Ode an ein Lemon-car

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Chrysler LeBaron

oder wie ich lernte eine Gurke zu lieben
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Ich wurde dann positiv überrascht, zwar tuntenbrombeer-metalic wie mein Van, doch viel Chrom aussen , dunkelrote, damals aufpreispflichtige Kunstlederausstattung, welche bei kurzberockten Beifahrerinnen schonmal zu Verbrennungen 1. Grades führen kann, sowie einem digitalen Cockpit mit 135Tkm auf der Uhr, umrahmt von echtem Wurzelholzimitat aus Plastik, 1989 der letzte Schrei in „Amerikanien“ und wie die 4 Scheibenbremsen (ein Ami der bremst *g) Bestandteil der Premium-Version des Barons,
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der dunkelrote Innenhimmel aus Velours vervollständigte dann das Puff-Ambiente. Ein Blick unter die Motorhaube offenbarte nach kurzem Suchen, gut versteckt unter dem Luftfiltergehäuse, einen quer eingebauten 2,5ltr-4 Zylinder mit 97 bis 101PS (je nach Eintrag) und einer 3-Gang-Automatik, also „gottseidank“ kein Turbo oder der auch verbaute 3,0ltr-V6 von Mitsubishi, bei einem generellen Tempolimit von 120km/h und 90km/h in Spanien war mir das auch ziemlich wurscht.
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Nach 2 Tagen Bedenkzeit, der Ruf ist ja sowas von schlecht, habe ich ihn dann auf 2500,-Euros heruntergehandelt, ein Handgas eingebaut und mitgenommen, die erste Fahrt im ersten eigenen Cabrio fand natürlich, wir sind ja auf einer Sonneninsel, im strömenden Regen statt.
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Zuhause habe ich mich erstmal vors Internet gesetzt und stiess u.A. auf ein (sehr kompetentes) Baron-Forum, durch welches ich nicht nur etliche Tipps und Anleitungen bekam, sondern ich fand auch heraus, dass ausser der Premium-Line mein Baron noch eine Besonderheit aufzeigte, die mir bis heute zeitweise einigen Ärger bereitet: er wurde für Californien gebaut, äusserlich zu erkennen an diesen komischen Lampen unter den vorderen Sidemarkern, diesem Abbiegelicht, was zeitweise dort Vorschrift war (viele, aber nicht alle Corvettes und Cadillacs u.A. haben die auch), eine Abfrage des VIN-Codes bestätigte dieses.
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Das Abbiegelicht habe ich reaktiviert, natürlich nur um unbedarfte Fussgänger an der Ampel zu erschrecken, wenn sie beim Abbiegen sehen, wie dreckig ihre Schuhe sind, die Sidemarker und ihm seine originalen US-Rückleuchten wieder verpasst inkl. der Beleuchtung in der Kofferraumblende, leider hat der spanische TÜV (ja, sowas gibt es hier und die können richtig pissig sein*g) was gegen rote Blinker und so mussten dann zusätzliche kleine, gelbe Motorrad-Verkleidungsblinker mit E-Zeichen verbaut werden. Mittlerweile fahre ich den Baron seit 40Tkm und muss sagen, mechanisch ist er (viel) robuster als erwartet, selbst ein Zahnriemenriss bei 136Tkm, verursacht durch den Wartungsstau der 2 (blonden*g) Vorbesitzerinnen, konnte keinen Schaden anrichten, da der Motor ein sog. Freiläufer ist (8,5:1 verdichtet), welch Glück, auch das alte A424-Getriebe schaltet seine 3 Gänge immer noch butterweich, was nicht nur dem Charakter des Autos, sonder auch seinem Fahrwerk (trotz neuer Monroes rundum) zu Gute kommt.
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Aber die Elektrik ! Chrysler hat damals versucht, mittels elektronischem Motormanagement, den verschärften Abgasgesetzen Rechnung zu tragen, und das speziell auch bei meiner California-Ausführung, wo nicht nur die Abgasrückführung elektronisch „gemanagt“ wird oder die Kurbelgehäuseentlüftung einen Aktivkohlefilter besitzt, nein, dieser ist auch noch an das Steuergerät gekoppelt, also wenn schon Mist dann richtig. Im Allgemeinen birgt die Bordelektrik jede Menge Fehlermöglichkeiten, die wahrscheinlich zu dem schlechten Ruf führten, angefangen bei Steckverbindungen, die im Laufe der Jahre den Weichmacher verlieren und dann beim demontieren zu Staub zerfallen, wie mir es nicht nur beim Ausbau des Leerlauf-Stellmotors (AIS) passierte, oder die hinteren Fensterhebermotoren, die bei jedem grösseren Regen absaufen und schon im Mercedes W124 für Ärger sorgten, doch Chrysler scheint es geahnt zu haben und lässt ein Auslesen des Fehlerspeichers per Zünschlüssel zu.
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4mal Zündung anundaus und die Blinkintervalle der „Check-engine“-Leuchte mitzählen, den Code anhand (der mittlerweile im Handschuhfach mitgeführten) Codeliste erkennen und schon hat man zumindest einen Anhaltspunkt, wo der Fehler liegen könnte, und glaubt mir, sowas ist Gold wert, wenn man z.B. in Sa Calobra auf 700m Höhe liegen bleibt, weil das ASD-Relais (AutomaticShutDown) den Dienst quittiert hat, woher soll man sonst wissen, dass dieser 2Euro-Artikel die Zündung und die Benzinpumpe lahmlegt, wenn nach 15 Sekunden doch nicht getartet wird??? eine Haarklammer liess uns dann doch noch weiterfahren ;)
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Mittlerweile liebe ich diesen Wagen und nenne ihn wegen seiner ganzen Unzulänglichkeiten „Diva“, er ist fast perfekt für die Insel (eine Tour durch Spanien oder Deutschland traue ich ihm nicht zu*g) und selbst die arabischen „Kronprinzen“, die in der Woche vor Monaco-F1 mit ihren Lambos und Astons den Passeo-Maritimo in Palma unsicher machen, behandeln ihn mit sowas wie Respekt, wahrscheinlich, weil sie ihn nicht einordnen können, oder ist es etwa Mitleid, weil sie wissen, dass mich jeder 45PS-Polo an der Ampel nassmachen würde??? wie auch immer... ;)

