Rosalie Citroen

Rosalie

Technische Daten

Hersteller Citroen

Rosalie – Mädchen für alle

Wenn die Zahl der Kunden dramatisch abnimmt, muss man eben den Geschmack der verbleibenden umso genauer treffen.

Anfang der Dreißiger Jahre war die Lage am Automarkt nicht eben rosig. Die Verkaufszahlen hatten sich in Frankreich gegenüber 1929 um 22% verringert und bereits einige Hersteller in massive Schwierigkeiten gebracht. So wurde es zur existentiellen Aufgabe der Ingenieure, den Kundengeschmack zu treffen. Bei Citroën sollte die neue Rosalie als Nachfolgerin der Modelle C4 und C6 den Bedürfnissen eines jeden einzelnen Kunden Rechnung tragen.
Zumindest mag dies im Rückblick so erscheinen, denn Citroëns neues Modell folgte zwar dem Ziel der Ein-Modell-Politik von André Citroën, es sollte aber trotzdem sowohl den Bäckermeister als auch die moderne Dame oder den Mann von Welt mobil machen. Das Ergebnis der umfassenden Marktanalyse musste so zwangsläufig zu einer Vielzahl unterschiedlicher Modellvarianten führen. Doch der Reihe nach…

Schwierige Rahmenbedingungen

Anfang der Dreißiger Jahre ließ die Entwicklung des Autos keine neuen Quantensprünge mehr erwarten, so dass man ohne größere Probleme mit einem Modell vier oder fünf Produktionsjahre erreichen konnte. Das ermöglichte auch die zunehmende Automatisierung, die allerdings große Investitionen in Pressen und Werkzeuge nötig machte. So musste man einen Mittelweg finden, der es ermöglichte, Werkzeuge über die komplette Laufzeit zu verwenden und trotzdem die Wagen der aktuellen Mode anzupassen. Erschwerend kam die vielschichtige Kundschaft hinzu, die auf dem Land oder im Gebirge ganz andere Ansprüche an ein Auto hatte als in Paris.
So wurde beschlossen, die aus den Vorgängern bekannten Motoren mit 10 bzw. 15 CV weiterzuverwenden und die Baureihe mit einer kleinen 8 CV-Motorisierung nach unten hin abzurunden. Ein zeitgleich entwickelter Kleinwagen, der wie später der 2CV als TPV (toute petite voiture) firmierte, sollte jedoch nicht in Serie gehen. Bei der Entwicklung arbeitete man nicht nur mit Ambi Budd zusammen, wo man die Werkzeuge für die Karosserien bezog, sondern auch mit Chrysler, wo man zu diesem Zeitpunkt mit 900 Ingenieuren über die größte Entwicklungsabteilung verfügte.

Zahllose Varianten

Damit fiel die Rolle des Einstiegsmodells bei Citroën der Berline 8 A demi-luxe zu, einem Einfachstmodell, das die Händler in den Verkaufsräumen als abschreckendes Beispiel stehen ließen, um den Kunden die teureren Versionen schmackhaft zu machen. Daneben gab es allein den 8 A in 15 weiteren Karosserievarianten, dazu den 10 A Légère auf dem gleichen Rahmen, aber mit dem größeren 1,8-Liter-Motor, den 10 A auf einem größeren Fahrgestell sowie den 15 A mit Sechszylinder, der ein noch einmal im Radstand verlängertes Chassis besaß und ebenso in einer Légère-Variante zu haben war. Dazu führte der Katalog acht verschiedene Lieferwagen mit 500 kg Nutzlast sowie fünf mit deren 800 kg. Wem all das noch nicht genug war, der konnte sich auch ein nacktes Fahrgestell bestellen und selbst einkleiden lassen.
Allen Varianten gemein war die groß geschriebene Sicherheit. Der umsichtige Citroën-Fahrer sollte vor den Unwägbarkeiten des Straßenverkehrs geschützt werden. So war die Kabine so steif ausgelegt, dass man es sich in der Werbeabteilung erlauben konnte, einen fünf Tonnen schweren Bus auf das Dach einer Berline 8 A zu stellen, deren Türen unter dieser Last immer noch zu öffnen waren. Auch Securit-Glas hielt bei Rosalie Einzug in die Serie.
Daneben sollte die Technik natürlich verlässlich sein und wurde entsprechend hart erprobt. Wichtigstes Merkmal, gekennzeichnet durch den Schwan am Kühler, war der schwebend gelagerte Motor (moteur flottant), der die Insassen vor Antriebseinflüssen bewahrte. Das Dreiganggetriebe verfügte über einen Freilauf, der via Hebel zu aktivieren war.

