2/10 PS Kommissbrot Hanomag

2/10 PS Kommissbrot

Technische Daten

Hersteller Hanomag

Chausseewanze

Die Einführung der stabilen Rentenmark bedeutete 1924 für die Hanomag den Wegfall des Exportgeschäfts. Man musste kleinere Brote backen – Kommißbrote!

Bis Mitte der zwanziger Jahre war die Hanomag vor allem als Hersteller von Lokomotiven bekannt und machte durch die Inflation nach dem Krieg auch einen guten Teil des Umsatzes im Ausland. Doch die Nachfrage ging bald zurück und durch die neue, stabile Währung war auch der Wettbewerbsvorteil im Ausland dahin, so dass man sich gezwungen sah, den Löwenanteil des Umsatzes auf dem Heimatmarkt zu erzielen.

Not zur Neuausrichtung

Der neuen Direktion war dies seit 1922 bewusst und man hatte zwei Jahre später auch schon den Schritt vom motorisierten Tragpflug zum ersten Ackerschlepper getan. Doch der moderne Maschinenpark war noch immer bei weitem nicht ausgelastet. Die Rettung bot sich Direktor Gustav ter Meer und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Klapproth Mitte 1924, als die beiden Konstrukteure Carl Pollich und Fidelis Böhler ihr Konzept für einen einfach herzustellenden Kleinwagen vorstellten – und zwei fertige Prototypen gleich mitbrachten.
In der Führung der Hanomag war man schnell überzeugt und kaufte das Konzept samt Prototypen und Konstrukteuren, die ab 1. August 1924 in Hannover-Linden angestellt waren. So betrat die Hanomag mit dem etwas weiterentwickelten 2/10 PS im Dezember die Bühne der Berliner Automobil-Ausstellung. Die Resonanz des Publikums blieb jedoch eher verhalten – zu viele Hersteller ungewöhnlicher Kleinwagen hatte man schon kommen und noch schneller wieder gehen sehen…

Pionier der Fließfertigung

Zu Unrecht, wie sich zeigte, denn der ab 1925 verkaufte 2/10 PS, der nach der ursprünglichen Absicht seiner Väter Böhler und Pollich eigentlich ein Motorrad hätte werden sollen, war ein wohldurchdachtes, pflegeleichtes und dabei preiswertes Wägelchen. Um allerdings beim angepeilten Verkaufspreis von RM 2000,- für die günstigste Version – der Hälfte eines Opel Laubfrosch – noch profitabel zu sein, strebte man eine weitgehend automatisierte Fertigung an. Entsprechende Anregungen holte man sich bei einem Besuch der Ford-Werke in Amerika.
Zu haben war das zweisitzige „Kommißbrot“, wie der Wagen wegen der formalen Ähnlichkeit mit der Tagesration des tapferen Soldaten bald hieß, in vier verschiedenen Ausführungen: als Cabriolet, als Limousine, desgleichen als Limousine mit abnehmbarem Dach und schließlich als Lieferwagen. Bald schon kursierten weitere Spitznamen wie „Kohlenkasten“, „Chausseewanze“ oder „rasender Gartenstuhl“, die meist einen abwertenden Unterton hatten.

Einfache Herstellbarkeit

Das Rückgrat des Wagens bildete ein U-Profil-Rahmen mit einem Holzgerüst, das mit Stahlblechen beplankt war. Die Bodenplatten bestanden ebenfalls aus Holz. Begünstigt durch den hinten quer angeordneten Einzylindermotor ergab sich eine sehr harmonische Linienführung. Die Kotflügel der fortschrittlichen Pontonform waren anfangs punktgeschweißt, später verschraubte man sie im Sinne einer besseren Austauschbarkeit wieder.
Die 10 Pferde wurden über eine Stahlkette direkt an die Hinterachse weitergegeben. Damit war der je nach Version zwischen 370 und 450 Kilo schwere 2/10 PS bis zu 60 km/h schnell. Mehr als genug für die noch überwiegend geschotterten Straßen der Zeit.

Ein Hoch auf den Minimalismus!

Ansonsten hatte der Wagen nur das Nötigste an Bord: einen Zyklopenscheinwerfer in der Mitte (ab Anfang der Dreißiger waren zwei Lampen Vorschrift und mussten nachgerüstet werden), nur eine Tür auf der Beifahrerseite und einen Tachometer als einziges Instrument. Dazu bot das Armaturenbrett drei Knöpfe für die elektrische Anlage, die Beleuchtung und die Hupe. Wer unbedingt Gepäck mitnehmen musste, konnte dies auf einer Halterung im Heck befestigen Kein Wunder, dass der Volksmund bald spottete: „Zwei Kilo Blech, ein Döschen Lack, fertig ist der Hanomag.“

Wartungsfreundlich und günstig

Gegen den Trend der Zeit saß der Fahrer immer rechts (erst 1931 hatte er in Deutschland per Gesetz links zu sitzen). Gestartet wurde mittels Reversierstarter, einem Seilzug in der Mitte zwischen den Sitzen. Das Dreiganggetriebe wurde rechts des Fahrers bedient, das Gaspedal saß in der Mitte und die Bremse rechts. Trotz dieser eher ungewöhnlichen Anordnung war es auch für Ungeübte nicht schwierig, den „Kleinen Hanomag“ zu bedienen. Dazu war der Wagen sehr wartungsfreundlich. Durch die Direktölschmierung war selbst ein Ölwechsel nie nötig – man musste nur immer genug nachfüllen…
Fast unschlagbar günstig war der Unterhalt des Wagens, der sich mit gut vier Litern Benzin auf 100 km begnügte, so dass man mit nur 2,2 Pfennig pro Kilometer kalkulieren musste. Entsprechend stiegen die Stückzahlen und erreichten für 1927 bereits 7500 Exemplare. Und manch stolzer Besitzer mag sich seine spezielle „Kommißbrot-Garage“ aus Wellblech geleistet haben, die Hanomag für RM 225,- gleich mit anbot.

Erfolg im Sport

Für mehr Popularität sorgten auch die Einsätze bei diversen Berg- und Langstreckenrennen. Erfolge feierte vor allem der bei der Hanomag als Konstrukteur tätige Hellmuth Butenuth, zuvor schon bekannt als Hersteller der Bufag Drei-Rad-Autos. Bei den Rennen trat er mit speziell karossierten Wagen an, darunter ein bei der Firma Mohrhoff in Hannover eingekleideter Korbrennwagen. Neben Butenuth taten sich vor allem der Journalist Wilhelm Hoepfner und Liliane Roehrs, Frau eines hannoveraner Hanomag-Händlers und spätere Präsidentin des DDAC (Deutscher Damen Automobil Club), hervor. Auch die erste Startreihe des Eröffnungsrennens am Nürburgring 1927 bildeten drei Kommißbrote…

Konkurrenzdruck

Die Markteinführung des kleinen Dixi 3/15 PS Ende 1927 setzte die Herrschaften in Hannover-Linden unter Druck, bekam man in Eisenach doch mehr Auto fürs Geld. Der von Carl Pollich entwickelte Nachfolger 3/16 PS orientierte sich denn auch formal deutlich an der Konkurrenz, Heckmotor und Pontonform waren Geschichte. Das Kommißbrot, das die Hanomag unter den führenden deutschen Autoherstellern etabliert hatte, verabschiedete sich nach 15.775 gebauten Fahrzeugen. Heute ist es das bekannteste Modell der Markengeschichte und relativ teuer – aber immer noch erschwinglich.

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