M35 Citroen

M35

Technische Daten

Hersteller Citroen
Baujahr 1969 - 1971

Ungewöhnlicher Feldversuch

  • Jeder Autohersteller ist gemeinhin um Kundennähe bemüht. Aber muss man den Kunden deswegen gleich aktiv in die Entwicklung einbinden? Citroën sagte beim Wankel-Technologieträger M35 ja!*
    Mitte der Sechziger lag eine Revolution im Motorenbau in der Luft. NSU hatte 1963 mit dem Wankel-Spider das erste Serienauto mit Kreiskolbenmotor auf den Markt gebracht. Es sollte nicht lange dauern, bis sich auch Citroën daran machte, einen Weg für die Wankel-Technologie in die Großserie zu suchen.
    Die Beschäftigung mit rotierenden Kolben war für die Franzosen dabei durchaus nichts Neues: Bereits zwischen 1938 und 1941 hatte man gemeinsam mit Renault und dem Luftfahrtministerium an einer Konstruktion von Dimitri Sensaud de Lavaud experimentiert. Der in den Ateliers de Batignolles aufgebaute Motor mit einem Kolben mit fünf Schaufeln, der in einer Art Sechseck rotierte, erinnerte an das schwedische Patent von Wallinder und Skoog von 1923. Er wollte aber nie dicht werden und die gewünschte Leistung abgeben. Am Ende ein ähnlicher Flopp wie das Automatikgetriebe desselben Konstrukteurs für den Traction Avant


Sprung auf den Wankel-Zug

1964 startete man am Quai de Javel einen neuen Versuch und traf erste Vereinbarungen zur Zusammenarbeit mit NSU , die ein Jahr später in der Firma Comobil mit Sitz in Genf mündeten. Ziel dieses Joint Ventures war die Entwicklung eines Citroën für die Großserie, der von NSU mit Wankelmotoren bestückt werden sollte. Das Projekt F wurde jedoch kurz vor Serienanlauf 1967 gestoppt. Aus Comobil wurde die Comotor SA mit Sitz in Luxemburg, die nun beide Hersteller mit Wankelmotoren beliefern sollte. Zu diesem Zweck wurde 1969 in Altforweiler im Saarland ein großes Gelände für eine Motorenfabrik gekauft.
Bei Citroën war die Arbeit an einem Wankel-Auto auch nach dem Tod von Projekt F nicht ganz eingeschlafen. Man musste nur auf die Basis des Ami, also Projekt M, zurückgreifen, dessen 35. Variante inzwischen erreicht war. Der Wunsch der Ingenieure für M35 war, dass neben den eigenen Testergebnissen auch die Erfahrungen der Kunden mit in die Entwicklung einflossen. Dazu wollte man still und heimlich ein paar Vielfahrer als Testkandidaten gewinnen. Doch schnell herrschte die Auffassung, dass eine solche Aktion nicht zu verheimlichen wäre und der Marke so nur schaden könnte.

Werbung für einen Unbekannten

Die Konsequenz daraus: Man startete eine Werbeaktion und suchte Freunde der Marke, die in Frankreich leben mussten, mindestens 30.000 Kilometer im Jahr fahren würden und ihre Erfahrungen an Citroën weiterreichten. Das exklusive Vergnügen, einen Prototypen bewegen zu dürfen, musste den Kandidaten zudem 14.000 Francs wert sein, was dem Preis einer DSpécial oder einem halben NSU Ro80 entsprach. Wie der Wagen aussehen würde, war den Leuten dabei nur sehr vage aus der Presse bekannt.
Die anfänglichen Zweifel, ob sich überhaupt jemand finden würde, der unter diesen Umständen eines der maximal 500 Autos haben wollte, waren schnell ausgeräumt. Es meldeten sich zum Verdruss der Entwickler gleich 5.000 Leute, so dass man einem Großteil wieder absagen musste…

Erste Prototypen

Ende 1969 waren bei Heuliez in Cerizay die ersten sechs Karossen fertiggestellt. Die Front ähnelte stark dem neuen Ami 8 , doch hatte man dem Wagen die Silhouette eines 2+2-sitzigen Coupés verpasst, die nicht unbedingt das Prädikat „schön“ verdiente. Unter dem Blech verbarg sich eine modifizierte Plattform des Ami, die mit einer Hydropneumatik ausgestattet war. Das Herz war der Einscheiben-Wankel KKM 500 mit 49 PS, was eine eher moderate Leistungsausbeute bedeutete, aber den Verbrauch halbwegs in Grenzen hielt. Die 497,5 cm³ des Motors galten wie 995 cm³ eines Hubkolbenpendants, so dass der Wagen wie ein Fahrzeug der Einliterklasse besteuert wurde.
Die ersten Wagen bekamen ein gelbes und ein schwarzes Kleid, die an Kunden ausgelieferten Fahrzeuge waren dann alle grau (AC 113) lackiert und trugen auf den vorderen Kotflügeln den Schriftzug „prototype Citroën M35 n° x“ sowie einen erklärenden Aufkleber im Heckfenster. Um den Kunden den Umgang mit dem hochdrehenden Wankel zu erleichtern, gab es einen Drehzahlmesser samt Warnton, der bei Erreichen des roten Bereichs bei 6800 Touren den nächsten Gang des neuen GS -Getriebes forderte.

Erfahrungen im Alltag

Dass man schnell in den roten Bereich drehte, war auch ein Manko des Motors, der als absolut zäher Geselle empfunden wurde und alle Gaspedalstellungen unter Vollgas zu ignorieren schien. Das Ergebnis waren 10,3 Liter Verbrauch auf 100 km. Zudem musste dem Benzin immer noch etwas Öl zur Schmierung zugegeben werden, wodurch sich ein Ölverbrauch von 0,6 Litern auf 1000 km ergab. Der wurde durch die schwierige Dosierung in Kundenhänden aber auch gern deutlich überschritten.
Wirklich positiv fiel nur die sehr komfortable Hydropneumatik auf, die sich in ähnlicher Form auch im GS wiederfand. Dazu durften sich die Käufer als bevorzugte Kunden fühlen, denn liegengebliebene Fahrzeuge wurden umgehend von Citroën geborgen und es gab ein Ersatzfahrzeug für die Zeit der Reparatur. Damit es nicht zu viele dieser Fälle gab, beschloss man schon bald nach dem Start des Projekts, die Stückzahl um die Hälfte zu reduzieren. Letztlich wurden bis 1971 nur 267 Fahrzeuge gebaut, die Zahlen auf den Kotflügeln hörten durch Überspringen einiger Nummern am Ende dennoch bei 500 auf…

Ende des Experiments

Angesichts der Schwächen des Wagens war es für Citroën nicht schwer, einen Großteil der Fahrzeuge nach Ablauf von zwei Jahren Testphase zu sehr guten Konditionen in Zahlung zu nehmen. Wer sein Fahrzeug behalten wollte, musste eine Einverständniserklärung unterschreiben, dass Citroën keinerlei Ersatzteile bevorraten müsste. So überlebten am Ende nur etwa 60 Fahrzeuge, der Rest wurde von Citroën verschrottet.
Aus heutiger Sicht wäre es möglich, den Motor für mehr Zuverlässigkeit zu modifizieren. Trotzdem machen die vielen Spezialteile und der Prototypencharakter den M35 zum absoluten Exoten mit meist hoher Laufleistung, denn insgesamt spulten die Fahrzeuge etwa 30 Mio. Kilometer ab – eben nur etwas für die wirklich eingefleischten Citroënisten.

Modellvarianten M35

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