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Delage

Delage

Delage – Königin auf allen Straßen

Wollte man ein Auto bauen, das auf den Rennstrecken der Welt von Le Mans über Brooklands bis Indianapolis eine ebenso gute Figur abgibt wie bei den Concours d’Élégance von Monte Carlo oder Cannes – es müsste ein Delage werden…

Diese Geschichte begann am Freitag, den 13. Januar 1905 um 14 Uhr, als der junge Ingenieur Augustin Legros mit seiner Arbeit in einer kleinen Wohnung in der Rue Chaptal in Levallois-Perret anfing. Er war der erste Angestellte der drei Tage zuvor ins Leben gerufenen Firma von Pierre Louis Adolphe Delâge. Sein Arbeitsplatz war das Wohnzimmer seines Patrons, der von Rheumaanfällen geplagt nur vom Krankenbett aus Legros bei der Konstruktion der ersten beiden Modelle seiner Marke helfen konnte. Diese wurde am 24. August 1905 als „Delâge et Compagnie“ eingetragen. Das Startkapital betrug 40.000 Francs, Gegenwert von fünf eher preiswerten Autos, und reichte gerade einmal, um sich eine winzige Werkstatt in der Rue de Cormeilles zu mieten. Wahrlich kein leichter Anfang…
Doch Louis Delâge war geschäftstüchtig und talentiert genug, um nicht an diesen Voraussetzungen zu zerbrechen. Anders als die meisten anderen Firmengründer seiner Zeit stammte er aus einfachen Verhältnissen. 1874 als Sohn eines Eisenbahners in Cognac geboren, absolvierte er sein Ingenieursstudium in Angers. 1900 eröffnete er in Paris sein erstes kleines Büro und übernahm Aufträge für verschiedene Autohersteller. 1903 wurde er von Peugeot zum Chef über Entwicklung und Versuch gemacht und stellte zum ersten Mal Legros als Konstrukteur an. Überzeugt von dessen Talent, nahm er ihn mit in seine eigene Firma, wo dieser 30 Jahre die rechte Hand des Patrons blieb.

Die ersten Fahrzeuge

Der Delage Typ A, wurde bereits im August 1905 homologiert. Es verfügte über einen De Dion-Bouton-Einzylinder mit 9 HP und stand auf einem Chassis, das Delage von Malicet & Blin bezog. Die Karosserie der kleinen Voiturette war ein Zweisitzer ohne Dach oder sonstigen Wetterschutz. Neben dem Typ B mit 4,5 HP De Dion-Bouton-Motor stand der Wagen auf dem Pariser Salon von 1905. Als die Kunden dort ein Modell mit 6 HP-Motor verlangten, wurde es ihnen auch prompt verkauft. Erst danach entwickelte man das entsprechende Modell, den Typ D.
Schon die ersten Fahrzeuge der Marke wurden von der Fachpresse mit Lob überschüttet, vor allem wegen ihrer problemlosen und für die Zeit sehr leisen Funktionsweise. Grund dafür war die sehr sorgfältige Verarbeitung. Das Credo von Louis Delâge: „Ne faire qu’une chose mais la bien faire“ (nur eine Sache tun, die aber richtig). Und so baute man in Levallois eben eine Voiturette de Luxe.

Erste Gehversuche im Rennsport

Um die Qualitäten seiner Fahrzeuge unter Beweis zu stellen, meldete man zwei Wagen zur Coupe de Voiturettes 1906. Ein Wagen verunfallte, der zweite aber belegte vor den Peugeots den zweiten Platz. Dadurch wurden die Auftragsbücher voll und mit Henri Davène de Roberval von Malicet & Blin ein neuer Gesellschafter gewonnen. Endlich konnte man sich eine moderne Fabrik in der Rue des Frères Herbert leisten. Und man erweiterte die Modellpalette sukzessive nach oben.
1908 wollte man den Siegertitel beim Grand Prix des Voiturettes de l’ACF holen und stellte Némorin Causan an, der den Motor für die Rennwagen entwerfen sollte. Nach Verzögerungen wurde aber nur einer der drei Delages mit diesem Einzylinder ausgestattet – und gewann mit deutlichem Vorsprung vor den Wagen mit De Dion-Motor, die nur auf den Plätze 5 und 12 kamen. Doch Louis Delâge machte einen Kuhhandel mit dem Grafen de Dion: Delâge behauptete vor der Presse, alle Wagen hätten die Motoren des Grafen gehabt, de Dion liefert dafür die nächste Charge mit Rabatt. Causans Kündigung ließ nicht lange auf sich warten.

