Puppchen Wanderer

Puppchen

Technische Daten

Hersteller Wanderer
Baujahr 1912 - 1913
Motorisierung 5/12 PS

Kleiner Herkules

Lange hatte man bei Wanderer in Chemnitz-Schönau mit dem Bau von eigenen Autos geliebäugelt. 1913 lancierte man mit dem 5/12 PS endlich das erste Serienautomobil.

Erste Gehversuche in der Autoentwicklung hatte Wanderer schon 1903 unternommen und den Konstrukteur Richard Schulze einen kleinen Einzylinderwagen entwerfen lassen. Durch das mäßige Ergebnis ließ man sich nicht abschrecken und begann im Frühjahr 1905 mit der Entwicklung eines Autos mit wassergekühltem Zweizylindermotor. Für den Wagen, der Ende 1906 fertig war, hatte man sich zuvor die Patente von August Horch im benachbarten Zwickau angesehen.
Diesmal erfüllte das Resultat die Ansprüche von Johann Baptist Winklhofer, Mitbegründer der Wanderer Werke und seit 1902 in beratender Funktion im Aufsichtsrat. Von einer Serienfertigung dieses Wanderermobils sah man jedoch ab, weil die Firma mit Fahr- und Motorrädern sowie Fräs- und Schreibmaschinen bestens ausgelastet war. Der Prototyp des W1 (W = Wagenprojekt) wurde ohne die Wanderer-Zeichen verkauft.

Intensive Marktbeobachtung

Trotzdem war das Thema Automobil in Chemnitz-Schönau nicht vom Tisch. Ende 1907 hatte die Mannschaft um Richard „Papa“ Schulze einen Viersitzer fertiggestellt, der über einen Vierzylinder verfügte. Doch das Schicksal von W2 war dasselbe wie von W1 und der Wagen wurde nach einer dreijährigen Erprobungsphase 1910 verkauft. Man beschränkte sich erst einmal auf die Beobachtung der Entwicklung des Autos aus der Ferne.

Neues Werk, neuer Schwung

Mit der Planung eines Erweiterungsbaus änderte sich im Frühjahr 1911 die Situation schlagartig. Nun würde auch Platz für eine Automobilfertigung sein, und so erfolgte der Startschuss zur Entwicklung einer Voiturette, die über zwei Sitze verfügen sollte.
Das Pflichtenheft, das unter der Führung des neuen technischen Vorstands Richard Stuhlmacher erarbeitet wurde, sah vor, dass der Wagen klein, möglichst leicht und sparsam sein sollte. Auf Bedienerfreundlichkeit wurde ebenso Wert gelegt wie auf niedrige Wartungskosten, Komfort und solide Verarbeitung. Daneben musste der kleine Wanderer es leistungsmäßig auch mit größeren Fahrzeugen aufnehmen können und bergsteigefähig sein.

Ein verlockendes Angebot

Der Zufall wollte es, dass just zu diesem Zeitpunkt ein solches Auto zur Lizenzfertigung angeboten wurde. Anbieter war die junge Firma von Ettore Bugatti im elsässischen Molsheim, die den Wanderer-Werken ein Exemplar für zwei Wochen zur Ansicht dalassen wollte. Für den Schnäppchenpreis von 75.000 Mark plus 150 Mark Lizenzgebühren pro Auto hätte man den Baby-Bugatti Typ 16 bekommen. Doch das war zu viel für die Sachsen, die sich darauf beschränkten, in Molsheim einen Bugatti Typ 13 zum Sonderpreis zu erwerben, der als Anregung für die Entwicklung des eigenen Fahrzeugs dienen sollte.

