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Talbot

Talbot

Talbot hat das seltsame Schicksal, in seinem Namen größten Glamour und traurigste Tristesse zu vereinen; Talbots Lebenskurve vollführt wahre Bocksprünge, spaltet sich und reißt gleich zweimal ab – um später wieder zusammen zu wachsen.

Der Name erinnert an den Earl of Shrewsbury and Talbot, Gründer und Inhaber der Firma Clement Talbot Ltd. in London. Zunächst nur Importeur, begann Talbot 1906 den Bau eigener Autos mit sportlichem Einschlag. 1919 entschloss sich der Earl sein Unternehmen zu verkaufen, und damit begann das Unglück. Talbot wurde mit Sunbeam und Darracq zu der Kleingruppe STD zusammengeschlossen, die sich vor allem durch unglückliches Management auszeichnete.

Das D im Gruppennamen verlor seine Bedeutung, als Darracq 1920 in Automobiles Talbot umbenannt wurde. Es folgten ein paar schwache Jahre, dann injizierte Georges Roesch, seit 1916 Chefkonstrukteur in London, den englischen Talbot 1926 neue Vitalität mit dem Typ 14/45. Eine leichte und solide Konstruktion mit einem starken und kompakten Sechszylinder brachten diesem Typ ordentliche Verkaufszahlen.

Der wundervolle 14/45 und seine Kinder 

 Der 14/45 bildete die Basis für eine kleine Palette, deren Fahrzeuge eins gemein hatten: Es hing nur vom Kundenwunsch ab, ob sie sportlich oder komfortabel ausgelegt waren – das Fahrgestell erlaubte beides. Der Talbot 105 ist die Krönung in der Talbot-Palette um 1930. Diese Autos mit bis zu 140 PS liefen erfolgreich in Ausdauerrennen und konnten sich, mit eleganten Karosserien versehen, mit der edlen Konkurrenz von Bentley oder Daimler messen. Nach der Übernahme durch Rootes lief der Typ 105 samt Schwestermodellen aus.

Im wahrsten Sinne parallel dazu, nämlich ohne Berührungspunkte, verlief die Entwicklung der französischen Talbot: Darracq, einst einer der größten Autohersteller Frankreichs, wurde 1920 nach seiner Eingliederung in den STD -Konzern umbenannt in Automobiles Talbot, Suresnes. Es kaum Elemente, die die drei STD -Marken (Sunbeam, Talbot GB, Talbot F) verbanden. Der französische Talbot-Zweig hatte mit der englischen Schwester trotz Namensgleichheit nichts gemein, sondern führte die Entwicklung des Darracq-Erbes weiter. Bis Mitte der Dreißiger entstanden zuverlässige, ordentlich gebaute Autos, die teilweise bis tief in die Fünfziger hinein durchhielten. Ansonsten hatten sie mit den englischen Talbot nichts gemein außer den geringen Stückzahlen. Die STD -Gruppe war von Anfang an planlos geführt, weshalb ihr allmählich die Finanzen ausgingen. 1935 brach STD zusammen.

Der Retter: Antony Lago 

 Während die englischen Reste (Talbot und Sunbeam) bald von der Rootes-Gruppe aufgesogen wurden, nahm sich ein Mann von Format und Geschmack der französischen Talbot an: Antony Lago. Unter dessen begabter Hand wuchs Talbot Lago zu einem der großen Namen der klassischen Ära im französischen Automobilbau. Diese fabelhaften Autos hatten Erfolge auf Rennstrecken, wurden von den schicksten Karossiers aufgebaut und standen in den Garagen der Reichen und Schönen.

1951 kam die erste Finanzkrise; dank externer Geldspritzen brachte Talbot Lago ein letztes Modell heraus, den kraftvollen wie eleganten Grand Sport . Leider war der zu teuer – 1958 verkaufte Antony Lago sein Lebenswerk an den Simca -Konzern.

Wenig Glanz im Hause Rootes 

 Dem englischen Talbot-Splitter wurde weniger Glamour zuteil. Im Rootes-Konzern fasste man die STD -Fragmente zu einer Marke zusammen. Zunächst füllte Sunbeam-Talbot die Position sportlicher Luxusautos im Rootes-Konzern, die Modelle 80 und 90 vereinen guten Stil mit Dynamik. Allein, der Doppelname Sunbeam-Talbot war verwirrend, weshalb 1955 der Namenspartikel Talbot entfiel.

William Rootes geriet Anfang der Sechziger in Finanznöte, Chrysler eilte zur Übernahme und verleibte sich dazu noch die französische Simca-Gruppe ein. 1978 musste Chrysler zugeben, dass man für eine Expansion auf den europäischen Markt nicht den Atem hatte und zog sich zurück. Peugeot sammelte die rauchenden Ruinen von Chrysler UK, vormals Rootes Group, und Chrysler France, vormals Simca, auf und gab ihnen den Namen Automobiles Talbot. An sich keine schlechte Idee: ein klangvoller Name für ein neues Produkt – zumal Peugeot bizarrerweise die Namensrechte gleich zweimal erworben hatte, sie versteckten sich im Erbe sowohl von Simca als auch von Rootes.

Beinahe Peugeots Untergang 

 Leider hat Peugeot beim Kauf nicht genau genug hingesehen. Simca und Rootes kamen aus absolut unterschiedlichen Traditionen: französische Fronttriebler standen nun neben leicht angestaubten heckgetriebenen Autos aus England – einzig die zweifelhafte Verarbeitung war beiden gemeinsam. Aha. Das also hatte Chrysler nicht in den Griff bekommen.

Die späte Erkenntnis half wenig. Peugeot spülte viel Geld und Energie in Vertrieb und Entwicklung, stellte neue Modelle wie Talbot Solara und Tagora vor und wartete auf Kundschaft. Leider vergeblich. Es dauerte nicht lange, bis Peugeot selbst dicht am Abgrund stand. Die gewissermaßen untote Tochter drohte die Mutter leer zu saugen, ohne selbst dabei an Vitalität zu gewinnen. So kam es, dass ein ganzer Konzern zeitweise an einem einzigen Modell hing, dem Peugeot 205 .

1984 gab Peugeot die sinnlose Mühe auf, machte Talbot dicht und hoffte, dieser inzwischen völlig ruinierte Namen möge baldmöglichst vergessen werden. Die letzte eigenständige Talbot-Entwicklung, der Arizona, kam 1985 als Peugeot 309 auf den Markt.

Talbot Modelle