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Grade

Grade

Hans Grade war ein Mann von großer technischer Begabung, dazu hatte er das Glück, dass er in einer Zeit lebte, in der er diese Begabung auf jedem beliebigen Feld ausleben konnte.

Er fing 1903, 24 Jahre alt, mit dem Motorradbau an, gründete dann eine Fabrik für Kleinmotoren und gehörte ein paar Jahre später zu den ersten, die ein Flugzeug bauen und damit auch fliegen konnten. Bald hatte er eine eigene Flugzeugfabrik und einen Flugpostdienst. Die Kriegsjahre brachten weiteren Aufschwung, der Versailler Vertrag das Verbot von Flugzeugbau in Deutschland. Also wandte er sich Autos zu und gründete 1921 seine dritte Fabrik, die Hans Grade Werke GmbH.

Der Gradewagen: eine seltsame Konstruktion

Im selben Jahr stellte er den Gradewagen auf der Berliner Automobilausstellung vor. Selbst unter den seltsamen Konstruktionen der Zeit stach dieses Auto hervor: Die Karosserie hat einen linsen- oder bootsförmigen Grundriss, in der bauchigen Mitte finden zwei Personen Platz, in der Spitze vorn ein Einzylinder-Zweitaktmotor, hinten das Reibradgetriebe. In vielen Details lehnte Grade sich an den Flugzeugbau an, so steht etwa die Lenksäule waagerecht, ihre Bewegungen überträgt sie durch ein ausgeklügeltes System aus Zügen auf die Vorderachse. Das Verdeck ist zeltartig über die Sitze zu klappen. Clou und zugleich größte Schwachstelle ist das Getriebe: Hinter der Kabine ist senkrecht in Fahrtrichtung stehend ein großes Schwungrad installiert. Die linke Seite des Rades ist als plane Fläche ausgeführt und mit Leder bezogen; quer auf diese Fläche wirkt ein kleines Antriebsrad, das direkt an den Motor gekoppelt ist. Der Fahrer verändert die Übersetzung, indem er das Antriebsrad radial auf der Seitenfläche des Schwungrads verschiebt. Je näher das Antriebsrad an der Achse des Schwungrads abrollt, desto kleiner ist die Übersetzung.

Genial, aber so gut wie unbrauchbar

Dem normalen Gebrauch konnte dieses Getriebe nicht standhalten. Dennoch gab es offensichtlich erstaunlich viele Automobilisten, die sich den Gradewagen zumuteten. Schon 1922 bekam das Auto einen Zweizylinder, später wuchs die Leistung allmählich weiter, ab 1926 konnte man sogar einen Vierzylinder-Grade kaufen. 1928 war dann die Entwicklung rundum soweit fortgeschritten, dass sich niemand mehr das Reibradgetriebe antun wollte, das Gradewerk stellte den Betrieb ein. Obwohl rund 2000 Autos entstanden sein sollen, sind nur noch eine Handvoll Exemplare erhalten – und auch die weiß kaum jemand mehr zu bedienen.

Grade Modelle