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Hotchkiss

Hotchkiss

Die goldene Mitte

Die Geschichte der Marke Hotchkiss begann und endete mit Waffen. Doch dazwischen gelang es dem Hersteller aus Saint-Denis, einige sehr solide Automobile zu bauen, die zum Maßstab für Frankreichs Mittelklasse wurden.

Hotchkiss nahm seinen Ursprung im amerikanischen Bürgerkrieg, als der Gründer der Firma, Benjamin Berkeley Hotchkiss, zunächst für Colt tätig war und dann seine eigene Waffenproduktion startete. Mit Ende des Krieges war auch das Geschäft mit Waffen tot, doch Hotchkiss bekam ein Angebot von der französischen Regierung und baute eine neue Fabrik in Viviez bei Rodez auf. Bald war man zum weltgrößten Waffenhersteller aufgestiegen. 1875 erfolgte ein Umzug nach Saint-Denis im Norden von Paris. B.B. Hotchkiss starb bereits 1885 mit nur 59 Jahren.

Erste Automobile

Bis kurz nach der Jahrhundertwende konzentrierte man sich weiter nur auf das Waffengeschäft, doch als die Aufträge ausblieben, beschloss man, sich mit der Herstellung von Autoteilen zu befassen. Ab Mai 1900 hatte man Aufträge von Panhard et Levassor, De Dion-Bouton, De Dietrich, C.G.V., Charron und Girardot. Am 31. Juli 1902 erfolgte der Beschluss zur Gründung einer eigenen Automobilsparte, die Lawrence Vincent Benet, dem Sohn eines amerikanischen Generals, unterstellt wurde. Das Emblem der Marke Hotchkiss mit den zwei gekreuzten Kanonen wurde dem militärischen Zeichen von dessen „Ordonance Department“ nachempfunden.
Als Anschauungsmaterial erwarb man einen Mercedes Simplex und engagierte Georges Terrasse als Konstrukteur, der zuvor bei Mors in Diensten gestanden hatte. Ab Anfang 1904 lief die Produktion der ersten Modellpalette an, die die Modelle C, D und A mit 18, 36 und 70 HP umfasste.

Erste Erfahrungen im Rennsport

Bereits 1903 hatte man Fahrzeuge zum Rennen Paris – Madrid gemeldet, die aber nicht fertig geworden waren. 1904 nahm der neue Rennwagen Typ E mit 80 HP an den Vorausscheidungen zum Gordon Bennett-Rennen teil, die drei Fahrzeuge kamen aber nicht ins Ziel. Auch seine Nachfolger, die Typen H und HH, konnten die Erwartungen nicht erfüllen. So zog Lawrence Benet Ende 1906 die Notbremse und setzte die Teilnahme am Rennsport aus.

Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg

Der Auftragsentwicklung tat der mäßige Erfolg im Rennsport keinen Abbruch. Die Bücher waren gut gefüllt und bald gab es auch einen Verkaufsraum auf den Champs-Élysées. 1907 kamen mit den Typen L und O mit 30 und 35 HP die ersten Sechszylinder und auch das Vertriebsnetz wurde um Verkaufsstellen in England, Australien, Belgien und den USA erweitert. 1909 erstreckte sich die Palette vom Typ Z mit 12 HP bis zum Typ K mit 70 HP und 9485 cm³ Hubraum. Doch die Palette war inzwischen so unübersichtlich, dass sie die Kunden nur noch verwirrte. Daher wurde eine Neuorientierung beschlossen und man beschränkte sich auf nur noch zwei Modelle: den Typ X6, einen Sechszylinder mit 20/30 HP, und den Typ AB, einen Vierzylinder mit 18/22 HP. Bis zum Ausbruch des Krieges beschränkte sich die Entwicklungsabteilung unter Henry Mann Ainsworth und ab 1910 Maurice Sainturat nur noch auf die Perfektionierung dieser Typen. Letzter Vierzylinder vor dem Krieg war der Typ A6.

Krieg und Neuanfang

Der Krieg bedeutete für Hotchkiss wieder eine Konzentration aufs Waffengeschäft. Die Werkzeugmaschinen wurden bei den Automobiles Pilain in Lyon-Monplaisir installiert, um dort Maschinengewehre zu produzieren. Zudem kaufte man eine Fabrik im englischen Coventry, um höhere Stückzahlen liefern zu können. Die Leitung dieser Fabrik übernahm H.M. Ainsworth. Nach dem Krieg wurden dort Motoren für verschiedene englische Auto- und Motorradhersteller produziert, ehe man die Fabrik Anfang der Zwanziger an Morris verkaufte.
In Frankreich begann die Autoproduktion zunächst mit dem 18 HP-Vierzylinder Typ AH, der 1921 in einer Form mit oben hängenden Ventilen zum Typ AL wurde. Parallel arbeitete Maurice Sainturat an einem Luxusmodell mit Sechszylinder, das als Typ AK auf den Markt kommen sollte und dem Hispano-Suiza H6 Konkurrenz machen sollte. Nach dem Bau von zwei Prototypen wurden dieses Vorhaben jedoch gestoppt.

