzung, Hochspannungszündung, Druckumlaufschmierung, Innenbackenbremse). Diesen Fortschritten stand eine bemerkenswert konservative Denkweise bei der Fahrwerksauslegung und Aufbaugestaltung gegenüber, mit der die Autofabrikanten die „Tradition“ der Wagenbauer fortsetzten. Denn ein großer Teil der für Pferdewagen gemachten Erfindungen fand erst Jahrzehnte später Eingang in den Automobilbau (Vierrad- und Hydraulikbremse, Knicklenkung, Luftbereifung, Zentralrohrrahmen und Drehstabfederung). Dagegen wurden Achsschenkellenkung, Vollgummibereifung, Blatt- und Spiralfedern, Außenbandbremse, Fuß- und Handbremsbetätigung durch Pedal und Hebel sofort oder nach kurzer Zeit übernommen.  

Die Übernahme des Kutschwagenbaus führte bei den Motorwagen zu abenteuerlichen Fahreigenschaften mit hoher Unfallgefahr. 

1896 wird der junge August Horch von Carl Benz zum Betriebsleiter des Motorenwagenbaus der Firma Benz & Co in Mannheim ernannt. Die Kreativität Horchs stieß bei dem damals 52-jährigen Benz allerdings auf wenig Gegenliebe, und so verließ er 1899 das Unternehmen und machte sich in Köln selbstständig. Zuerst reparierte August Horch dort in einer kleinen Werkstatt Benz-Motorwagen. Aber schon zwei Jahre später brachte er sein erstes selbst entwickeltes Automobil heraus.  

Ein weiterer Pionier des modernen Automobilbaues hieß Wilhelm Maybach. Dieser schuf im Jahre 1901 ein neues Fahrzeug mit verlängertem Radstand und niedriger Schwerpunktlage, das neben den besseren Fahreigenschaften auch einen Motor noch nie dagewesener Leistung besaß (35 PS). Mit dem Auftritt des „Mercedes“ begann die Geschichte des modernen Automobilbaues. Er war der Wendepunkt einer umwälzenden Entwicklung und wurde zum Maßstab einer weltweiten Industrie, die ihre Ideen und Anregungen aus dem Mercedes schöpfte und ableitete.  

Durchbruch der Basispioniere Carl Benz (li.) und Gottlieb Daimler (re.) mit ihren Fahrzeugen. Fotos: (c) Daimler AG

Die von Benz und Daimler erbrachten Nachweise über die von ihnen geschaffenen „Selbstfahrer“ fanden allenfalls lokale Beachtung, von Beifall ganz zu schweigen. Im wilhelminischen Deutschland fanden sich auch in den darauffolgenden Jahren kaum Kunden, nur wenige Enthusiasten konnten dem Betrieb eines Motorwagens etwas Freude abgewinnen. Bevor das Automobil seinen Siegeszug um die Welt antrat vergingen Jahre, Jahre in denen es als Teufelszeug beargwöhnt und angefeindet wurde.  

„Das Automobil ist der Anarchist unter den Gefährten. Es rast, Schrecken verbreitend durch die Welt, losgelöst von althergebrachten Gesetzen. Kein Schienenstrang schreibt ihm die Wege vor, keine Pferdelunge zwingt ihn zu einem vorgeschriebenen Tempo. Es ist der Herr der unbegrenzten Möglichkeiten, sein Lenker spottet jeder Fahrordnung, für ihn gibt es nur ein Gesetz und das ist sein eigener Wille“. (Hermann Glaser – Das Automobil, Eine Kulturgeschichte in Bildern)   Seit über 100 Jahren gehört das Auto zu den ganz wenigen Produkten, deren Faszinationskraft sich ständig erneuert, denn die Überwindung von Raum und Zeit, der Traum von der Mobilität des einzelnen prägt jede heranwachsende Generation aufs Neue. In 125 Jahren entstanden rund um den Globus mehr als 2,4 Milliarden Pkw.

Weitere Informationen:

Teil 1: Vergessene Pioniere
Teil 2: Durchbruch der Basispioniere