Auf zu neuen Ufern

Die Modellpalette wurde erweitert und man bot neben Voituretten auch leichte Fahrzeuge mit Vierzylinder an. Den Typ M gab es mit Motoren der Hersteller De Dion-Bouton, Chapuis-Dornier und Ballot, letztere teilweise bereits von Delage selbst produziert. Dies war Teil der neuen Strategie von Louis Delâge, der mehr und mehr Teile in der eigenen Fabrik produzieren wollte. Die Entwicklungsabteilung wurde um den hoch talentierten Arthur Michelat verstärkt, der den Rennwagen Typ X entwarf. Damit traten die Fahrer Bablot, Thomas, Guyot und Rigal bei der „Coupe de l’Auto des Voitures Légères“ an. Bablot siegte, Thomas und Guyot belegen die Plätze 3 und 4.
1912 tauchte mit dem Typ AH bereits der erste Sechsender der Marke auf, ganz im Sinne des Patrons, der eine immer anspruchsvollere Kundschaft bedienen wollte. Legros sprach sich dagegen für die Konzentration auf kleinere Fahrzeuge aus, gab aber schließlich klein bei. Für die Mitarbeiter wurde bereits 1911 ein System mit bezahltem Urlaub eingeführt – 25 Jahre vor der offiziellen Einführung durch den Staat.
Für die Saison 1913 stand der Rennwagen Typ Y bereit. Beim Grand Prix de l’ACF in Amiens musste man sich noch mit den Plätzen 4 und 5 begnügen, drei Wochen später gewann Bablot den Grand Prix von Frankreich in Le Mans vor Guyot. Mit 123,750 km/h über die Gesamtdistanz erreichte Bablot einen neuen Rekord-Gesamtschnitt bei einem Rennen auf öffentlichen Straßen, die letzte Runde legte er gar mit 132,774 km/h zurück. Einen weiteren großen Sieg errang René Thomas auf Typ Y bei den 500 Meilen von Indianapolis im Mai 1914, allerdings als Privatfahrer, denn er musste den Wagen wie der 3. Guyot vorher kaufen…
Diese Siege schlugen sich in den Verkäufen nieder und man war zu einem weiteren Umzug gezwungen. Louis Delâge kaufte ein 26.000 m² großes Areal in Courbevoie und ließ die schönste und modernste Fabrik Frankreichs errichten. Der neue Hauptsitz lag am Boulevard Péreire in Paris.

Neubeginn nach dem Krieg

Der erste Weltkrieg bedeutete die Umstellung auf Granatenproduktion bei Delage, ab 1915 entwickelte man aber bereits den Typ CO, der ab 1920 als Sechszylinder gebaut wurde. Schnell wurde der Vierzylinder DO nachgeschoben. Erfolgreich war aber erst wieder der Typ DE, nach dem Weggang von Michelat von Charles Planchon entwickelt wurde. Seine Verkaufszahlen erlaubten auch wieder den Unterhalt einer Rennabteilung. Planchon entwickelte dafür den Typ 2 LCV mit 2-Liter-V12, der aber erst nach Anlaufschwierigkeiten erfolgreich wurde. Ende 1923 erschien der Typ DH „Le Torpille“ mit V12 und 10.688 cm³. Dieser steigerte im Juli 1924 in Arpajon den Geschwindigkeitsweltrekord auf 230 km/h – der Fiat Mephistofele konnte es 6 Tage später 5 km/h schneller.

Erster Angriff auf Hispano-Suiza

Als Nachfolger für den Typ CO sollte Maurice Sainturat einen echten Super-Delage entwerfen, mit dem der Patron endlich Hispano-Suiza die Stirn bieten könnte. Dieser Typ GL wurde aber in nur 200 Exemplaren gebaut. Ein strategischer und finanziell schwer wiegender Fehler.

Weltmeister und Concourssieger

In der Saison 1927 gewann Robert Benoist auf Delage 15 S 8 die Grand Prix in Montlhéry, San Sebastián, Monza und Brooklands und demonstrierte so die Überlegenheit auch über Bugatti. Delage holte sich eindrucksvoll den neu geschaffenen Weltmeistertitel. Trotzdem wurde das offizielle Engagement aus Kostengründen beendet.
Die Verkäufe waren dank des Titels trotz allgemeiner Krise noch sehr gut, so dass Delage Ende 1929 den Sprung zurück in den Autoolymp wagte und den Typ D8 mit Reihenachtzylinder und 4060 cm³ präsentierte. Sein Chassis war die ideale Basis für alle großen Meister des Karosseriebaus, die dem D8 hinreißend schöne Kleider entwarfen und ihn so zur „Königin der Concours“ machten. Kaum eine Schönheitskonkurrenz, wo der D8 keinen Preis gewann.

Der tiefe Fall

Doch schon bald schlug die Wirtschaftskrise voll durch. 1932 baute man mit dem Typ D6 11 nur noch ein Modell. Am 20.4.1935 warf Louis Delâge schließlich das Handtuch und verließ das Unternehmen zusammen mit Augustin Legros. Louis Delâge starb als einfacher Mann am 14.12.1947. Der Pariser Delage-Händler Walter Watney und Delahaye erwiesen sich als Retter. Bis 1939 blühte die Marke, ausgestattet mit vielen Delahaye-Komponenten, noch einmal kurz auf. In Le Mans wurde das Duo Gérard/Monneret 1939 Zweiter, ein Erfolg, der sich 10 Jahre später wiederholen ließ.
Nach dem II. Weltkrieg hatten die Dreiliter-Delage viel von ihrer französischen Leichtigkeit und Eleganz verloren. 1954 zog die Mutter Delahaye einen Schlussstrich unter die Automobilfertigung. Delage, einst Stolz der französischen Autoindustrie, verschwand und wurde zur Legende…

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