Auftritt AM

Nach dem Umzug der Waffensparte an den Quai Michelet in Levallois-Perret konzentrierte man sich in Saint-Denis komplett auf die Autoproduktion. Auf Wunsch der Händler, die im schwierigen Umfeld der Nachkriegszeit einen 12 HP-Wagen forderten, lancierte man 1923 den Typ AM mit Vierzylindermotor. Dieser traf die Vorstellungen der Klientel und bestimmte mit seinem 1925 erschienenen Nachfolger AM2 die Geschicke der Marke über sechs Jahre im Alleingang. H.M. Ainsworth, inzwischen zum Chef der Autosparte aufgestiegen, und Chefkonstrukteur Alfred Herbert Wilde setzten nunmehr auf die Mitte des Segments, und der AM und seine Nachfolger prägten schnell den neuen Werbeslogan „La voiture du juste milieu“. Die Hotchkiss-Wagen waren oberhalb der populären Fahrzeuge der Massenhersteller angesiedelt, setzten sich aber von den Wagen der Luxusklasse aber deutlich ab, ohne diesen jedoch in Sachen Fahrleistungen viel nachzustehen. Dies drückte sich im zweiten Werbespruch der Marke aus: „Tranquille à cent“, ruhig bei 100 km/h, einer Geschwindigkeit, die von der Konkurrenz meist noch nicht erreicht wurde.

Erfolge in Serie

1929 erschien mit dem von Bertariore entwickelten AM80 wieder ein Sechszylinder im Programm, der mit 41.000 Kilometern in Montlhéry bei einem Schnitt von 106 km/h und 46 Weltrekorden gleich seine Qualitäten unterstrich. Trotz Wirtschaftskrise und Streiks konnte der Sechszylinder sich in verschiedenen Versionen wieder etablieren.
Den ersten richtigen Erfolg im Rennsport feierte die Marke 1932 aber mit dem Vierzylinder-Typ 411, als man den ersten von sechs Siegen bei der Rallye Monte Carlo einfuhr. Dasselbe sollte Hotchkiss auch in den Jahren 1933, 1934, 1939, 1949 und 1950 gelingen. Auch weitere Rennen wie Paris – Nizza oder Lüttich – Rom – Lüttich konnte man in den Dreißigern gewinnen, womit dieses Jahrzehnt zum erfolgreichsten der Marke im Rennsport wurde.

Neue Wege

Trotz der guten Auftragslage, die die Produktion 1934 auf 600 Fahrzeuge pro Monat ansteigen ließ, begann man langsam, sich nach weiteren Einnahmequellen umzusehen und verkaufte ab 1934 Laffly-Lastwagen mit eigenen Motoren, ehe man 1936 mit den Typen PL und PLL die ersten komplett eigenen Lastwagen herstellte. Dies wurde nötig, weil die Waffensparte, die bis dahin immer für eine gesunde Finanzdecke gesorgt hatte, per Dekret ab Ende 1936 verstaatlicht wurde.
1938 fertigte man für Amilcar deren letztes Fahrzeug, den Compound, der eine Entwicklung von Jean-Albert Grégoire war, sich aber aufgrund seines hohen Preises nur in 700 Exemplaren verkaufen ließ. 1939 standen die Bänder wegen fehlender Aufträge zeitweise still.

Kurzes Aufbäumen

Während des Krieges war man mit der Herstellung von Lastwagen, Panzern und Traktoren ausgelastet. Nach dem Krieg sollte man zunächst nur einen kleinen Lastwagen, den Typ PL20, bauen, weil der Bau von Autos zunächst ausschließlich für Exportzwecke gestattet war. Ab Ende 1948 baute man die alten Modelle mit Vier- und Sechszylinder von vor dem Krieg weiter, die nun in modernisiertem Gewand auf die Namen Artois, Bretagne, Roussillon, Touraine und Gascogne hörten.
1949 entschied man sich noch einmal zur Zusammenarbeit mit Grégoire und baute ab 1951 dessen hochmodernen Entwurf, der als Hotchkiss-Grégoire auf den Markt kam. Er verfügte über Frontantrieb und eine Leichtmetallkarosserie, war aber zu unausgereift und auch zu teuer, so dass er bereits 1952 wieder eingestellt wurde.
Als letzte Modellreihe erschien mit der Technik des AM80 der Anjou mit einem Kleid, das einen Sommer später aber schon wieder aus der Mode war. Da half auch die von Chapron eingekleidete Cabrioversion Anthéor nichts. So wurde die Personenwagenproduktion von Hotchkiss Ende 1953 eingestellt.
Die Firma baute danach noch Lastwagen zusammen mit Delahaye und den Willys-Jeep in Lizenz. Ende der Sechziger verschwanden auch die Lastwagen und die Marke Hotchkiss, die sich 1956 mit der Brandt-Gruppe zusammengetan hatte. Heute findet sich das Konglomerat im Verbund des Elektronikherstellers Thomson SA.

Hotchkiss Modelle

  • AM 2

    “Die goldene Mitte” – dahinein setzte sich Hotchkiss in seiner Anzeigenkampagne ab 1924. In der ...

  • JH


  • Anjou


  • Artois


  • GS1


  • V