Kommentare

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  • Profilbild von design
    Hallo Sammy, vilen Dank fuer diese Blechgeschichte. Wie Du schon weisst hatte ich auch den Baron. Einmal als Neuwagen (1jahr 33.000 Km) ohne Probleme. Die 10.000 Km Wartung war guenstiger als die von einem Freund von mir der ein grosses Enduro Motorrad fuhr :))
    Der 2. Baron war gebraucht. Hat am ersten Tag nach einer neuen Sicherung fuer das Cabroverdeck verlangt. Das wars dann auch schon. Die Versionen die hatte waren fuer den Export und wurden in Kanada oder Mexico hergestellt. Fuer das Cruisen war der 6 Zyl. wirklich passend. Das mit dem Respekt kenn ich... Einmal ist einer im Genegenverkehr beim Ampelstart einem anderen Aufgehfahren weil er den Baron naeher ansehen wollte.
  • Profilbild von Sammy
    @TheDriver:
    danke für deine aufmunternden Worte, werde zusehen, dass ich noch viel Spass habe, momentan sehe ich die "Karre" eher noch als Herausforderung an, ne Kiste die bei mir nicht läuft, gibt es nicht, trotz Rollstuhl ;)
  • Profilbild von TheDriver
    Ehrlich gesagt, ich habe immer alle bemitleidet, die ein solches Teil fahren mussten. Aber nachdem ich nun deine Geschichte gelesen habe, kann ich gut verstehen, dass man auch dieses Auto lieben kann. Es zeigt sich doch mal wieder, dass es die ganzen Unzulänglichkeiten sind, die zur Begeisterung beitragen, auch wenn das zunächst ein Widersprich zu sein scheint. Eine prima Blechgeschichte, schön geschrieben. Also, viel Spaß noch mit deiner "Gurke"!