Lange Erprobungsphase

Der erste Prototyp des Typs 5/12 PS war bereits im Juni 1911 fertig. Man hatte bei der Auslegung des Vierzylinders auf Erfahrungen mit dem W2 zurückgreifen können. Lediglich der Kühlwasserverlauf im Block wurde noch in drei Varianten getestet. Mangels eigener Karosseriefertigung bestellte man bei Kruck in Frankfurt am Main 30 Karossen, um die Vorserienfahrzeuge damit auszustatten.
Das erste serienmäßige Auto war im August 1912 fertig. Dank des geringen Gewichts von 480 kg erreichte der Zweisitzer mit Tandemsitzanordnung hintereinander 70 bis 75 km/h. Um den Preis niedrig halten zu können, gab es im Armaturenbrett nur ein Ölmanometer und das Zündschloss. Ein Tacho war erst später gegen Aufpreis zu haben und auch die Windschutzscheibe musste zunächst extra bezahlt werden.
Um die Qualitäten des kleinen Wanderer 5/12 PS zu demonstrieren, ging es mit Ingenieur Schulze und Mechaniker Günther, begleitet von Johann Winklhofer, auf große Fahrt über den Brenner in die Dolomiten. Aus der elftägigen Fahrt wurde später in der Werbung das Heldenepos von Ingenieur Motory, Monteur Zintkerzl und ihrem „kleinen Herkules“, der auch die steilsten Pässe mühelos erklomm.

Endlich ein Serienauto

Im März 1913 waren die Räumlichkeiten im Neubau endlich bezogen und die Serienfertigung mit zwei bis drei Wagen pro Tag konnte beginnen. Zunächst war der W3 als Modell H (Hintereinander) für 3800 Mark zu haben. Daneben gab es anfangs Lieferwagenversionen mit Pritschen- oder Kastenaufbau hinter dem Fahrer. Die unter Führung von Otto Thiele entwickelten Karosserien wurden nun selbst hergestellt.

Das Kind bekommt einen Namen

Als im Mai 1913 im Chemnitzer Central-Theater Jean Gilberts Operetten-Posse „Puppchen“ aufgeführt wurde, war man bei Wanderer schnell bereit, einen neuen 5/12 PS für den Auftritt im ersten Akt zur Verfügung zu stellen. Der Auftritt muss den Zuschauern im Gedächtnis geblieben sein, denn schon bald wurde der kleine W3 im Volksmund „Puppchen“ gerufen.

Weiterentwicklung und Kriegsdienst

Man ruhte sich in Chemnitz nicht lange auf den ersten Lorbeeren aus und betrieb konsequente Modellpflege. Ab September 1913 gab es auch die Karosserieversion N (Nebeneinander), die bald beliebter war als das Modell H, das als „Automobil für verkrachte Ehepaare“ verlacht wurde. Im Juni 1914 kam der W3/II als 5/15 PS mit vergrößertem Motor. Zwei dieser Wagen nahmen an der Österreichischen Alpenfahrt teil und bewiesen mit ihrem Erfolg in der 5 PS-Klasse einmal mehr ihre Fähigkeiten unter schwierigen Bedingungen.
Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges war eine neue Strategie gefragt. Exporte in feindliche Länder wurden verboten, solche in neutrale Länder mussten vom Reichskanzler persönlich genehmigt werden. Da auch die Inlandsnachfrage stockte, verlegte man sich in Schönau darauf, das Militär als Kunden zu gewinnen. Nach anfänglicher Ablehnung gelang das Vorhaben und das „Puppchen“ wurde während des Krieges vor allem als Spähfahrzeug eingesetzt.
Die Weiterentwicklung blieb auch im Krieg nicht stehen. Ein erstes Facelift mit runderem, höherem Kühler und begradigter Seitenlinie erschien im Frühjahr 1915. Ab Sommer 1917 war auch die neue Karosserieversion Nv (Nebeneinander, versetzt) mit Klappsitz neben dem Fahrer zu haben.

Abschied als Neubeginn

Mit dem Ende des Krieges musste man sich schlagartig um neue Kunden bemühen, denn es waren am Ende immerhin 96 % der Wagen ans Heer gegangen. Die Verkäufe liefen auf eher bescheidenem Niveau weiter, woran auch der Motor im neuen W3/III mit 5/15 PS im Frühjahr 1919 nichts ändern konnte. Insgesamt verkaufte man knapp 4000 Wagen. Am populärsten blieb bis zur Einstellung der Produktion im Mai 1921 der Typ Nv. Vereinzelt wurden auch schon Wagen mit Sonderkarosserie als Innenlenker aufgebaut. Als Nachfolger kam der neue W8 auf den Markt, der dem Puppchen nur äußerlich ähnelte.

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