Der Traum vom Truck

Der Traum vom Truck

Von wegen Fernfahrerromantik: Während wir uns früher wünschten, mit einem 38-Tonner durch exotische Länder zu rollen, ist der LKW heute das Hindernis, welches wir am liebsten verfluchen. Schade eigentlich, findet Wiebke Brauer.

„Franz Meersdonk. Günter Willers. Und ihre Maschinen. 320 PS. Sie fahren Terminfracht in alle Herren Länder. Auf sie ist Verlass.“

So beginnt der Vorspann der Serie „Auf Achse“, die von 1980 bis 1996 in der ARD im Vorabendprogramm lief. In den Hauptrollen: Manfred Krug als Franz Meersdonk und Rüdiger Kirschstein als Günther Willers. Vor den Fernsehgeräten: Kleine Jungs – und ein paar Mädchen – die mit dem Hosenboden auf der Fußboden in der Wohnstube saßen, einen Spielzeuglaster in der Hand hielten und echte Kerle dabei beobachteten, wie sie auf Zahnstochern herumkauten und sich auch mal auf die Schnauze hauten, wenn es sein musste. Und die davon träumten, einmal Fernfahrer zu werden.

Es dauerte nicht lange, da dämmerte auch dem letzten Kind, dass die Fernfahrerromantik seine Tücken hat und nicht nur aus Diesel, Schweiß und der Sehnsucht nach fernen Ländern besteht. Irgendwann hatten wir alle mitbekommen, dass die Kapitäne der Landstraße unter Termindruck fahren, sich in ihren Kabinen nachts wahlweise zu Tode schwitzen oder frieren, dass sie Speditionen und digitale Fahrerkarten im Nacken haben, die früher einmal Fahrtenbücher hießen. Ihre Maschinen besitzen keine Assistenzsysteme wie Abstandsregeltempomaten, sie fahren übermüdet auf Stauenden auf, sie verbrennen in ihrem Fahrerhaus. Brummis, wie man sie früher einmal nannte, besitzen keine Lobby. Wir beschimpfen sie als Hindernis, ordnen sie wahlweise als arme Hunde aus dem Ostblock ein oder werfen einen kurzen Blick auf das Landeskennzeichen, um sie rasch in eine der unteren Schublade einzusortieren. („Ah, Holländer. Die fahren am schlimmsten.“)

Wahrscheinlich hat diese Fernfahrerromantik nie existiert und war schon in den 70er Jahren eine mit Testosteron und Dieselruß geschwängerte Illusion, gemischt aus unzähligen Pferdestärken, Fernweh und dem Trugbild des „Lonesome Riders Landstraße“. Wahrscheinlich waren die Jungs immer unterbezahlte Asphalt-Knechte, die sich in ihrer Freizeit zum zehnten Mal „Convoy“ mit Kris Kristofferson ansahen, davon träumten, mit einer Lady mal das Brettspiel „Auf Achse“ zu spielen und ansonsten vor Einsamkeit vergingen. Man weiß es nicht. Schließlich spricht man im Normalfall nicht mit ihnen, man liest und hört nichts über sie – es sei denn, in den Verkehrsnachrichten. Vielleicht eine gute Gelegenheit, ein bisschen weniger über die Kerle und ihre Kisten zu schimpfen. Und unter uns: Mich fasziniert die Melange aus Mann, Meile und Maschine noch immer. Und ich kann es mir nicht verkneifen, manchmal zu ihrer Fahrerkabine empor zu grinsen wie ein achtjähriges Gör vor der Glotze. Sie bekommen es meist nicht mit. Muss ja auch nicht.