Fulminantes Debüt

Als der 26. Pariser Salon am 6. Oktober 1932 eröffnet wurde, war das Publikumsinteresse riesig. Am Stand von Citroën war der Andrang auf die neuen Modelle so groß, sodass man kaum die Möglichkeit hatte, die Exponate richtig in Augenschein zu nehmen. An elf Tagen fanden über 300.000 Menschen den Weg ins Grand Palais. Die bereitgestellten Rosalie-Vorführwagen legten allein am ersten Tag über 200 Kilometer auf den Champs-Élysées zurück. Am 13. Oktober nahm sich Präsident Albert Lebrun sehr viel Zeit, um sich die einzelnen Modelle auf dem Stand von Citroën erklären zu lassen – Louis Renault soll vor Neid fast verrückt geworden sein…
Zusätzlich zur Präsentation im Grand Palais setzte Citroën die Rosalie auch im eigenen Verkaufsraum am Place de l’Europe in Szene – und konnte in den elf Tagen des Salons 189.000 Besucher begrüßen! Auch auf dem Land war die Resonanz dank einer generalstabsmäßig geplanten Werbekampagne groß. Über Monate tourten die bereits von den Vorgängern bekannten Karawanen durch Frankreich, und so manches Etablissement an der Strecke soll sich gefreut haben, wenn der Chef der Karawane seine Fahrer zur Zerstreuung dienstverpflichtete…

Auf Rekordjagd

In Zusammenarbeit mit dem Ölspezialisten Yacco startete Citroën zwischen 1931 und 1937 zahlreiche Rekordversuche in Montlhéry. Rosalie 5 auf Basis des 15 A Légère legte in 571 Stunden 90.073 km zurück und holte 28 Weltrekorde in der Klasse bis drei Liter Hubraum. Berühmt wurde jedoch vor allem die Petite Rosalie (oder Rosalie 4) auf Basis der 8 A, die nach 133 Tagen ununterbrochener Fahrt, gestartet im Februar 1933, 300.000 km mit einem Schnitt von 93,4 km/h zurücklegen konnte.

Weiterentwicklung

Um mit der schnell wechselnden Mode mithalten zu können, gab es bereits ab Januar 1934 eine Serie B NH im neuen Kleid (NH = nouvel habillage) und mit unabhängiger Vorderradaufhängung, die aber nur einen kurzen zweiten Frühling tanzen durfte, bis sie mit Erscheinen des Traction Avant schlagartig uralt aussah. Nichtsdestotrotz sollte Rosalie im Schatten der dynamischeren Schwester bis zum zweiten Weltkrieg überleben, vor allem in Form der Lieferwagenversionen 7 UA und 11 UA, die von den neuen Motoren profitierten. 1937 debütierte auch ein Diesel in der Rosalie, der eigentlich schon 1934 hätte erscheinen sollen. Doch trotz der langen Entwicklungszeit erwies sich das Aggregat als nicht ausgereift. Es sollte bis 1976 der letzte Diesel-Pkw von Citroën bleiben…

Produktion im Ausland

Neben der Produktion im Stammwerk wurde die Rosalie auch in Belgien, Großbritannien und Deutschland sowie in Österreich produziert. Die belgischen Versionen unterschieden sich nur marginal von ihren französischen Schwestern. Dagegen produzierte man im englischen Slough Karosserien, die deutlich mehr auf den Geschmack des Heimatmarktes zugeschnitten waren und auch über ein luxuriöseres Interieur verfügten. Wegen der anderen Steuerformel auf der Insel hörten die Modelle auf die Bezeichnungen Ten, Twelve und Twenty.
Dem deutschen Reichskanzler Hitler stellte man eine Rosalie hin, die zu 95 % in Deutschland produziert wurde, um der Kampagne gegen ausländische Fabrikate den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Motor wurde von Siemens & Halske geliefert, die Karosserien stammten von renommierten Häusern wie Ambi-Budd, Deutsch, Papler oder auch Gläser. In Köln fertigte man 1933 und 1934 allerdings nur knapp 2400 Rosalies. Der österreichische Lizenzbau der Rosalie 15 A war ab September 1933 als MF6 zu haben, es entstanden aber nur zwischen 150 und 500 Fahrzeuge.

Was bleibt

Insgesamt belief sich die Produktion des Sechszylinders auf nur 7228 Stück, davon 50 in Köln. Von der Rosalie 8 wurden bis 1935 38.835 Stück produziert, die Rosalie 10 kam auf 49.249 Exemplare. Die Versionen 7 U und 11 U kamen von 1935 bis zum Kriegsausbruch auf weitere 12.319 bzw. 54.837 Exemplare (incl. Diesel). Damit blieb die Verbreitung des letzten heckgetriebenen Citroën weit geringer als die seines Nachfolgers Traction Avant. Auch in der Clubszene spielt dieses ausgereifteste Modell aus der ersten Epoche der Marke keine große Rolle mehr. Und doch versprüht die Dame Rosalie viel mehr als der Traction den Charme der Dreißiger, ohne im heutigen Verkehr zum Hindernis zu werden. Wem eines der seltenen Exemplare über den Weg läuft, der sollte es angesichts der niedrigen Preise auf einen Flirt ankommen lassen…

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